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Bürgerinitiative vermisst bei der Entscheidung die Transparenz

Campus-Platz und Mensa-Neubau in der Diskussion

Im Juli hat das Finanzministerium ein Machtwort gesprochen: Die Mensa für den Tal-Campus der Tübinger Uni soll an der Sigwartstraße neu gebaut werden. Eine Entscheidung, die nach Ansicht der Bürgerinitiative große Nachteile hat – vor allem für den künftigen Campus-Platz.

30.11.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. „Es geht nicht nur um die Mensa“, betonte Elisabeth Thielsch bei einer Informationsveranstaltung der BI Wilhelmsvorstadt /Universitätsviertel am Dienstag in der Neuen Aula. Die BI, die sich für den Erhalt der Mensa Wilhelmstraße als Mensa einsetzt, fürchtet, dass mit einem großflächigen Mensa-Neubau gegenüber dem Paläontologischen Museum („ein Tübinger Leuchtturm“) jener Platz verbaut wird, der im städtebaulichen Ideenwettbewerb vor drei Jahren als besondere Attraktion des Sieger-Entwurfs hervorgehoben wurde.

„Eine belebte Uni-Mitte entsteht so gerade nicht“, sagte Thielsch. Durch den möglichen Abriss des Hörsaals Alte Physik von 1908 gehe außerdem ein Gebäude verloren, das neben seinem historischen Charme für die Geschichte der Tübinger Naturwissenschaften einige Bedeutung hat. Ein weiteres Argument der BI: Wenn die Mensa von Paul Baumgarten, ein Baudenkmal der Nachkriegsmoderne, weiter Mensa bleibe, könne man auf dem für den Neubau vorgesehenen Platz (aber mit viel kleinerer Grundfläche) ein Service-Zentrum für Studierende errichten und die von der Uni selbst stets beklagte „Zerhäu selung“ dieser Dienstleistungen auf zwölf Gebäude aufheben.

Die Uni, die durch Rektor Bernd Engler vertreten war, möchte im Zuge einer Rochade (Juristen aus der Neuen Aula in die Baumgarten-Mensa) das Service-Zentrum in der Neuen Aula zusammenführen. „Das wurde mit den Studenten nie besprochen“, sagte deren Sprecher Timo Berselmann, der unter anderem Barrierefreiheit für den Service monierte. Seine Forderung: „Neubau am Universitätsplatz, möglichst schnell.“ Bei den Juristen hält sich die Begeisterung über einen Umzug in die Baumgarten-Mensa dem Vernehmen nach in Grenzen.

Eine schlanke, gern auch ein paar Stockwerke hohe „Giraffe“ sei an dem Uni-Platz sinnvoller als ein breiter Mensa-„Elefant“, sagte Städtebau-Experte Andreas Feldtkeller, der die Vorstellungen der BI in einer Skizze verdeutlichte. Nur mit einer geräumigen, vielfältig nutzbaren Mitte und mit Durchlässigkeit nach allen Seiten leiste der Platz die erwünschte Verklammerung von Uni und Stadtteil. Er solle Erholungs- und Aufenthaltsqualität bieten. Vorteil außerdem: Die künftige zentrale Bus- (eventuell Stadtbahn-)Haltestelle der Uni an der Gmelin straße nach Aufhebung des Einbahnrings könne dank der diagonalen Wegebeziehungen über diesen Platz bequem angesteuert werden.

Die in der Planungswerkstatt zwischen Stadt, Uni und BI vereinbarten Eckpunkte (darunter: Denkmalschutz) könnten „nur mit dieser Variante“ erfüllt werden, sagte Feldtkeller. Er bekam kräftigen Applaus; auch von einigen Architekten, die unter den etwa 60 Zuhörern saßen.

Was kostet es denn nun wirklich?

Trotz des sachlichen Vortrags der BI-Vertreter wurde deutlich, dass die Bürgerinitiative durch das Vorgehen des Finanzministeriums auch vor den Kopf gestoßen wurde – ebenso wie die Stadt Tübingen, die für die Erhaltung der Mensa als Mensa votierte. Volker Renner von der BI kritisierte, die Ministeriumsentscheidung sei nicht hinlänglich begründet und transparent. Selbst Landesbauamtsleiter Bernd Selbmann räumte ein, die Mitteilung des Ministeriums sei „kommunikativ kritisch“ gewesen. Eine „veritable Begründung“ werde aber noch nachgeliefert, gegenüber der Öffentlichkeit und dem Tübinger Gemeinderat, versprach Selbmann – gut vier Monate nach der Entscheidung.

Aus Uni-Sicht hat ein Mensa-Neubau den Vorzug, dass während der auf zwei Jahre veranschlagten Bauzeit die bestehende Mensa noch genutzt werden kann und kein Provisorium nötig wird. Eine Sanierung als Mensa wäre laut Selbmann „ungleich teurer“ als der Neubau, für den das Land von etwa 20 Millionen Euro ausgeht. Diese Argumentation wird jedoch von der BI angezweifelt. Eine Machbarkeitsstudie kam zu dem Schluss, dass die Sanierung als Mensa 24 Millionen kosten würde. Selbmann: „Wir müssen da in den Rohbau zurück.“

Die BI glaubt, dass es auch preisgünstiger geht, und vermisst ein detailliertes Gutachten über die besondere energetische Situation der Mensa-Nutzung, die langfristige Kostenvorteile biete. Im übrigen habe die Stadt angeboten, bei der Suche nach einem Provisorium behilflich zu sein.

Auf Drängen der Stadt wird bis Ende des Jahres noch eine Machbarkeitsstudie für den Mensa-Neubau erstellt. Der weitere Zeitplan von Uni und Land für den Neubau sieht so aus: Architektenwettbewerb 2013, Baubeginn 2014, Betriebsbeginn 2016 / 17. Ein Service-Zentrum, sagte Engler, werde es nicht vor 2019 geben, und auf keinen Fall als Neubau, weil die Uni für so viele Gebäude aus dem Bestand Nachnutzungen brauche.

Campus-Platz und Mensa-Neubau in der Diskussion
Skizze, die Andreas Feldtkeller angefertigt hat, um die Idee der Bürgerinitiative zu veranschaulichen: Die Mensa wird mit einem neuen Huckepack-Anbau ertüchtigt, gegenüber dem Paläontologischen Institut und Museum wird ein neues, hohes Servicezentrum für Studenten gebaut, so entsteht über die Sigwartstraße hinweg ein zentraler Campusplatz mit unterschiedlichen Aufenthaltszonen.

Campus-Platz und Mensa-Neubau in der Diskussion
Plan der Universität, wie er im Tübinger Gemeinderat präsentiert wurde: Hier nimmt der Mensa-Neubau eine große Fläche des Geländes ein, der Hörsaal Alte Physik (1) muss wahrscheinlich weichen. Diese Frage und auch die Gestaltung der Mensa soll in einem Architektenwettbewerb geklärt werden. In der durch Anbauten erweiterten Mensa Wilhelmstraße soll bei dieser Lösung die Juristenfakultät samt Kriminologie und Bibliothek zusammengefasst werden.

März 2008: Bernd Selbmann, Leiter der Tübinger Landesbaubehörde, kündigt an, dass die Mensa Wilhelmstraße bei einer neuen Campus-Planung zur Disposition gestellt wird.
Juli 2009: In Präsentationen des Campus-Projekts im Tübinger Gemeinderat und im Uni-Festsaal wird von der Uni als Fertigstellungstermin für eine neue Mensa 2013 genannt.
September 2009: Im städtebaulichen Ideen wettbewerb „Campus der Zukunft“ setzt sich das Tübinger Büro Hähnig und Gemmeke mit der Idee zu einem zentralen Campus-Platz zwischen Kupferbau und Uni-Bibliothek durch. Das Bauamt sieht den neuen Mensa-Standort bereits an diesem Platz.
Oktober 2009: Die Bürgerinitiative Wilhelmsvorstadt / Universitätsviertel stellt Alternativen zum Abriss der Mensa und anderer Uni-Gebäude vor.
November 2009: Bei einem Mensa-Rundgang stellt Bernd Selbmann deren Mängel vor; seine Position: Neubau ist billiger als Sanierung.
September 2010: Nachricht aus dem Landesbauamt: Die Baumgarten-Mensa soll erhalten bleiben; es wird jedoch nach einer anderen Nutzung gesucht.
Dezember 2011: Eine von der SPD seit langem beantragte Planungswerkstatt mit Vertretern der Stadt, des Gemeinderats, der Bürgerinitiative, der Denkmalpflege und der Uni stellt Konsens über die übergeordneten Ziele der Uni-Planung her. Strittig bleibt vor allem: Neubau oder Sanierung und Weiternutzung der Mensa als Mensa.
Mai 2012:Stadtverwaltung und Gemeinderat fordern den Erhalt der Mensa als Mensa und des Hörsaals Alte Physik.
Der Universitätsrat fordert einen zügigen Neubau der Mensa.
Juli 2012: Das Finanzministerium in Stuttgart entscheidet: Neubau der Mensa an der Sigwartstraße. Begründung: Sanierung der Baumgarten-Mensa als Mensa wird zu teuer und ist wegen der Notwendigkeit eines Provisoriums zu wenig leistungsfähig. Landesbauamt kündigt Architektenwettbewerb an.

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30.11.2012, 12:00 Uhr

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