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Ein Begeisterungsfähiger

Christopher Buchholz hat sich in die Filmtage und die Kulturszene hineingearbeitet

Christopher Buchholz wird mit den nächsten Französischen Filmtagen (ab 4. November) seine Visitenkarte abgeben. In Tübingen angekommen ist der neue Festivalleiter schon jetzt.

16.10.2010
  • Ulla Steuernagel

Christopher Buchholz hat sich in die Filmtage und die Kulturszene hineingearbeitet
Christopher Buchholz, Leiter der Französischen Filmtage Tübingen-Stuttgart, ist ein Mann mit vielen Jobs. Bild: Metz

Tübingen. Dass Christopher Buchholz der Sohn des berühmten Horst Buchholz ist, ist mittlerweile bekannt. Ist es also möglich, ein Gespräch mit ihm zu führen, ohne die Sohn-Vater-Beziehung abzufragen? Es ist. Und Christopher Buchholz scheint die Fragen nach dem Vater, über den er in der ersten Hälfte des Jahrzehnts einen Dokumentarfilm drehte, nicht zu vermissen.

„Ich kenne nun sehr viele Leute in Tübingen“, sagt Christopher Buchholz ein bisschen stolz. Die Kultur treibt ihn um. Am Abend zuvor war er im LTT und schaute sich „Romeo und Julia“ in deutsch-russischer Fassung an. Er sitzt regelmäßig mit am „Runden Tisch Kultur“ und hat sich mit Elan in die Organisation und in die Geschichte der Französischen Filmtage eingearbeitet. „Dieses Jahr war hart, ich musste unglaublich viel verstehen“, sagt er. „Es ist alles neu für mich.“

Neues macht ihm jedoch keine Angst, und Jammern ist nicht sein Ding. Er klebe auch nicht bedingungslos an einem Job oder Platz: „Ich mach’ das jetzt, in drei bis fünf Jahren mach‘ ich vielleicht was Anderes. Es gibt auch noch andere Dinge, die interessant sind“, betont er. Und er setzt abgeklärt hinzu: „Heutzutage muss man doch mindestens vier Jobs machen.“ Buchholz schafft das: Er ist Schauspieler, Filmemacher, Drehbuchautor und derzeit vor allem Filmtage-Leiter.

Buchholz kommt einem wie aus der Zeit gefallen vor. Während andere an Bionade nippen, trinkt dieser Mann noch begeistert Kaffee. Zigaretten scheint er auch nicht entfernt abschwören zu wollen. Er spricht mit leichtem französischen Akzent und großem Enthusiasmus. Die Filmtage-Mitarbeiter bildeten, so freut er sich, ein „Superteam“, der Verein lege sich mit voller ehrenamtlicher Kraft ins Zeug („die drei Vorstandsfrauen arbeiten wie verrückt!“). GmbH-Pläne lehnt er ab, die würden das Unternehmen nur verteuern. Obwohl die Stadt solche Pläne betreibt, und Kulturamtsleiterin Daniel Rathe bei der Festivalleiter-Wahl einen anderen Kandidaten favorisierte, verstehe man sich mittlerweile „supergut“ („Ich mag sie sehr!“). Buchholz beneidet Rathe nicht um ihre Rolle in den Kürzungsdebatten.

Nur kurz geht Buchholz die Begeisterung flöten, wenn er auf mögliche Einsparungen im Filmtage-Etat zu sprechen kommt. „Zehn Prozent wären für uns echt schlimm“, nennt er eine Zahl, die schon ins Gespräch gebracht wurde. 68 450 Euro ist von städtischer Seite für das Jahr 2010 vorgesehen, Kürzungen schlagen doppelt zu Buche, denn das Land gibt die gleiche Summe wie die Stadt.

Buchholz klappert also derzeit all die üblichen Verdächtigen ab, die Sponsoren werden könnten. Mit unbeirrbarem Charme tut er das, ein Mann, der nicht so leicht aufgibt: „Wenn die Tür vorne zugeht, komm ich hinten zum Fenster wieder rein.“

Ob diese Taktik Erfolg hat, wird sich zeigen. Jedenfalls hat er schon einen der bekanntesten französischen Regisseure am Haken: Claude Lelouch will das Festival am Donnerstag, 4. November, mit seinem neuen Film „Ces amours-là“ in Deutschland-Premiere eröffnen. Buchholz rechnet fest damit, dass Lelouch kommt. Auch wenn er bisher die Erfahrung machte, dass die Französischen Filmtage selbst in ihrem 27. Jahr in Paris herzlich unbekannt geblieben sind. Was Wunder: „Die Leute kennen die A-Festivals“.

Immerhin steht im Leben des Filmtage-Leiters Tübingen nun Seit‘ an Seit‘ mit Berlin, Paris und Los Angeles. Das sind Städte, durch die er vagabundiert, in denen er regelmäßig lebt. „Ich kenne das Große und das Kleine“, sagt der Polyglotte. Er schätzt die Vorteile von Städten mit kurzen Wegen, in denen man Leute treffen und sich vernetzen kann. Seine „beste Freundin in Deutschland“, eine Freundschaft aus Jugendjahren, traf er hier zufällig wieder.

Begegnungen mit Menschen und Begegnungen mit Filmen, das scheinen die wichtigsten Säulen in seinem Leben zu sein. Obwohl er selber Filme produziert, kann er sich ebenso gut für die Arbeit anderer begeistern. Gerade spielte er eine Rolle in Ismael Ferroukhis „Les hommes libres“, einen deutschen Wehrmachtsoffizier, der erfährt, dass 1942 Muslime in einer Pariser Moschee Juden verstecken. Nachdem er schon Stauffenbergs Bruder spielte, kann es sein, dass er auf deutsche Offizierstypen abonniert ist? Nein, das ginge gar nicht, sagt er lachend. Im Winter wirke sich vielleicht der Name Buchholz aus. „Im Sommer sehe ich dagegen aus wie ein pakistanischer Jude“, sagt der Sohn einer jüdischen Mutter, der Schauspielerin und Filmagentin Myriam Bru. In seiner allerersten Filmrolle wäre er fast als eine Art Arnold-Schwarzenegger-Double besetzt worden. Hauptdarsteller Jackie Chan hatte dann jedoch einen Unfall, so dass der Film nicht zustande kam.

Buchholz kennt zwar viele Leute in der Filmbranche, aber dennoch steckt viel Entdeckerfreude in ihm. So wird die Retrospektive der kommenden Filmtage dem Regisseur Bruno Dumont gewidmet sein. „Ich kannte ihn lange nicht, aber jetzt vergöttere ich ihn!“ schwärmt er. Einer seiner Pläne, nämlich das Festival zu reduzieren und weniger Filme zu zeigen, passt nur schwer zu solcher Begeisterungsfähigkeit. Ein paar Sachen hat er jedoch auch weglassen müssen. Die Zusammenarbeit mit dem Marseiller Festival erschien ihm nicht mehr sinnvoll, die Filme hatten kaum Publikum. Die mittlerweile auf acht angewachsene Zahl der Festival-Preise ließ sich dagegen nur schlecht reduzieren.

„Tübingen sollte ein Schaufenster vor allem für junge Regisseure sein“, das ist für ihn der Basissatz des Festivals. Mehr junge Zuschauer hofft Buchholz über Schnitt-Workshops und multimediale Verknüpfungen zu gewinnen, eben indem ein studentisches Publikum aufgebaut werde. Der Cineslam, also die Wettschlacht hoffnungsvoller Kurzfilm-Debütanten, wird in diesem Jahr auf die französischen Slammer verzichten. Diesen „Battle“ (Kampf) sollen diesmal die regionalen und nur deutsche Kräfte unter sich ausfechten.

Rätsel gibt der Filmtage-Leiter mit dem diesjährigen Plakat auf. „Fast schon menschlich“ steht darauf und eine junge Frau im Gorilla-Kostüm, aber ohne Kopf, hockt auf verbrannter Erde und balanciert eine Weltkugel auf dem Finger. Stanley Kubricks „2001“ mag dazu inspiriert haben. Buchholz holt damit auch die Bloch’schen Fragen nach Tübingen zurück: „Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“

Leiter der Französischen Filmtage Christopher Buchholz

1962-69 in Los Angeles geboren und aufgewachsen - 1970 Umzug nach London -1980 Abitur in Paris - in den achtziger Jahren Studium in Los Angeles, Wechsel zur Schauspielschule - 1985 erste große Rolle als Papst-Attentäter Ali Agca, von da an viele kleinere Rollen - 2003-05 arbeitete er an dem Dokumentarfilm „Horst Buchholz... mein Papa“ - 2004 war er unter anderem in der Fernsehproduktion „Stauffenberg“ als Bruder des Protagonisten zu sehen. - Im gleichen Jahr engagierte ihn Michelangelo Antonioni für seinen Film „Eros“. - 2010 Hauptrolle in „180 Grad“ des schweizerischen Regisseurs Cihan Inan - seit Februar 2010 Filmtage-Leiter in Tübingen

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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