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Noch nicht alt genug

Club Voltaire feierte seine ersten vierzig Jahre

Der Club Voltaire rief zur 40-Jahre-Party und das Häuschen wurde voll. Ein lockerer, harmonischer Abend mit Freunden. Und ein Festvortrag, der eines klar machte: Die Altstadt war schon immer rebellisch.

11.11.2012
  • Peter Ertle

Tübinger. Ralf Wenzel brachte einen der Renovierung zum Opfer gefallenen Türrahmen mit, um anhand seiner roten Farbe und der auf ihm befindlichen Aufkleber den Club Voltaire zu charakterisieren. Seine Vorstandskollegin Ulrike Schneck wiederum beschrieb die Arbeit im Club mit einem Kontinuität und Veränderung gleichermaßen erhellenden „Früher hieß es basisdemokratisch, heute nennt man es ehrenamtlich.“

Christopher Blum vom Kulturamt vertrat in Personalunion den verhinderten Oberbürgermeister sowie die Kulturamtsleiterin und versicherte dem Verein die städtische Wertschätzung. Und der schwäbische Heimatbund, neuer Eigentümer des Hauses in der Haaggasse 26b, überreichte in Person seines Tübinger Ortsgruppenleiters Frieder Miller den Schlüssel für das renovierte Gebäude. Er wurde im Laufe des Abends samt Bart und Zargen von den Anwesenden aufgegessen, ohne schwer im Magen zu liegen – es handelte sich um einen Hefezopf.

Vorher schon hatte jeder Gast ein Glas Sekt gratis bekommen, zum Anstoßen. Während Geiger Achim Braun für musikalische Intermezzi sorgte, glitt der Blick über die Wände und die Menschen. Die Wände waren bepflastert mit alten Plakaten, Fotos, Zeitungsausschnitten, eine Ausstellung zu 40 Jahren Geschichte. Die Menschen wiederum waren so zahlreich und stadtbekannt, dass sie hier aufzuzählen zu umfangreich und die Gefahr, jemand zu vergessen zu groß wäre.

Den Festvortrag hielt Kulturwissenschaftler Bernd Jürgen Warneken. Er erinnerte sich, dass zu Beginn der siebziger Jahre manche Nachbarn des Club Voltaire diesen als „Apo-Ufo“ und also als Fremdkörper empfunden hätten. Dabei sei die Altstadt immer schon auch ein Hort der Aufmüpfigen, Unangepassten, Querdenker und Linken gewesen, deren einige er in seiner folgenden, sich leider in keinem Stadtführer findenden Alternativ-Geschichtsskizze vorstellte. Sie begann im Jahre 1780 und im Boulanger, Stammkneipe der idealistischen Stiftler um Hegel, die in Warnekens Schilderung rasch zu rauchenden, trinkenden, „küsselustigen“ und – Stichwort „ältestes deutsches Systemprogramm“ – utopische Entwürfe verfassenden, kurz: zu klaren Vorläufern des Club Voltaires wurden.

Die geistige Stadtführung ging weiter in der Langen Gasse, wo zwischen 1848 und 1905 die Tübinger Chronik gedruckt wurde, die unter Ernst Benjamin Riecker zeitweilig zu einem frechen Revolutionsblatt wurde, mit einem wie in besten taz-Tagen freudig kommentierenden „Säzzer“ – oder Meldungen wie die über 1300 Choleratote in Berlin, die mit einem irgendwie enttäuscht klingenden „Der König ist nicht an Cholera gestorben“ endeten.

Beim heutigen „Ranitzky“ auf dem Marktplatz wiederum wohnte die berühmte Familie Kurz, von der Warneken nicht die bekannten Hermann, Isolde oder Marie sondern den viel weniger bekannten Edgar (1853 bis 1904) ins rechte Licht rückte: Mit dem angehenden Mediziner traf sich hier ein Zirkel internationaler Sozialisten, darunter der spätere Sekretär der Pariser Commune und französische Sozialistenchef Edouard Vaillant. Bei der 2. sozialistischen Internationale war Kurz übrigens tatsächlich Tagungspräsident.

Über politisierende Sport- und Musikvereine und das Wirtshaus „Zum Hahnen“ in der Marktgasse 15 ging es schließlich ins Kornhaus, wo ab 1910 der „Akademische Verein für Volksunterrichtskurse“, also quasi der Volkshochschulvorläufer seinen Ort hatte. Einer der Gründer: Ökonomie-Professor und Starredner Robert Wilbrandt (der seine Antrittsvorlesung über Karl Marx gehalten hatte. Marx, wohlgemerkt, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.)

1932 bei den Reichstagswahlen bekamen in der Unterstadt die Kommunisten übrigens 40 Prozent – ein Stadtviertel-Spitzenergebnis. Unter den Linkswählern war vielleicht auch „Tante Marie“, die im Haus des ehemaligen Kino Löwen wohnte. Eine Anekdote erzählt, dass sie sich am 20. April 1939 verwundert nach dem Grund für die Hakenkreuzbeflaggung erkundigt haben soll. Als man ihr des Führers 50. Geburtstag nannte, soll sie ausgerufen haben: „Also mir wär’ er alt g’nug“.

Maries Ausruf lässt möglicherweise interpretatorischen Spielraum, die unüberhörbare Ironie darin ist dann aber doch ziemlich eindeutig und gefällt Warneken sehr. Wie ihm ebenfalls gefällt, dass auch der Club Voltaire in seiner Geschichte das politische Bewusstsein durch Ironie – nicht ersetzt, aber – ergänzt hat. Dazu und auch zu 40 Jahren gratulierte er dem Club mit den Worten: „Also mir wär’ er noch nicht alt g’nug.“

Das findet übrigens auch Grupo Sal. Mit live-Tönen und Bildern aus dem Archiv des Club Voltaire ging der Abend allmählich ins fortgeschrittene Stadium der Nacht über.

Club Voltaire feierte seine ersten vierzig Jahre
Ein kleiner Ausschnitt der Gäste: Ganz rechts der spätere Festredner Bernd Jürgen Warneken, in der zweiten Reihe Mitte Stadtarchivar Udo Rauch, hinten fidelt Achim Braun. Und die Wände erzählen die Club-Voltaire-Geschichte.Bild: Sommer

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11.11.2012, 12:00 Uhr

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