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Spiegel der Republik

Club Voltaire beleuchtet seine ersten 40 Jahre

Er war eine städtische Keimzelle jugendlicher Selbstverständigung und alternativer Kultur. Er hatte stets zu wenig Geld, war fast schon tot. Heute bereichert er mit einem vielfältigen Programm wieder das Kulturleben der Stadt. Am morgigen Donnerstag feiert der Club Voltaire seine ersten 40 Jahre.

07.11.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. „Seit Dezember letzten Jahres gewerkelt haben vorwiegend Tübingens Pfadfinder (BDP) und nun sieht ein neuer Club allmählich seiner Vollendung entgegen: Der Club Voltaire in der Haaggase 26b, der in einem alten Hinterhaus untergebracht ist.“

So lautete eine der ersten Erwähnungen des Club Voltaires im TAGBLATT, Mai 1970. Es war vermutlich das erste und letzte Mal, dass der Club mit Pfadfindern in Verbindung gebracht wurde. Seine Rolle wurde vielmehr die der jugendlichen Gegen- und Alternativkultur. Strukturell steht er am Anfang der Soziokultur. Und aller Anfang ist schwer. Im Oktober 1971 las man im TAGBLATT: „Ehe sie völlig zur Legende und zum Albtraum in Sachen Tübinger Jugendpolitik werden konnte, ist sie nun tatsächlich Realität geworden: Die durch alle einschlägigen Diskussionen geisternde Toilette im Club Voltaire.“ Der Hintergrund: Nach langem Hin und Her beteiligte sich die Stadt schließlich mit 750 D-Mark an der Toilette.

Im Prinzip war das bereits symptomatisch, denn das Hickhack ums Geld, das Ringen um städtische Zuschüsse zieht sich durch die Geschichte des Clubs. Dabei erweiterte er das kulturelle Angebot so preiswert, dass man von einem städtischen Schnäppchen sprechen musste.

Von 1972 an lief der Betrieb. Im schiefen Häuschen in der Haaggasse traf sich damals das Redaktionskollektiv einer Lehrlingszeitung, der Werkkreis Literatur und Arbeitswelt diskutierte seine Texte, der Initiativausschuss Jugendparlament (IAJP) bemühte sich um Mit-Koordination der Jugendpolitik, die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) hatte einmal pro Woche ihren jour fixe. Und dann waren da die erwähnten Kulturveranstaltungen. In den siebziger, achtziger Jahren wurde der Club zum Spiegel dessen, was die Gemüter der Republik und der gebildeten Provinz umtrieb. Anti-Atomkraftbewegung, Unterstützung der Dritten Welt, Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Musik, Kleinkunst, Theater, Debatten. Der kleine Club wurde sogar zum großen Veranstalter, natürlich nicht in seinem Häuschen, aber, sehr stadtbildprägend, draußen: Das Club-Voltaire-Festival holte die Themen der Zeit auf den Marktplatz, engagierte Stars der Szene. Wolf Biermann, Mikis Theodorakis, Mercedes Sosa – um nur einige zu nennen. Im Haus in der Haaggasse wiederum begann vieles, was heute Rang und Namen hat. Willi Lieverscheidt sagt: „Der Club Voltaire ist für mich der Anfang von allem.“

Das leidige Geld blieb immer ein Thema. Ende der 80er Jahre drohte der Konkurs, in den neunziger Jahren wurde die Finanzierung sogar völlig zur Disposition gestellt. Aber es ging immer weiter. Seit 2005 ist der Verein Club Voltaire e.V. Mieter, das Gebäude gehört nun dem Schwäbischen Heimatbund. Diese Kombination wäre in den siebziger Jahren unvorstellbar gewesen. Seine Anfänge aber hat der Club nie vergessen, auch wenn sich sein Programm über die Jahre änderte. Hier spielten in den ausgehenden neunziger Jahren junge Tübinger Musikbands, hier gibt bis heute die VEB Kunstblume ihr jährliches Weihnachtskonzert, auch der Stammtisch Unser Huhn hat hier gelesen. In den Nuller-Jahren beherbergte der Club mit der wöchentlichen Reihe Zátopek eine der lebendigsten Kulturreihen der Stadt. Zátopek beschäftigte sich mit den Simpsons genauso wie mit den Änderungen im Abtreibungsrecht in Polen oder der „Wiederkehr der Langeweile“, mal ironisch und verspielt, mal sendungsbewusst.

Zeitweise hatte man den Eindruck, dass hier außer der Reihe Zátopek nicht mehr viel passiert. Doch in jüngster Zeit hat sich der Club Voltaire um das Vorstandstrio aus Ulrike Schneck und den Brüdern Ralf und Jörg Wenzel mit einem so dichten wie interessanten Programm wieder in die erste Reihe der Tübinger Kulturanbieter gespielt. Im Rahmen der Jubiläumswochen kommen demnächst sogar der weltberühmte Sprayer Harald Naegeli (14. 11., 20.30 Uhr), der Western-Gitarrist Sammy Vomacka (17. 11., 20.30 Uhr) und der Kabarettist Arnulf Rating (24.11, 20.30 Uhr) in den Club. Los geht es mit den Festwochen morgen um 18 Uhr, wenn der Club mit vielen Gästen feiert, Bernd Jürgen Warneken in seinem Festvortrag die Brutstätten alternativer Kultur zwischen Langer Gasse und Haaggasse beleuchtet.

Vormerken kann man sich auch schon einmal Dietmute Zlomkes Lesung aus aus dem „Einbildungsroman“ des berühmten Fotografen Erwin Blumenfeld (Freitag, 9. 11., 20 Uhr) und das Konzert von Guru Guru-Gitarrist Hans Reffert und Cochise-Geigerin Dorle Ferber (Sonntag, 11. 11., 20.30 Uhr).

Club Voltaire beleuchtet seine ersten 40 Jahre

Club Voltaire beleuchtet seine ersten 40 Jahre

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07.11.2012, 12:00 Uhr

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