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Castorf dreht Haseks "Svejk" durch den Fleischwolf
Er ist Frank Castorfs Svejk im Residenztheater: Aurel Manthei. Foto: dpa
Fünfstündiger Marathon im Münchner Residenztheater gerät zum denkwürdigen Abend

Castorf dreht Haseks "Svejk" durch den Fleischwolf

Frank Castorf verhackstückt am Münchner Residenztheater Jaroslav Haseks "Svejk". Ein denkwürdiger, wenn auch anstrengender Theaterabend.

12.04.2016
  • GEORG ETSCHEIT, DPA

München. Wer sich in eine Inszenierung von Frank Castorf wagt, muss nicht nur Sitzfleisch mitbringen. Er muss sich auch darauf gefasst machen, mit allen, aber wirklich allen Facetten des Menschseins konfrontiert zu werden. Das Publikum, das zur mit Spannung erwarteten Premiere von Castorfs Sicht auf Jaroslav Haseks Roman "Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg" ins Münchner Residenztheater gekommen war, setzte sich erst tröpfchenweise ab, nach der Pause des fünfstündigen Marathons begann der große Exodus. Die geblieben waren, erlebten vor allem im zweiten Teil großes, pralles Theater, das selten geworden ist.

Die Szene im Residenztheater beherrscht einer der grandiosen Welttheaterbretterverhaue von Bühnenbildner Aleksandar Denic. Vorne zeigt diese Theatermaschine die im Dezember 1914 eröffnete Berliner Volksbühne, den langjährigen Wirkungsort von Castorf als Intendant und Regisseur. Im Inneren des Kunsttempels ein halbseidenes Etablissement und dahinter alle Schrecknisse des an Schrecknissen wahrlich gesegneten 20. Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg als Urkatastrophe.

Alles türmt sich hier aufeinander: ein altertümlicher Güterwaggon, in dem Kriegsmaterial an die Front und Todgeweihte nach Auschwitz transportiert wurden, ein Stacheldrahtverhau, eine dampfende Gulaschkanone, ein Maschinengewehr, ein Galgen, obenauf ein Wächterhäuschen und rote Fahnen, Symbole des verflossenen Marxismus. Und rote Werbung für die Landser-Brause Coca Cola, ohne die die Amis ihre Kriege nicht führen könnten. Castorf pflegt seine Feindbilder. Und seine Marotten, wie die wackelige Bühnenkamera, deren Live-Bilder auf drei großen Projektionsflächen im Bühnenbild das reale Theatergeschehen brechen.

Atemlos jagt Castorf sein zwölfköpfiges Ensemble durch die Katakomben einer Blut getränkten Epoche, kotzend, kackend, rülpsend, schreiend, vögelnd. Gelegentlich nimmt sich der Meister auch selbst auf den Arm, seine Lust an Endlos-Inszenierungen, seinen freizügigen Umgang mit dem Textmaterial, das bei seiner letzten Inszenierung am Resi zu einem veritablen Skandal und zur gerichtsmäßig verfügten Absetzung von Brechts "Baal" führte.

Nach der Pause, also nach etwa drei Stunden, ändern sich Tempo und Tonfall. Es geht jetzt um das, um was es im Krieg eigentlich geht: Tod in all seinen Facetten. Jetzt können die Schauspieler wirklich zeigen, was in ihnen steckt. Allen voran die auch als Sängerin furiose Valery Tscheplanowa, Flintenweib und Höllenengel. Ihrer gänzlich ungeschützten Spielfreude kann selbst Aurel Manthei in der Titelrolle nicht ganz das Wasser reichen.

Allzu viel war von Haseks Vorlage nach der Totalverhackstückung im Castorf-Fleischwolf zwar nicht übrig geblieben. Trotzdem begeisterter, wenn auch etwas erschöpfter Applaus der Dagebliebenen, als dieser denkwürdige Theaterabend kurz vor Mitternacht zu Ende ging.

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12.04.2016, 06:00 Uhr

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