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Wiege der Biochemie: Die Tübinger Schlossküche wird zum Museum

Curevac spendet 100.000 Euro für die Ausstattung

Das weltweit erste biochemische Labor, zuvor Schlossküche von Hohentübingen, wird dank einer Spende der Tübinger Biopharma-Firma Curevac als Museum eingerichtet. Hier entdeckte Friedrich Miescher 1869 die Desoxyribonukleinsäure (DNA).

02.11.2014
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Die ehemalige Schlossküche darf als Wiege der Biochemie betrachtet werden und ist damit ein weltweit herausragender wissenschaftshistorischer Ort“, sagte am Freitag Rektor Bernd Engler, als die Umgestaltung zum Museumsraum vertraglich besiegelt wurde. Bis dahin bildete sich die Bedeutung dieses Raums freilich nur in wenigen Köpfen ab, derzeit wird diese historische Stätte als Technik- und Lagerraum genutzt.

Ingmar Hoerr, Mitgründer und Geschäftsführer von Curevac, begeistert sich für die Umnutzung, weil er mit dem Molekül arbeitet, das vor 145 Jahren in dem damaligen Universitätslabor entdeckt wurde. „Dieses Molekül ist heute die Basis unserer Krebsmedikamente und Impfstoffe.“ Das junge Unternehmen, das im Jahr 2000 aus der Universität heraus gegründet wurde, hat eine Technologie ersonnen, mit der sich Impfstoffe für fast alle Infektionskrankheiten und gegen Tumorzellen entwickeln lassen. Die Europäische Kommission bewertete dies als den derzeit international größten Fortschritt in der Impfstoff-Technologie und verlieh der Firma im Frühjahr den mit zwei Millionen Euro dotierten „Inducement Prize“.

Das Prinzip ihres Verfahrens hat sich Curevac am Wirkungsmechanismus der Natur abgeschaut, Vorbild war die DNA. Mit seiner Doktorarbeit war Hoerr auf dieses Anwendungsgebiet gestoßen – und hat sich damit in die weitläufige Verwandtschaft von Friedrich Miescher eingeklinkt. Zwei Pioniere also, die generationenübergreifend mit Tübingen verbunden sind.

Das Preisgeld ermöglicht es, die schon seit einiger Zeit glimmende Idee zu verwirklichen. Als Curevac 2010 sein Zehnjähriges im Rittersaal feierte, war der Wissenschaftshistoriker Ralf Dahm, der sich intensiv mit der Frühphase der Biochemie beschäftigt, Festredner und machte einmal mehr auf den nur wenige Meter entfernten, von der Öffentlichkeit aber nur wenig beachteten historischen Ort aufmerksam. Sigrid Schumacher, Mitarbeiterin im Unimuseum mit Büro neben der Schlossküche, weiß indes von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt, die eigens anreisen, um wenigstens etwas von der Aura dieses Raumes zu erfassen.

Ernst Seidl, Leiter des Uni-Museums, freut sich über die Gelegenheit, „die große Tradition der Tübinger Biochemie öffentlichkeitswirksam darzustellen und damit auch die überregionale Attraktivität des Museums der Universität weiter auszubauen“. Er hat nicht vor, den alten Zustand zu Mieschers Zeit zu rekonstruieren. „Das kriegen wir sowieso nicht hin.“ Aufgabe der geplanten Installation wird es sein, die biochemischen Pioniertaten anschaulich darzustellen und den Bogen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zu spannen.

Erfreulich für die Planer ist, dass sie auch einige zeitgenössische Laborgegenstände in die Ausstellung einbeziehen können. Nicht zuletzt gehört dazu ein noch existierendes Reagenzglas Friedrich Mieschers mit Nukleinsäure. Ingmar Hoerr geht davon aus, dass an der baulichen Substanz des Raums nicht viel geändert werden muss und der Schwerpunkt der Investition „bei der modernen didaktischen Aufbereitung in Deutsch und Englisch“ liegen kann. Mit der fachlichen Beratung wird Ralf Dahm (Uni Mainz) beauftragt. Eröffnung könnte im kommenden Herbst sein. Man wird sich dann auf Felix Hoppe-Seyler und Friedrich Miescher und deren 120. Todestag beziehen; beide sind im August 1895 gestorben.

Curevac spendet 100.000 Euro für die Ausstattung
Unter den Bögen der alten Schlossküche richteten Tübingens Naturwissenschaftler das erste biochemische Labor der Welt ein. Paul Sinner hat den Raum 1879 fotografiert. Es wird vermutet, dass der Tisch rechts Friedrich Mieschers früherer Arbeitsplatz war. Allerdings forschte Miescher seit 1872 an der Universität Basel.

Vor knapp 200 Jahren übertrug der württembergische König Wilhelm I. das Tübinger Schloss der Universität. In der ehemaliger Schlossküche wurde bald eines der ältesten, wenn nicht sogar das älteste biochemische Labor der Welt eingerichtet. Felix Hoppe-Seyler, der Begründer der Physiologischen Chemie, entdeckte hier den Blutfarbstoff und gab ihm den Namen Hämoglobin. Sein Schüler Friedrich Miescher isolierte ebenfalls hier 1869 aus einem Extrakt aus Eiterzellen die Desoxyribonukleinsäure. Damit legte er, so der Wissenschaftshistoriker Ralf Dahm, den Grundstein für ein völlig neues Verständnis von Lebewesen. „Die volle Tragweite dieser Entdeckung konnten aber damals weder Miescher noch seine Zeitgenossen absehen.“

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02.11.2014, 12:00 Uhr

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