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Viel Glitzer und noch mehr Schweiß

Cheerleading-Weltmeisterschaft zum ersten Mal in Berlin - Der Sport war einst eine reine Männerangelegenheit

Bei Cheerleading denken viele an leicht bekleidete Mädchen, die in Pausen beim Football ihre Hintern und Pompons schwingen. Doch die Cheerleading­WM in Berlin entspricht nicht diesem Klischee.

23.11.2015
  • SANDRA JÜTTE

Berlin Der Himmel ist an diesem Wochenende grau. Vor dem Haupteingang der Max-Schmeling-Halle drängen sich dennoch bereits um 10 Uhr die ersten Besucher, um die mehr als 80 Teams zu sehen, die aus 23 Ländern in Asien, Europa und Südamerika angereist sind. Bei der erstmals in Berlin ausgetragenen Cheerleading-WM wollen sie ihr Können zum Besten geben.

Beim Betreten der Halle werden die Besucher zunächst begrüßt von bunten Souvenirständen, voll mit bedruckten T-Shirts, Taschen und glitzernden Haarschleifen, die zum stolzen Preis von 17,50 Euro verkauft werden. "Die sind fester Bestandteil des Cheerleader-Outfits", erzählt Jennifer Dabre aus Hannover. Zwischen den Ständen drängeln sich hauptsächlich junge Mädchen mit ihren Eltern. Auch sie haben fast ausnahmslos Schleifen im Haar, mit Glitzer selbstverständlich. Es duftet nach Waffeln und schwerem Damenparfüm.

Der Ort des Geschehens ist eine zwölf mal zwölf Meter große, hellblaue Turnmatte, die gegenüber den 16 Juryplätzen liegt. Nervös ist kurz davor fast jeder. "Da bekommt man schon kalte Hände und gerät ins Schwitzen", weiß Robert Golz. Der 30-jährige Potsdamer tritt in der Königsdisziplin, dem Cheerleading Mixed an. Hier messen sich die bis zu 16-köpfigen Teams in einer Mischung aus Bodenturnen, Akrobatik und Sprechgesang.

Cheerleading ist keineswegs eine reine Frauendomäne. Erfunden wurde die Sportart um 1900 herum von Männern in den USA, die mithilfe eines Megafons zum Anfeuern der eigenen Mannschaft Sprechchöre intonierten. 25 Jahre lang waren dafür keine Frauen zugelassen.

Inzwischen ist Cheerleading längst aus der Nische herausgetreten, ein Pausenprogramm für American Football, Eishockey oder Basketball zu sein, und zu einer eigenen Sportart geworden.

Auch heutzutage sind männliche Cheerleader insbesondere für die Hebefiguren ein unverzichtbarer Bestandteil. "Das ist ein harter Sport", sagt Robert Golz. Sein Teamkollege Marcus Reckler aus Magdeburg pflichtet ihm bei: "Man baut dadurch definitiv Muskeln auf." Beide waren von Anfang an mit vollem Eifer dabei. "Der Zusammenhalt im Team ist das Wichtigste", sagt Golz.

Und natürlich kommt es bei den Stunts auch auf das richtige Timing an. "Außerdem ist das die beste Gelegenheit, Frauen kennen zu lernen", fügt er schelmisch hinzu.

Die Veranstaltung lockt auch Nicht-Berliner in die Max-Schmeling-Halle. Ines Krüger und Birgit Hofbauer sind mit ihren 13-jährigen Töchtern extra aus Hamburg angereist. Ihre Kinder sind selbst seit fünf Jahren Cheerleader, heute aber nur Zuschauer. Sie trainieren in der Altersklasse der Junioren, die bei dieser WM erstmals in drei Kategorien antreten dürfen. Die beiden Mütter finden das Hobby ihrer Sprösslinge toll. Schade sei nur, dass der Sport so wenig gewürdigt werde.

"Die Mädchen trainieren hart, drei Mal pro Woche. Das hat nichts mit Po-Wackeln zu tun. Die Trainerin achtet auch darauf, dass die Outfits nicht zu sexy sind", sagt Ines Krüger.

Zum zweiten Mal ist Deutschland Gastgeber der Cheerleading-WM, die von Beginn an von asiatischen Teams dominiert wird. "Bei denen sieht das so geübt aus, als wären sie schon in dem Anzug geboren worden", sagt Henriette Reinke. Die 19-jährige Brandenburgerin ist durchtrainiert, schließlich braucht sie als "Flyer" viel Körperspannung. Seit vier Jahren lässt sie sich durch die Luft wirbeln und wieder auffangen. Vor der Konkurrenz aus Japan oder Thailand hat sie großen Respekt. Dort ist Cheerleading Bestandteil des Schulsystems, ähnlich wie in den USA. Und im Training herrscht ein strenges Regiment.

In den Proberäumen der Schmeling-Halle geht gerade eine japanische Delegation unter den kritischen Augen der Trainerin zum letzten Mal ihre Schrittfolge durch. Mit einem Ruck strecken die schwarzhaarigen Mädchen in lila-gold-weißen Kostümen ihre goldenen Pompons in die Luft, jeder Muskel ist dabei angespannt.

Viele Teams sind mit Unterstützung angereist. Oft werden die Sprechgesänge lauthals aus einer Ecke der Zuschauerränge mitgesungen und die kreativen Choreographien und fantasievollen Kostüme frenetisch bejubelt.

Die berühmten Pompons sind hauptsächlich Bestandteil des Cheerdance. Im Gegensatz zum Cheerleading kombinieren die Sportler hier Tanz und einfache Sprünge. In beiden Disziplinen müssen im Wettkampf Pflichtelemente gezeigt werden, am Ende der zwei Tage entscheiden die addierten Punkte darüber, wer siegt.

Deutschland tritt mit 14 Teams in zehn Kategorien an. Dabei ist für alle Cheerleading hierzulande nur ein Hobby, welches sie neben ihrem Hauptjob betreiben. Jennifer Dabre ist daher über den dritten Platz ihrer Gruppe völlig überrascht. "Das ist unglaublich. Es ist alles so gelaufen, wie es sollte", sagt sie danach ganz aufgeregt.

Das Berliner Team Dance Deluxe fegt mit Pirouetten und in schwarz-rot glitzernden Ganzkörperanzügen à la Britney Spears über das Parkett. Die Tänzerinnen werden mit dem Ruf nach Zugabe belohnt - und der ersten Goldmedaille für Deutschland. Am Ende der WM ist klar: Cheerleading ist definitiv mehr als viel Glanz und Glitzer, nämlich vor allem harte Arbeit.

Cheerleading-Weltmeisterschaft zum ersten Mal in Berlin - Der Sport war einst eine reine
Frucht harter Arbeit: Eines der deutschen Teams bei der WM in Berlin. Foto: AFVD

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23.11.2015, 12:00 Uhr

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