Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Es begann in der Pulvermühle

Chronik zum Jubiläum von Kemmler

Die Firma Kemmler wollte keine Jubiläumsbroschüre. Stattdessen ließ sie sich ein Buch schreiben, das gut lesbare Lokalgeschichte und Management-Handbuch ist.

26.08.2010

Von Mario Beisswenger

Tübingen. Am 16. März 1885 kaufte Michael Pflumm, Bauer aus Hinterweiler, das Anwesen der Dußlinger Pulvermühle. So beginnt die Firmengeschichte des Baustoffunternehmens Kemmler. Herausgefunden hat die Frühgeschichte des Unternehmens Wolfgang Fischer. Der Historiker hat zum 125-Jahr-Jubiläum ein 300-Seiten-Buch über die Firma geschrieben, das mehrere Dinge aufs Beste verbindet: lokale Wirtschaftsgeschichte mit spannenden Aspekten, wie dem, dass ausgerechnet ein Investor aus der Brauerei-Branche die Unternehmensgründung ermöglichte, bis hin zu Ausführungen über heutige Management-Methoden eines Mittelständlers, die für Praktiker der Betriebswirtschaft interessant sind.

Eigentlich wollte die Firma Kemmler 2008 das 100-Jahr-Jubiläum feiern. Das Bild zeigt das Betriebsgelände im Jahr 1910 in Tübingens Reutlinger Straße zwei Jahre nach der Gründung. Doch der Ursprung der Firma lag in der Dußlinger Pulvermühle und konnte schließlich exakt auf das Jahr 1885 datiert werden. Bild: Firmenarchiv

Der 36-jährige Autor, der in Tübingen studierte, kam an den Auftrag über einen Kontakt seines Doktorvaters Prof. Eckart Conze zu Firmenchef Marc Kemmler. Für Firmen in der Größe von Kemmler sei es höchst ungewöhnlich, sich ihre Historie von einem Fachmann schreiben zu lassen. „Das gibt es sonst so gut wie nicht.“ Allenfalls große Industriebetriebe leisteten sich so etwas. Seine Auftraggeber ließen ihm dazu noch freie Hand, zwei Jahre sammelte er die Informationen. Ausdrücklich war auch gewünscht herauszufinden, wie sich Hans Kemmler, Großvater des jetzigen Chefs, während der Nazi-Diktatur verhielt. „Wir wollen wissen, was in den zwölf Jahren war“, lautete da sein Auftrag.

Fischer wertete das bescheidene Firmenarchiv aus. „Zum Archivieren neigt der Baustoffhandel nicht“, war da seine Erkenntnis. „Da wird viel mündlich überliefert.“ Das interessanteste Dokument ist das Resümee des Arbeitslebens von Johannes Kemmler, der nach Heirat mit Pflumms Tochter Margarethe 1901 in das Unternehmen eintrat. Im Buch ist es in ganzer Länge nachgedruckt. Aufwändig aber ergiebig, gerade was die Anfänge der Firma anging, war die Archiv-Recherche. Für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg stützt Fischer sich vor allem auf Interviews.

Bemerkenswerter Weise wurde aus dem Material kein Geschichtsschinken. Fischer gibt zu, dass er anfangs „auf wissenschaftliches Schreiben gepolt war“. Das gute Lektorat des Campus-Verlags habe ihm da sehr geholfen, vom Wissenschafts-Sprech wegzukommen. Nach eigener Einschätzung, die sich bei Lektüre bestätigt, ist für lokalhistorisch Interessierte vor allem die Zeit bis zum 2. Weltkrieg interessant. Besonders hilfreich beim Lesen ist da, dass Fischer die weitere historische Situation kurz anreißt und dann Details aus der Kemmler-Geschichte nachliefert. Das gilt für die Einschätzung des wirtschaftlichen Umfeldes bei der Unternehmensgründung genauso wie beim heiklen Thema Zwangsarbeit.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht es um die Unternehmens-Expansion unter Peter Kemmler. Er übernahm mit 19 nach einem Unfall seines Vaters die Unternehmensführung und baute die Firma zu einem der führenden Baustoffhändler auf. Den Schluss machen die jüngsten Strategien eines familiengeführten Unternehmens. Die Vermutung, auch das Buch sei ein geschickt überlegter Zug der Marketing-Abteilung, weist Marc Kemmler von sich. „Wir haben gar keine Marketing-Abteilung.“ Entstanden ist die Zusammenarbeit aufgrund einer persönlichen Verbindungen zu Conze. Der Marburger Historiker, der vorher auch in Tübingen lehrte, schrieb auch das Vorwort zum Buch. Inzwischen freut sich Kemmler aber über die sehr positiven Reaktionen bei Mitarbeitern, deren Familien, Kunden und Lieferanten.

Anderen Mittelständlern, die Ähnliches vorhaben, empfiehlt er unbedingt, einen Profi-Historiker zuzuziehen und nach einem guten Verlag zu suchen. Campus habe viel Zeit investiert in das Buch, weil es in ihr Programm über Familienunternehmen passt. Allerdings müsse auch die Geschäftsführung Zeit für die Mitarbeit einkalkulieren. Bei Kemmler überschneidet sich das auch mit eigenem Interesse. Schließlich promovierte er selbst über ein wirtschaftshistorisches Thema.

Info: Wolfgang Fischer, Das Baustoffunternehmen Kemmler: Die Geschichte eines schwäbischen Familienunternehmens über fünf Generationen, Campus Verlag, 329 Seiten, 26,90 Euro.

Baustoffe und Fliesen, Betonfertigteile und Garagen: Das Familienunternehmen Kemmler

Die Firma Kemmler beschäftigt in Baden-Württemberg und Bayern 1370 Mitarbeiter (davon 220 Azubis) an 24 Standorten. Im Baustoff- und Fliesenfachhandel sieht sich die Firma hier als Marktführer. Zu der Unternehmensgruppe gehören neben dem seit 1908 in der Reutlinger Straße ansässigen Stammhaus noch die Firma Kemmlit, die in Dußlingen Sanitärtrennwände produziert, Beton Kemmler in Hirschau, wo Betonfertigteile und Garagen entstehen.

Die Firma Kemmler Industriebau verkauft Decken und Wände aus Profilblech. 2009 erwirtschafteten die Firmen einen Umsatz von 350 Millionen Euro.

Die Firmenanteile befinden sich im Besitz von 13 Gesellschaftern aus dem Familienkreis. Der geschäftsführende Gesellschafter Marc Kemmler leitet das Unternehmen in fünfter Generation gemeinsam mit den familienfremden Geschäftsführern Kurt Binder, Martin Heimrich, Philipp Julien und Claus-Werner Neidhart.

Zum Artikel

Erstellt:
26. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. August 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen