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Schriftsteller

Currywurst und Utopien: Uwe Timm wird 80

Uwe Timm hat gesellschaftskritische Romane, aber auch Kinderbücher und Filmdrehbücher geschrieben. Nun wird er 80 und verrät, wie er in der Corona-Krise feiert.

28.03.2020

Von Cordula Dieckmann

Uwe Timm liest im Adolf-Würth-Saal in Schwäbisch Hall aus seinem Buch „Ikarien“. Foto: Ufuk Arslan

Frankfurt a. Beim Namen Uwe Timm fällt vielen sofort sein wohl berühmtestes Buch ein: „Die Entdeckung der Currywurst“. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte am Übergang vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit – oft Schullektüre. Außerdem rührt sie an ein heikles Thema, erfindet die Protagonistin Lena Brücker doch darin zufällig eine pikante Wurstsoße. Ausgerechnet eine Hamburgerin, wo doch Berlin und das Ruhrgebiet die Currywurst für sich reklamieren. Timm lacht, wenn man ihn danach fragt. „Das ist doch Literatur, das ist eine fiktive Gestalt“, sagt der Schriftsteller, der am 30. März 80 Jahre alt wird. „Manchmal wird Literatur Wirklichkeit.“

Die Wirklichkeit ist in Timms Büchern ein wichtiges Thema, vor allem diejenige in Zeiten des Umbruchs. Sein Roman „Ikarien“ etwa erzählt von dem Arzt Alfred Ploetz, der während des NS-Terrors den Begriff der Rassenhygiene prägte. Das Buch „Morenga“, das fürs Kino verfilmt werden soll, setzt sich mit der deutschen Kolonialismusvergangenheit in Afrika auseinander. Die 1968er-Bewegung beschreibt er in Werken wie „Heißer Sommer“ und „Kerbels Flucht“ sowie in der Erzählung „Der Freund und der Fremde“ über seinen 1967 bei Protesten erschossenen Freund Benno Ohnesorg.

Sein wohl persönlichstes Werk, „Am Beispiel meines Bruders“, handelt vom älteren Sohn der Familie, der freiwillig der Waffen-SS beitrat und 1943 im Lazarett starb, als Timm drei Jahre alt war. „Mein Bruder ist ein Teil auch meiner Lebensgeschichte, weil er am Tisch saß als Toter, wie ein Gespenst, dieser Junge, der so verklärt wurde“, erinnert sich Timm. „Meine wunderbare Mutter trauerte wirklich um diesen sinnlosen Tod. Mein Vater verband das mit Stolz, dass der sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat.“

Sein neues Buch „Der Verrückte in den Dünen“ dreht sich um Utopien – Vorstellungen einer besseren Welt, ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit, aber oft zu weit weg. „Vielleicht wäre nicht das Fragen nach der einen perfekten Utopie, sondern das nach einer Vielzahl nicht perfekter, aber erreichbarer Utopien ein Weg?“, fragt er im Vorwort.

Doch Timm ist nicht nur der gesellschaftskritische Autor. Er schrieb auch für Kinder, etwa „Rennschwein Rudi Rüssel“, eine turbulente Familiengeschichte, die 1995 verfilmt wurde. Die Liebe zum Erzählen entdeckte er als Kind in Hamburg. „Ich hatte eine Tante, die in einem etwas anrüchigen Viertel in Hamburg lebte. In ihrer Küche trafen sich Hafenarbeiter und Matrosen, aber auch die Frauen, die anschaffen gingen“, erinnert er sich. „Als Kind habe ich da gesessen und zugehört. Ich habe die unglaublichsten Geschichten gehört, auch was die Liebe anging. Bei Tante Grete, da bin ich radikal aufgeklärt worden.“

Prägend war auch die Zeit im Frühjahr 1945, als der Zweite Weltkrieg endete. Der Schwarzmarkt, US-amerikanische Soldaten, die Stimmung – eindrückliche Erlebnisse für einen Fünfjährigen, der damals infolge der Kriegswirren vorübergehend im oberfränkischen Coburg war. „Die Erwachsenen haben sich von heute auf morgen anders verhalten. Die Männer, die früher in brauner Uniform rumkommandiert haben, waren plötzlich ganz klein.“ Auch die Hitlerbilder verschwanden. Und erst die Amerikaner: „Das war eine ganz andere, bestechende Welt. Für mich war damit verbunden, dass ich Kaugummis und Schokolade bekam.“

Amerikanischer Jazz, Filme und Jeans – faszinierend. „Es hat Monate gedauert, bis ich mir meine erste Jeans von meinem Taschengeld kaufen durfte, mit 13. Ich trage Jeans bis heute immer noch als Hose der Befreiung.“ Der Vietnamkrieg dämpfte Timms Begeisterung für die USA. Er studierte in Paris, interessierte sich für Existenzialismus, für Autoren wie Albert Camus, Jean-Paul Sartre und für französische Filme. Als Mitbegründer der „Wortgruppe München“ war er in den 1970er Jahren Mitherausgeber der Autoren-Edition und der Zeitschrift „Literarische Hefte“.

Wie er Gesellschaftskritik mit Unterhaltung verband, bescherte ihm so manche Auszeichnung. „Der Preisträger verwandelt Geschichte in Geschichten. Er schlägt Brücken über die Epochen und läuft dem Zeitgeist nicht hinterher“, begründete die Stadt Mannheim 2018 die Vergabe des Schillerpreises an Timm. 2009 hatte er bereits den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln erhalten für seine „kunstvolle Verschränkung von Historischem mit Poetischem“.

An seinem 80. Geburtstag hätte es sicher Reden auf den Münchner gegeben. „Eigentlich hatten wir eine Feier im Literaturhaus mit 200 Leuten geplant.“ Daraus wird nun nichts, wegen der Corona-Pandemie. Auch seine vier Kinder und die fünf Enkel können nicht mitfeiern. „Jetzt werden meine Frau und ich zu zweit essen“, sagt Timm und berichtet genüsslich von seinem Festmahl: „Kartoffelmus mit Spinat und Spiegeleiern“. Ein Lieblingsgericht aus Kindertagen. „Dann stoßen wir an.“

: Der Verrückte in den Dünen. Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 20 Euro. Foto: Kiepenheuer & Witsch

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Erstellt:
28. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. März 2020, 06:00 Uhr

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