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Öffentlichkeit ins Bild setzen

Carl Nähers historische Fotosammlung wird im Stadtarchiv erschlossen

Vom NS-Aufmarsch bis zur Tanzstunde, vom Schornsteinfeger bis zur Frisurenmode: Vier Jahrzehnte lang dokumentierte der Fotograf Carl Näher das Leben in und um Reutlingen. Die meisten dieser Aufnahmen sind im Besitz des Stadtarchivs und werden dort erschlossen. Ab 2016 sollen Teile der historischen Sammlung übers Internet verfügbar sein.

11.12.2014
  • Christine Laudenbach

Reutlingen. Dass Bilder im Reutlinger Stadtarchiv „eine große Rolle spielen“, wie dessen Leiter, Roland Deigendesch, gestern beim Pressegespräch betonte, belegen die Bestandszahlen: Mit rund einer Million Einzelbilder von 1853 bis in die Gegenwart besitzt das Archiv eine der größten kommunalen Fotosammlungen Baden-Württembergs. Rund 330 000 davon gehen auf das Konto Carl Nähers.

Von 1925 an betrieb Näher, zunächst gemeinsam mit Arnulf Schweyer, ein Fotogeschäft in der Kanzleistraße. Bereits vier Jahre darauf machte sich der damals 28-Jährige am Weibermarkt selbständig, Mitte der 1950er-Jahre expandierte er mit einer Dependance in der Kanzleistraße – inklusive großzügigem Studio im Hof. Näher vertrieb Fototechnik und Filme und hielt – zunächst als Reportagefotograf – mit der Kamera das Leben der Stadt fest: Seinen Freund HAP Grieshaber und das Theater in der Tonne, Promis ebenso wie Arbeiter. In vier Jahrzehnten fotografierte der Reutlinger Kultur und Wirtschaft, Spezielles und Alltägliches.

Eine Besonderheit: Viele der im Stadtarchiv lagernden Glasplatten, Negative, Filme und Einzelbilder zeigen Situationen aus der NS-Zeit – „was bis jetzt noch nicht oder kaum publik war“, sagt Mitarbeiterin Hanne Grunert. Dabei war Näher nicht nur bei Wahlkampfveranstaltungen auf dem Marktplatz mit der Kamera dabei. Er besuchte auch Zwangsarbeiter in der Betzinger Firma Heim bei der Tragflügelproduktion und Arbeiter, die in Derendingen Panzerteile fertigten.

Als historische Quelle bringe „uns das Bild als solches allerdings noch wenig“, erklärt Deigendesch. Die Kontextinformation, sprich in welchem Zusammenhang das Foto entstanden ist, sei essenziell. Die Aufnahmen müssten gesichtet, bewertet und erschlossen werden. Seit April vergangenen Jahres verstärkt Grunert das Team in diesem Bereich. Und dank Fördergeldern der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg kann die Arbeit der Ethnologin jetzt weitergehen. Über Nummern auf Negativen und Glasplatten findet sie zu den passenden Einträgen in den Auftragsbüchern des Fotogeschäftes Näher. Diese sind ebenfalls Bestand der Sammlung, die das Stadtarchiv 1985 – vier Jahre nach Nähers Tod – teilweise erwerben und 1993 erweitern konnte.

Digitalisiert werden die archivierungswürdigen Aufnahmen von einer Spezialfirma außer Haus. Im Anschluss vergibt Grunert anhand der Informationen dieser Findbücher Schlagworte, über die das Bild dann in der Datenbank wieder gefunden werden kann.

Wann das „Langzeitprojekt“, wie Deigendesch die Erschließung und Bereitstellung der historischen Aufnahmen nennt, abgeschlossen sein wird, wollen weder er noch sein Stellvertreter, Roland Brühl, terminieren. Fakt ist: Auf etwa 100 000 Einzelbilder aus den 1930er- bis ’70er-Jahren können Benutzer bereits jetzt im Stadtarchiv zugreifen. Mit rund 4000 Fotos soll 2016 der Anfang gemacht werden, Teile der Sammlung ins Netz zustellen. Denn, so Deigendesch: „Die Öffentlichkeit muss über diesen Schatz ins Bild gesetzt werden.“ Über die Homepage des Stadtarchivs können Kunden dann diese historischen Aufnahmen online recherchieren und Abzüge bestellen.

Als Vorgeschmack will Brühl in den nächsten Wochen eine kleine Auswahl als digitales „Foto-Album“ ins Netz stellen – und hofft dabei auch auf Hinweise, was nicht verifizierte Personen und Situationen betrifft. Einen „Zufallstreffer“ landete er bereits durch die in den vier Vitrinen im Stadtarchiv ausgestellten Bilder Nähers: Eine Besucherin meinte, auf einem Foto den Mann am Setzkasten erkannt zu haben. Die „Stadtgeschichte im Schaukasten“ zeigt noch bis Ende März „Wichtiges und Nebensächliches“ des nach der Ansicht Grunerts „guten und sehr vielfältigen Fotografen mit künstlerischen Ambitionen“.

Carl Nähers historische Fotosammlung wird im Stadtarchiv erschlossen
„Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“: Näher dokumentierte 1938 den Wahlkampf der Nationalsozialisten auf dem Reutlinger Marktplatz. Bild: Näher/Stadtarchiv

Carl Nähers historische Fotosammlung wird im Stadtarchiv erschlossen
Das Tübinger Tor im weißen Winterkleid um 1934. Bild: Näher/Stadtarchiv

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11.12.2014, 12:00 Uhr

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