Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Obacha cool

Christine und Michael Jacob beliefern die ganze Republik mit Mundart-Sprüchen / Von Annette M. Rieger

Mei lieaber Fraind! Das kann man so oder so verstehen. Die Sache mit dem Dialekt ist eine ganz eigene. Es sind die feinen Nuancen, die so viel ausmachen. Die dem wahren Leben oft so viel näher kommen, als jeder noch so ausformulierte Satz in gestochenem Hochdeutsch. Wie gut das ankommt, zeigt der Erfolg des Verlagsprogramms „edizio:käpsele“. Das erscheint im Verlag „landauf.landab“ und der hat sein Lager in Horb aufgeschlagen.

10.01.2015

Dort, wo zuletzt das Büro der Landesgartenschau untergebracht war, ist jetzt Christine Jacob am Schalten und Walten über Regale voller Mundart-Sprüche. Vom Horber Reibegässle 6 aus werden schwäbische Weisheiten en masse in die ganze Republik verschickt. Hier kommen Spätzles-Shaker, Magnet-Täfelchen, Postkarten, T-Shirts und Aufkleber in rauen Mengen zum Versand. „Ebbes isch emmer“ heißt denn auch der persönliche Lieblings-Bebber der Herrin über die Auslieferung.

Im Basislager der „edizio:käpsele“ lässt sich gut schmunzeln – und neben mancher Binsenweisheit auch echte Erkenntnisse über die schwäbische Seele gewinnen. Hier hätte auch der große Mundart-Dichter Sebastian Blau, der so hintergründig auf den Punkt zu bringen verstand, was d’ Leut so saget, seine helle Freude. Hie und da kann einem beim Sprüchestudieren das Lachen allerdings auch im Hals stecken bleiben. Auf jeden Fall weiß man immer, wo man dran ist. Da reicht schon die als Spruchbeutel gestaltete Einkaufs-Tasche mit dem Bekenntnis: „Mir kaufet nix, mir gugget bloß.“

Stets mit einem kräftigen Schuss Selbstironie

Darauf muss man einfach nur kommen! Die Sprüche fliegen einem zu, auf dem Wochenmarkt in Reutlingen, in der Tübinger Altstadt – oder beim Wandern auf der Alb. Dort, so geht der Mythos dieser erfolgreichen Geschäftsidee, hatte der Pfullinger Ewald Mayer als ausgefuchster Verlags-Fachmann die Idee, schwäbische Sprüche nicht nur zum eigenen Amüsement zu klopfen, sondern professionell zu vermarkten. Als Verlagsvertreter, der in Nordrhein-Westfalen den Buchhandel bereist, war ihm aufgefallen: Es gibt Unmengen sogenannter Non-Books, aber nix richtig Witziges, außer halt patriotisch-missionarische Landeswappen in allen Varianten mit dem Slogan „Gottes beste Gabe ist der Schwabe“.

Ein kräftiger Schuss Selbstironie sollte allerdings schon dabei sein. Da war sich Mayer mit seinem Vertreter-Kollegen und Wanderfreund Michael Jacob aus Dettingen und den befreundeten Komödianten Helmut Bachschuster und Matthias Knodel einig.

Bachschuster und Knobel touren seit Jahren als das skurrile Kellner-Duo „Knoba Sörwiss“ durchs Ländle und lieferten mit Begeisterung die Grafik für die „edizio:käpsele“ gleich mit. Mit ihrer „Kulturprodakschn“ waren die Wankheimer im Frühjahr 2011 mit Begeisterung dabei, um die „edizio:käpsele“ aus der Taufe zu heben und öffentlichkeitswirksam zu gestalten: „Lieber hälenga gscheit wie oheimlich domm.“ Dank ihnen ist jetzt auch kein Geheimnis mehr: „Bloß Domme moinet, d’ Gscheite wisset älles.“

Einen gehörigen Anteil daran, dass sich solche Ansagen seit vier Jahren weit übers Neckartal hinaus verbreiten, haben Christine und Michael Jacob. Christine Jacob kennt man als Sulzer Buchhändlerin, ihren Mann Michael Jakob in der Buchbranche als erfahrenen Verlagsvertreter für das Forum Independent und im Horber Raum als Dettinger Ortschaftsrat für die Offene Grüne Liste.

Michael Jacob war als Ideen geber und Marketingfachmann von Anfang an dabei. Den Vertrieb übernahm seine Frau Christine als Geschäftsführerin – zunächst nebenbei zur Buchhandlung in Sulz. Doch die „edizio:käpsele“ entwickelte sich so prächtig, dass bald schon Raum und Zeit knapp wurden. Da fügte es sich ganz hervorragend, als mit Britta Blaurock aus Dornhan eine ideale Nachfolgerin für die bestens eingeführte Buchhandlung gefunden war. Jetzt konnte es richtig losgehen – mit eigenem Verlag und dem Ausbau des Regionalia-Angebots in der Non-Book-Sparte, also abseits des traditionellen Büchermarktes.

Während Britta Blaurock nun die Buchhandlung am Sulzer Marktplatz unter dem Namen „Bücherlese“ weiterführt, sind die Jacobs sind mit ihrem Verlag „landauf.landab“ und allem, was dazu gehört, nach Horb umgesiedelt. Als Buchhandels-Vertreter hat Michael Jacob vielfältige Kontakte, die er für angesehene Verlage wie UTB, UVK, Philipp von Zabern, Narr/Francke und Theis über die Jahre auf- und immer weiter ausgebaut hat. Das Sammeln von Ideen, der Gedankenaustausch mit Buchhändlern, Autoren, Lesern und die Programmberatungen mit den Verlagen war schon immer Teil seines Geschäfts – was jetzt auch ganz seinem eigenen Verlag zugute kommt. Jacob fungiert gemeinsam mit Eberhard Mayer als Eigentümer, die Geschäftsführung obliegt Christine Jacob. Sie stemmt die Nachfrage mit drei Teilzeitkräften und hat alle Hände voll zu tun, um den Schwabenkult zu bedienen.

Und der erfährt Aufwind in allen Lebensbereichen. Als Winfried Kretschmann beim Vorstellen des Nationalpark-Gutachtens zur Besänftigung der aufgebrachten Murgtal-Gemüter nach Baiersbronn reiste, da war es nicht zuletzt sein solides Schwäbisch, das ihm Gehör verschaffte. Wie er da eingangs im Rosensaal vor aufgebrachter Menge gleich klarstellte: „Grad beim Reilaufa hat zu mir oiner Dikdator gsagt – des goht jetzt aber echt z’weit!“ Auf der Grundlage, daran ließ er keine Zweifel, kann man mit ihm nicht schwätzen. Und auf der Basis fühlen sich die Menschen im Ländle eben auch gehört und verstanden von ihrem Landesvater.

Heutzutage muss man nicht der heimattümelnden Front angehören, um sich auf gut Schwäbisch amüsieren zu können. Die Macher der „edizio:käpsele“ treffen einen Nerv, was Michael Jacob so erklärt: „Wir erreichen Leute, die gerne Schwäbisch schwätzen – aber nicht, weil sie nichts anderes können!“ Die „edizio:käpsele“ spricht offensichtlich Menschen an, die durchaus schon rumgekommen sind und bei aller Begeisterung für Fernseh-Unterhaltung à la „Die Kirche bleibt im Dorf“ doch auch wissen, dass die Welt nicht beim Kirchturm im nächsten Flecken endet. Michael Jacob zitiert den Autor Frank Goosen, der mit seinem Entwicklungsroman “Liegen lernen“ ein junges Publikum begeisterte und mit „Radio Heimat“ einen weiteren Spiegel-Bestseller landete, in dem es heißt: „In der Fremde weißt du, wer du bist. Zu Hause wissen es die anderen.“

Neue Form der Heimatliebe hat nichts Beschränktes

Es hat sich was geändert im Verhältnis der Menschen zu ihrer Heimat, da ist sich Michael Jacob sicher. „Das ging von der Alb aus. Durch den Biosphärenpark, die Slow-Food-Bewegung und die neue Lust am Wandern wurde die Schwäbische Alb wiederentdeckt. Pfullingen, Reutlingen, das war schon immer der Mittelpunkt für das, was wir machen. Und das hat Kreise gezogen.“ Eine Bewegung, die Jakob so beschreibt: „Man sieht manches kritisch und gleichzeitig ist einem jeder Patriotismus völlig fremd.“ Die neue Form der Heimatliebe hat für Jacob nichts Dumpfes, nichts Beschränktes, ganz im Gegenteil. Er sieht eine neue Lust an der Wiederentdeckung von dem, was so nahe liegt, gerade, wenn man schon mal in der Ferne war. Jacob über die klassischen Käpsele-Fans: „Das sind Leute, die viel bewegen und viel draußen unterwegs sind. Leute, die keine Plakette an ihren Wanderstock nageln, dafür aber einen Aufkleber von uns am Auto haben wie: „Koine Kinder mit saublede Name on Board.“

Dass es ganz schön mutig ist, sich diesen Aufkleber aufs „Heilix Blechle“ (andere saget Auto) zu pappen, weiß Michael Jacob. Gibt es doch auch in den kleinen Flecken Nachbarsfamilien, die in der Namensgebung ihrer Sprößlinge den Familien Ochsenknecht und Geissen nacheifern in Sachen Chantalismus (mehr Infos im Internet auf www.chantalismus.de), wo etwa Wilson Gonzalez und Cheyenne Savannah als Paradebeispiele dafür aufgeführt werden, wie man Kinder mit Namen fürs Leben zeichnen kann. Unverfänglicher ist da der „Kaffee zum Davolaufa“ in Anspielung an „Coffee to go“.

Und auch Bonmots großer Schriftsteller auf gut Schwäbisch heruntergebrochen. Der Button „Isch älles gseit, bloß net vo jedem“ etwa geht auf Mark Twain zurück. Mit solchen überzeugenden Sprüchen hat die „edizio:käpsele“ innerhalb kurzer Zeit den Buchhandel geradezu begeistert. Osiander, die Buchhandelskette der Brüder Riethmüller aus Tübingen, gehört zu den Hauptabnehmern, die der Präsentation in schwarz-gelb einen prominenten Platz einräumen.

Michael Jacob weiß: „Die Renaissance der Regional-Literatur ist für die Buchhändler ein verlässliches Genre.“ Eine Entwicklung, die große Verlage staunen lasse. Und ihn persönlich sehr freut: „Ohne dass wir es geahnt hätten, sind wir auf einen Zug aufgesprungen, der gerade angelaufen ist.“

Als Schlüssel des Erfolgs der „edizio:käpsele“ hat sich Michael Jabob zufolge erwiesen: „Wir haben von Anfang an das gemacht, was uns Spaß macht. Den Spruch, der sich einfach nur verkaufen soll, den werden wir nie machen. Das wäre einfach nur doof. Und würde uns den Spaß an der ganzen Sache verderben.“

Bei allem Spaß fließt die geballte Professionalität und jahrzehntelange Erfahrung im Buchhandel mit ein. Eine Herausforderung etwa war die Frage, wie sich bedruckte T-Shirts zwischen Bücherstapeln präsentieren lassen, ohne dass Buchhändlerinnen zu Klamotten-Verkäuferinnen mutieren müssen. Hier hat Michael Jacob als alter Hase im Marketing so lange getüftelt, bis mit halbtransparenten Kunststoffröhren eine Möglichkeit gefunden wurde, die den Buchhändlern die Scheu nahm – und die Kunden gerne zugreifen lässt.

Was Wolle Kriwanek für die Rockmusik, Christoph Sonntag fürs Kabarett und Die Kleine Tierschau fürs Theater und zuletzt Dodokay fürs Fernsehen geleistet haben, das tragen die Sprücheklopfer seit nunmehr viereinhalb Jahren gemeinsam mit Christine und Michael Jacob erfolgreich in den Buchhandel weiter. Anders ist nicht zu erklären, wie gut das Programm im Buchhandel ankommt, der sein Publikum eher abseits der bierernsten Stammtische hat.

Christine Jacobs packt ihre Pakete für die große Kette Hugendubel wie auch für kleinste Buchhandlungen oder andere handverlesene Anbieter. Sie und ihr Mann sind sich einig: „Wir müssen nicht überall sein, das muss schon insgesamt auch passen.“

Dieser Tage geht die Vorschau aufs Frühjahrsprogramm des Verlags in den Buchhandel. Und die Jacobs freuen sich auf den Rücklauf. Sie wissen, dass viele begierig auf neue Sprüche der „edizio:käpsele“ warten. Und weil die Erfahrung lehrt, dass in Sachen Wachstum bei jedem Verlag früher oder später Sense ist, wie Jacob sagt, werden auch badische, bayrische und – sehr erfolgreich – Ruhrpott-Sprüche vermarktet. Was jetzt aber nicht heißt, dass die schwäbischen Sprüchle einfach übersetzt werden. Das funktioniert koi Muckeseckele. „Die Sprüche müssen direkt von dort kommen“, sagt Michael Jacob, der selbst übrigens aus der Südpfalz stammt, nach Jahrzehnten am Neckar aber durchaus als gelernter Schwabe durchgehen kann.

Schwäbisch hat trotz aller Grobheiten, die sich die Schwaben so von Halbdackel zu Arschgeig gerne sagen, ganz offensichtlich Zukunft. Und so viel Charme! „Dädsch du mi nemma, wenn i de wedd?“ grüßt „edizio:käpsele“ per Postkarte. Wobei es hier wohl auch beim Höchsten der Gefühle bleibt. Ein „Ich liebe Dich“ auf Schwäbisch ist und bleibt schwierig. Wächst man hierzulande doch mit der Maxime auf: „Edd bruddlet, isch gnug globt!“ Die Jacobs und ihre Kompagnons haben dazu ganz auf der Höhe der Zeit eine saloppe Alternative gefunden, die obendrein ihr gemeinsames Tun treffend beschreibt: „Obacha cool!“

Christine und Michael Jacob beliefern die ganze Republik mit Mundart-Sprüchen / <i>Von Annette M.
Zwischen Kisten und Regalen ist die Arbeitswelt von Christine und Michael Jacob.Bilder: Kuball

Christine und Michael Jacob beliefern die ganze Republik mit Mundart-Sprüchen / <i>Von Annette M.
Er benötigt keine Internet-Suchmaschine und sie will nur shoppen…

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.01.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball