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Bis ans Ende

Christoph Ransmayr fordert Misstrauen gegen Bescheidwisser

Kann man in einer Zeit der schnellen Fluglinien die Welt noch reisend erkunden und gute Literatur daraus machen? Fragte Dorothee Kimmich, blickte zum Poetikdozenten und antwortete: Man kann. Wie und was Literatur kann und was nicht – das führte Christoph Ransmayr anschließend in seiner Vorlesung im vollen Audimax aus.

12.12.2012

Tübingen. Auf eine Erzählung Ransmayrs anspielend hatte Kimmich vorab noch weiter ausgeführt: Manchmal müsse man eben bis auf den Himalaya, um dort oben, unter fremden Menschen in einer ganz anderen Kultur, wieder jene Erfahrung zu machen, die man schon als Kind machte, als man bereits im Bett lag, die Türe nur angelehnt, so dass ein Lichtstreifen hereinfiel – und die leisen Stimmen derer, die einen behüteten. Stimmungsvoller hätte die Einführung nicht sein können. In schöner Brechung kündigte Ransmayr daraufhin „einen Frontalvortrag“ an. Indes: Diesen Eindruck hatte man ob seiner anschaulichen Sprache und gelegentlichen, vom Skript abweichenden Einschüben nie. Er begann mit einer leidenschaftlichen Ermutigung, den eigenen Erfahrungen zu folgen. Man solle bloß keinem Litertaurkanon trauen, auch keinen Regeln für Poetik folgen.

Jedes noch so scheinbar triviale Gedicht, das einen zu Tränen rühre, weil man in ihm vielleicht noch die Stimme eines lieben, inzwischen verstorbenen Menschen nachhallen höre, der es einem einmal vorlas, sei wertvoller als ein angeblich noch so bedeutendes, zu dem man keinen Zugang finde. Und selbst wenn einer nicht viel mehr als Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“ gelesen hätte: Solange man nichts anderes brauche als den „Schatz im Silbersee“, um sich auf einen anderen Stern zu versetzen, solle man dabei bleiben.

Dann schritt er zu einer Art Dichterdämmerung – die genau genommen eine sorgsame Unterscheidung war zwischen jenem, was Poesie genuin ausmacht und dem, was man ihr oder besser ihren Hervorbringern, den Schriftstellern andichtet beziehungsweise von ihnen erwartet. Ransmayr räumte kräftig auf mit der Vorstellung des Dichters als Seher und Künder, mutigem politischem Pamphletisten oder Menschen mit besonderer Eignung für Antworten auf gesellschaftliche Fragen. Die Statements des Schriftstellers seien nicht klüger als die anderer Menschen. (Wobei er ein bisschen offene Türen einrannte, denn ob der Schriftsteller heutzutage noch als der große literary statesman gilt, darf bezweifelt werden. Er muss denn schon Grass heißen und ein Gedicht über Israel schreiben. Mit bekanntem Ergebnis.)

Am Beispiel Brechts, also gerade eines bekanntlich politisch engagierten Autors, machte Ransmayr deutlich, was Literatur ausmache. Zitierte die berühmten „Fragen eines lesenden Arbeiters“ und das Gedicht „An die Überlebenden“, zeigte: Die besondere Fähigkeit Brechts, ja jedes guten Dichters liege vielmehr darin, die Vorstellungskraft des Lesers zu schärfen. Die mangelnde Vorstellungskraft sei es, die aller Barbarei und Gefühllosigkeit den Boden bereite.

Engführung, Weltweitung

Die Literatur könne dies ändern, indem sie genau beschreibe, zum Beispiel auch die Barbarei genau beschreibe, die im Übrigen ja auch immer eine abgrundtief lächerliche Seite habe. In diesem Zusammenhang erinnerte er sich an eine Lesung Helmut Qualtingers, bei der der unvergessene Wiener Schauspieler hunderte von Zuhörern zu andauernden Lachsalven veranlasste: Ransmayr: „Er las aus Hiters ’Mein Kampf‘“. Folgt man Ransmayrs Theorie, können auch seine eigenen Einlassungen nicht wichtiger sein als die irgendeines anderen Menschen. Ransmayr weiß das. Er bekannte schon zu Beginn recht sokratisch, nichts zu wissen, zumindest nichts generell besser als seine Zuhörer – eben wegen jener unaufhebbaren Kopplung aus eigener Erfahrung und Literaturverständnis.

Literatur ist für Ransmayr etwas, was von jedem Leser auf je andere Weise verstanden, weiterverarbeitet, umverwandelt, kommentiert wird, kurz: Sie lebt in mannigfaltig aufgefächerter Überlieferung, einem vielstimmigen Chor. Ransmayr hat dafür ein Wort, das auch das Titelmotiv aller Poetikvorträge dieser Woche sein wird: Babylon. Babylon beginnt, genau genommen, schon im Schriftsteller selbst, der ja auch nichts anderes ist als ein Gefäß vieler Stimmen und Erlebnisse. Ransmayr zitierte den ersten Satz aus Kafkas „Das Schloss“ und kommentierte: „Dieser Satz schließt alle andern möglichen ersten Sätze aus.“ Jede Geschichte schließt Abermillionen anderer möglicher Geschichten aus. Engt die Welt- und Ich-Erfahrung des Schreibenden in gewisser Weise extrem ein. Doch Ransmyar machte sofort anschaulich, wie diese Engführung durch Romanrecherche, Beschreibungsvielfalt, Detailanschauungen, Abschweifungen und so weiter sich wieder sozusagen auf die ganze Welt hin öffnet, die ganze Welt in das Buch holt. Die dann, ist sie veröffentlicht, nach obiger Ausführung babylonisch tradiert wird. Und irgendwann vergessen ist.

Ja, auch das gehört stets zu Ransmayrs Denkfigur: Der Tod, das Vergessen. Die Welt sei Jahrmillionen ohne uns ausgekommen und sie werde es auch nach uns. Ohne immer gleich den ganz großen Bogen zu suchen, geht es bei Christoph Ransmayr nicht, er wird dafür ab und zu als als „weltfern“ kritisiert, das weiß er und geht daher gleich in die Offensive: Eine Gesichte, die nicht bis an ihr Ende ginge, sei keine für ihn gültige Geschichte.

Mit „Ende“ meint er nicht nur ein Erzählen bis zu einem bestimmten Punkt der Geschichte, er meint eine Konsequenz, eine Radikalität der Haltung. Als Ransmayr im Gegensatz dazu das „äquatoriale Spruchband“ Fernseher ins Spiel brachte, kam eine konservativ kulturkritische Note ins Spiel. Der Ausdruck „äquatoriales Spruchband“ war nur eines von vielen Sprachbildern, das die Vorstellungskraft der Zuhörer schlagartig bereicherte. Es gab langen Applaus.Peter Ertle

Christoph Ransmayr fordert Misstrauen gegen Bescheidwisser
Christoph Ransmayr spach sich gegen Regeln aller Art aus und berichtete von seinen eigenen Erfahrungen.Bild: Poetikdozentur

Christoph Ransmayr fordert Misstrauen gegen Bescheidwisser
Da braucht man kein Marbacher Literaturinstitut, wenn das Faksimile bei unserem Berichterstatter zuhause an der Wand hängt: Brechts von Ransmayr hochgelobtes „An die Überlebenden“ (auch bekannt als „An die Nachgeborenen“).

Heute Abend hält Christoph Ransmayr seinen dritten und letzten Vortrag. Am morgigen Donnerstag sowie am Freitag wird ihn dann Raoul Schrott beerben, jeweils um 20.15 Uhr im Audimax, Neue Aula.

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12.12.2012, 12:00 Uhr

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