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Das Diagnostik-Herz im Keller

Cegat komplettiert mit Neubau den Technologiepark

Mit dem soeben fertiggestellten Neubau der Biotechfirma Cegat ist der Technologiepark rund um die Tübinger Sternwarte nun voll belegt. In dem mit modernster Medizin- und Energietechnik ausgestatteten Gebäude ist noch reichlich Platz für weitere Mitarbeiter und Maschinen.

07.07.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. Das Herz des Unternehmens schlägt im Keller: Drei ultraschnelle und sehr leistungsfähige Sequenziergeräte untersuchen hier Bereiche des menschlichen Erbguts auf Epilepsien, Augenerkrankungen, Krebs und neuromuskuläre Erkrankungen – sowie ein gutes Dutzend weitere Krankheiten. Gefüttert werden die Maschinen, von denen jede eine dreiviertel Million Euro kostet, von Cegat-Mitarbeitern, die auch die Ergebnisse auswerten und Befunde für Ärzte und Kliniken schreiben. Im gleichen Raum laufen auch noch einige ältere, langsamere Geräte. Sie werden zur Untersuchung einzelner Gene genutzt, für überschaubare Bereiche des Erbguts, bei denen sich der Einsatz der „Next-Generation“-Rennpferde nicht lohnen würde.

Cegat komplettiert mit Neubau den Technologiepark
Das neueste Gebäude im Tübinger Technologiepark auf der Oberen Viehweide: Die Biotech-Firma Cegat ist Anfang Juli vom benachbarten Biotechnologiezentrum, wo sie fünf Jahre zur Miete untergebracht war, ins eigene Domizil mit seinen knapp 4000 Quadratmetern gezogen.Bild: Metz

Cegat macht sein Geld seit der Firmengründung 2009 mit der molekulargenetischen Diagnostik und setzt dazu verschiedene Sequenziertechnologien ein. Mittlerweile ist das von der Tübinger Firma entwickelte Verfahren der Hochdurchsatz-Sequenzierung in vielen Ländern zum Standard geworden. Nur in Deutschland legt sich die Kassenärztliche Vereinigung derzeit quer (siehe „Übrigens“). Den Unterschied zwischen altem und neuem Verfahren erklärt Firmengründerin und Cegat-Chefin Saskia Biskup anhand eines Beispiels: Als 2001 die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms verkündet wurde, war das eine Sensation. Die Sequenziergeräte waren dafür jahrelang gelaufen. Mit einem „HiSeq 2500“-Gerät, wie es bei Cegat steht, würde die Komplett-Entschlüsselung über Nacht gelingen.

Im Treppenhaus installieren Elektriker noch die letzten Leuchten, überall stehen braune Kartons. Hauptsache, die neue Telefonanlage funktioniert. Die 70 Mitarbeiter/innen mussten beim Umzug nur ein paar Meter Distanz überwinden: Die ersten fünf Jahre residierte Cegat, zusammen mit anderen Start-ups vor allem aus der Biotech-Branche, im benachbarten Technologiegebäude. Die dort freiwerdenden Räume hat sich bereits eine andere Tübinger Boom-Firma reserviert: Curevac. Das Unternehmen geht – sehr erfolgreich – neue Wege bei der Entwicklung von Impfstoffen zur Krebstherapie und bei Infektionskrankheiten.

Cegat komplettiert mit Neubau den Technologiepark
Die Cegat-Chefs Dirk und Saskia Biskup in ihrem neuen Domizil.Bild: Metz

Dirk Biskup kann sich noch gut an den 1. Juli 2009 erinnern: „Da haben wir unseren ersten Mitarbeiter eingestellt.“ Im neuen Gebäude nun ist Platz für gut 100 Beschäftigte. Zudem vermieten die Biskups eine Etage in ihrem neuen Domizil an die bislang in Reutlingen beheimatete IT-Firma Enteco. Knapp zehn Millionen Euro investierten die beiden Gründer in Grundstück und Gebäude. Allein dessen Klima- und Energietechnik hat es in sich.

Mit Erdwärme und Solarstrom-Zapfsäule

Dirk Biskup zeigt auf die Röhren im Keller: „Hier kommt das Wasser mit zehn bis zwölf Grad rein.“ Für die Geothermieanlage wurden 15 Löcher, jedes davon gut hundert Meter tief, in den Untergrund gebohrt. Unabhängige Geologen überwachten eine Probebohrung, das Landratsamt gab grünes Licht: „Wir sind auf keine Gips-Keuper-Schichten oder andere Gefahren im Erdreich gestoßen“, so Biskup. 90 Prozent der in der Firma im Winter benötigten Wärme – oder der Kühlung im Sommer – werden über Geothermie abgedeckt, der Rest kommt vom benachbarten Blockheizkraftwerk der Stadtwerke.

An der Gebäudefassade erzeugt eine Fotovoltaikanlage Strom, der nicht ins Netz eingespeist sondern vollständig selbst genutzt wird – samt firmeneigener Elektro-Zapfsäule. „Wir haben gerade ein E-Auto bestellt“, sagt Dirk Biskup. Auch übertrifft die Gebäudedämmung die derzeit strengsten Normen. Über 20 Tonnen CO2 im Jahr spare Cegat durch dieses Konzept.

Fast zehn Millionen Euro setzte die Firma vergangenes Jahr um, 2012 lag der Umsatz noch bei 4,5 Millionen Euro. Als bestes deutsches Start-up wurde Cegat unter anderem mit dem Deutschen Gründerpreis 2011 sowie als „Entrepreneur des Jahres 2013“ ausgezeichnet. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso persönlich überreichte Saskia Biskup im März den mit 100 000 Euro dotierten EU-Innovationspreis für Frauen.

Wie ihre Mitarbeiter/innen sind auch Saskia und Dirk Biskup vom Standort Tübingen überzeugt, von der Stadt genauso wie vom grünen Umland. Hinzu kämen die gute Kooperation mit dem Universitätsklinikum und „die vielen guten Leute, die in Tübingen ausgebildet werden“. Kurz: „Wir fühlen uns hier wohl.“

Auch die Bioinformatik-Firma HB Technologies wächst und will sich im Wissenschaftspark Obere Viehweide räumlich erweitern. Die Stadt verkauft ihr dafür das Grundstück samt „Alter Astronomie“ an der Waldhäuser Straße 64 für 336 000 Euro. Das beschloss jetzt der Tübinger Gemeinderat. Das aufstrebende Unternehmen will das Gebäude aus den 1950er Jahren nachnutzen und aufstocken. Dort sollen auch verstreute Unternehmensteile aus anderen Standorten zusammengeführt werden, sagte Stadtplaner Tim von Winning. HB Technologies beschäftigt derzeit rund 50 Mitarbeiter an den Standorten, Tübingen, Reutlingen, Köln und Heidelberg.

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07.07.2014, 12:00 Uhr

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