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Drei Monate Flussfahrt mit Mücken

Christiane und Hans-Dieter Krafft sind im Sommer mit dem Kanu 2200 Kilometer die Donau hinuntergepaddelt

Von Passau bis nach Tulcea in Rumänien ging die ungewöhnliche Flussfahrt der Kanuten Christiane und Hans-Dieter Krafft aus Bühl. Drei Monate Zeit ließen sie sich für ihre Paddeltour auf der Donau durch sechs Länder. Am Ende der Reise standen die beiden im Schwarzen Meer.

04.11.2014
  • Angelika Brieschke

Bühl. „Das war unsere erste größere Tour“, erzählt Hans-Dieter Krafft gleich zu Anfang. Das Kanu haben die beiden Bühler zwar schon seit 25 Jahren, aber bisher waren sie damit immer nur ein bisschen im Urlaub gepaddelt, in Mecklenburg-Vorpommern mit ihren beiden Kindern zum Beispiel. Der 61-jährige Krafft, der bis zu seiner Rente im letzten Jahr bei Daimler in Sindelfingen als Modelleur gearbeitet, fügt sofort hinzu: „Ich wollte das schon immer mal machen.“

Christiane und Hans-Dieter Krafft sind im Sommer mit dem Kanu 2200 Kilometer die Donau
Sie vorne, er hinten – und überall, wo’s Stauraum hat: Gepäck, Essen, Karten, Zelt und Kochgeschirr. So waren die Kraffts drei Monate lang auf der Donau unterwegs.

Zur Vorbereitung auf die Reise haben die Kraffts sich vor allem Karten, Sprach- und Donauführer sowie Reise-Informationen über die Länder, durch die sie paddeln wollten, besorgt. Am wenigsten davon haben sie die Sprachführer gebraucht. „Es konnten sehr viele Deutsch, die jüngeren Englisch. Oder sie haben einen angerufen, der Englisch konnte“, erzählt Christiane Krafft lachend. Außerdem spricht ihr Mann ein wenig Russisch, was in den osteuropäischen Ländern oft auch weiterhilft.

Ein extra Muskeltraining, um die wochenlange Paddelei durchzustehen, haben die Beiden nicht gemacht. Obwohl vor allem die 56-jährige Christiane Krafft schon Bedenken hatte, ob sie es körperlich schaffen wird. Das über fünf Meter lange Boot wiegt leer zwar nur 38 Kilogramm, aber das Zelt und die Bücher, das Kochgeschirr und der Wasserkanister, das Essen und die Kleidung, die Schlafsäcke, die Isomatten, das Boot-Transportwägelchen und so weiter summierten sich zu 180 Kilogramm, die bewegt werden mussten – noch ohne das Gewicht der beiden Kanuten selbst. Ihr großer Vorteil aber war: Sie konnten sich für die 2220 Kilometer Donau so viel Zeit lassen, wie sie wollten. Gebraucht haben sie letztendlich 77 Tage: Der Start war am 26. Juni in Passau und am 10. September haben sie Tulcea in Rumänien erreicht.

Christiane und Hans-Dieter Krafft sind im Sommer mit dem Kanu 2200 Kilometer die Donau
Am Ende der Reise, Ziel erreicht: Christiane und Hans-Dieter Krafft machen im Schwarzen Meer das Victory-Zeichen. Privatbilder

Eine der wenigen Vorsichtsmaßnahmen für die Reise war, dass sie sich gegen Tollwut haben impfen lassen – aus Angst vor den vielen wildlaufenden Hunden in Bulgarien und Rumänien. Was völlig unnötig war, denn die Hunde dort sind zwar immer sofort da und betteln um Essen, sie sind aber nicht aggressiv, erzählt Hans-Dieter Krafft. „Die Gefahr, dass mich in Bühl irgendein wildgewordener Hund beißt, ist größer“, sagt er. Und man muss halt die Mülltüte nachts mit ins Zelt nehmen.

Zurück zur Zollstation: gegen die Strömung

Nein, irgendwelche gefährliche Situationen wegen wilder Tiere hatten die Kraffts nicht, obwohl sie einmal nachts Wölfe gehört haben und obwohl eine Ziegenherde auf dem Nachhauseweg sie fast in ihrem Zelt niedergetrampelt hat. Kein Hundebiss, kein Zeckenbiss – aber jede Menge Mückenstiche. Von dem „Rieseneimer mit Medizin und Verbandszeug“ haben sie fast nichts gebraucht – abgesehen von sämtlichen Mückenabwehr-Mitteln. Außerdem haben die Mücken sie jeden Abend früh zur Nachtruhe gezwungen. „Ab neun Uhr waren wir im Zelt“, erzählt Hans-Dieter Krafft, „ab da hat man es wegen der Mücken draußen nicht mehr ausgehalten.“

Überhaupt war der Tagesablauf der Kraffts relativ geregelt: Um 6.30 Uhr Aufstehen, danach brauchte es rund zwei Stunden für Frühstück und Einpacken, eine Stunde Mittagspause und abends wieder zwei Stunden fürs Auspacken und Abendessen. Dazwischen war ausreichend Zeit für die Flussfahrt, im Durchschnitt haben die beiden Freizeitpaddler zwischen 30 und 40 Kilometer am Tag geschafft. Die längste Strecke war einmal 57 Kilometer. Und einmal mussten sie drei Kilometer gegen die Strömung zurückpaddeln, weil sie in Ungarn die Zollstation für Serbien verpasst hatten. „Da haben wir eine Stunde für gebraucht“, erinnert sich Christiane Krafft mit leicht gequältem Lächeln. Auch der „Laufzettel mit fünf Stationen“, den sie dort zum Ausfüllen bekommen haben, hatte es in sich: „Wir mussten zum Zoll, zur Polizei und zum Amtsarzt. Und der wollte von uns wissen, ob wir einen blinden Passagier an Bord hätten.“

In Serbien mussten sie genau darauf achten, nicht auf die falsche Flussseite zu geraten. Die Donau ist einige Kilometer lang Grenzfluss zwischen Serbien und Kroatien, und dann aber nicht mehr. „Wir wollten ja nicht nochmal in Serbien einreisen müssen“, erzählt Krafft, der mit seinen Karten für die Navigation zuständig war. Ganz so einfach, wie man es sich vorstellt, einen Fluss langzupaddeln, ist es nicht. „Man braucht schon eine Karte. Die Donau verzweigt sich ganz ordentlich.“ Und an manchen Stellen kann sie bis zu sechs Kilometer breit sein. Deswegen sind die Kraffts auch immer mit Schwimmweste gefahren.

Obwohl es nach Österreich keine Campingplätze mehr direkt an der Donau gab, war es mit dem Übernachten nicht schwierig: Wild campen ist erlaubt. Das haben die beiden auch meist gemacht – obwohl sie anfangs schon Bedenken hatte. Aber die Erfahrungen der Kraffts mit den Leuten, die sie unterwegs getroffen haben, waren durchweg positiv. „Uns haben oft welche vom Ufer aus herangewunken und wollten mit uns reden. Manche haben uns auf einen Kaffee oder ein Bier eingeladen, oder auch zum Essen“, erzählt Hans-Dieter Krafft. „Am unfreundlichsten waren sie in Wien.“ Eine andere Möglichkeit zum Zelten waren Wiesen neben Gaststätten oder Kanuklubs. Da war dann auch das Problem mit der Toilette und dem Waschen gelöst, „weil ja die Donau nicht überall zum Baden eingeladen hat“, erzählt Christiane Krafft.

Das einzige Mal, wo die beiden wirklich Angst hatten, war Anfang August in Serbien, als mitten in der Nacht ein gewaltiger Sturm losbrach. „Da kam ein Blitz nach dem anderen, die Geräuschkulisse war, als ob ein ICE über einen drüberrauscht, wir waren im Wald und hatten furchtbar Angst, dass ein Baum aufs Zelt fällt“, erzählt Christiane Krafft. „Das Kanu war voll Wasser, aber das Zelt hat gehalten und wir sind am nächsten Tag nur sieben Kilometer bis zu einem Restaurant gepaddelt. Da haben wir dann unsere Sachen getrocknet.“ Ansonsten war der Sommer – wie überall in Europa – eigentlich zu nass und zu kalt gewesen, aber für die Donaupaddler war das eher gut: „Da hatten wir eben nur 30 statt 40 Grad Hitze.“

Schluss mit der Paddelei war dann in Tulcea in Rumänien. Kurz bevor die Donau ins Schwarze Meer mündet, verzweigt sie sich so sehr, dass keine Fahrrinne mehr vorhanden ist. In Tulcea sind die Kraffts für ein paar Tage in ein Hotel, sind mit einem gemieteten Motorboot im Donaudelta unterwegs gewesen und haben sich mit einem Taxi zum Fluss-Endpunkt ans Schwarze Meer fahren lassen – für ein Foto. Das Kanu lag währenddessen mit einem Fahrradschloss an einen Laternenpfahl angekettet vor dem Hotel.

Die Rückfahrt überdie Donau haben die beiden Kanuten mit einem Kreuzfahrtschiff gemacht: in einer Woche zurück bis Linz, mit Landausflügen und all inclusive. „Das war das totale Kontrastprogramm“, sagt Christiane Krafft. Schön war allerdings, dass sie sich nun manches anschauen konnten, an dem sie vorher nur vorbeigerudert waren.

Was davon geblieben ist? Viele schöne Erinnerungen und je 999 Fotos von ihr und von ihm. Die beiden würden eine solche Flussfahrt auf jeden Fall wieder machen. Vorher aber steht noch der Donauabend für Freunde aus.

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04.11.2014, 12:00 Uhr

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