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Die Sammlung Christoph Müller in der Alten Nationalgalerie

Dänemark, das neue Holland

Erst sammelte er Niederländer, dann Dänen. Mäzen Christoph Müller, früher Verleger in Tübingen, zeigt jetzt seine Sammlung der "Kopenhagener Malerschule" in der Alten Nationalgalerie Berlin.

02.04.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Berlin. "So. Jetzt sind sie weg. Für immer." Die Gemälde, die dem Sammler das "Herz aller Dinge" waren, hängen nicht mehr dicht an dicht in den Wohnräumen. Christoph Müller hatte derart vor drei Jahren so melancholisch wie stolz und zufrieden geseufzt, als er seine bedeutende Sammlung holländischer und flämischer Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts, seinen "Kosmos der Niederländer", dem Staatlichen Museum Schwerin schenkte.

Aber nun verabschiedet der 77-jährige Feuilletonist und Mäzen und ehemalige Verleger des "Schwäbischen Tagblatts" in Tübingen schon wieder eine Sammlung aus einem "goldenen Zeitalter", diesmal ist jenes der dänischen Malerei gemeint, geprägt von Christoffer Willem Eckersberg und den nordischen Romantikern des 19. Jahrhunderts.

Mit 375 Werken geht die umfangreichste deutsche Privatsammlung dänischer Kunst ans Pommersche Museum Greifswald, wo mit Geld des Bundes eine "Galerie der Romantik" entsteht. Wieder schaue damit Berlin in die Röhre, wie der örtliche "Tagesspiegel" klagt, aber in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel läuft jetzt noch eine kleine "Farewell"-Ausstellung über die "Kopenhagener Malerschule" mit Bildern und Studien aus dem eigenen Bestand und der Sammlung Christoph Müller, dem Wahl-Berliner aus Mitte, der mittlerweile als Mecklenburger ehrenhalber auch einen Wohnsitz in Saßnitz auf Rügen hat.

Die Kopenhagener Akademie jedenfalls gehörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den modernsten in Europa: Auf das genaue Studium der Natur wurde größter Wert gelegt, wissenschaftliche und perspektivische Fragen spielten eine wichtige Rolle. Caspar David Friedrich, der deutsche Romantiker schlechthin, bildete sich dort aus. Er war wiederum ein gebürtiger Greifswalder - also, da bedenkt der fürsorgliche Kunstliebhaber Müller ("Sehlust trägt bei zur Lebenslust") die Richtigen. Aber wie ist er denn jetzt auf die Dänen gekommen?

Das hat, profan gesagt, auch mit dem gepflegten Schwabentum Müllers zu tun, seiner Sparsamkeit. Schon seine enzyklopädische Niederländer-Sammlung war das Ergebnis auch einer klugen wie genussvollen Schnäppchenjagd. Kurz: Die Dänen waren in den letzten drei Jahren noch günstig zu haben, ja "extrem billiger als die Niederländer, man bekommt vier Dänen für einen Niederländer", sagt Müller schmunzelnd. Wobei sich das ändere, mittlerweile habe der Kunstmarkt diese Malerei entdeckt, auch die großen Museen der Welt ergänzen jetzt ihre Sammlungen auf diesem Feld.

"Dänemark ist, wenn man so will, ein neues Holland", bilanzierte schon der Kunsthistoriker Richard Muther um 1894: "Die rührende Zärtlichkeit", mit der die Dänen "das Porträt ihres schönen Landes, seines Familienlebens, seine Waldlandschaften und Seelen malen", erinnerte ihn an Holland, nur dass Dänemark "weniger fett" und weniger "üppig" sei. Ja, einen besseren Kronzeugen als Muther hätte Philipp Demandt, Leiter der Alten Nationalgalerie, nicht finden können, um die Leidenschaft des Kunstsammlers Müller zu beschreiben. Auch Dänemark: ein kleines Land, "aber zweimal vom Meer umspült". Seestücke, Porträts, Landschaften mit "sehr ausdifferenziert wolkenverhangenen Himmeln", die "pure Poesie" in realistischen Bildern ohne "biedermeierliche Schönfärberei". Im Grunde sei es "das Gleiche wie 200 Jahre zuvor", sagte Müller auf der Vernissage. Nur heißen die Künstler jetzt etwa Johan Thomas Lundbye. Dessen "Winterlandschaft" von 1845 zeigt eine Küste mit feinen Hügeln, so anmutig wie Wellengebilde - dieses Gemälde bleibt als Geschenk in der Alten Nationalgalerie, Kuratorin Angelika Wesenberg hat es sich ausgesucht.

Ein spannendes Kapitel Kunstgeschichte, diese Dänen im romantischen, empfindsamen frühen 19. Jahrhundert, auch weil es eine politische Dimension besitzt. Es entwickelte sich in Dänemark seit den 1830er Jahren im aufkeimenden Nationalgefühl auch eine patriotische Landschaftsmalerei. Die deutsch-dänischen Kriege bildeten dann eine Zäsur, 1848 schon hatte der Kampf um die Herzogtümer Schleswig und Holstein begonnen.

Es ist schon eine Pointe in der Alten Nationalgalerie, wenn der Besucher auf dem Weg ins Kabinett zur "Kopenhagener Malerschule" zunächst die Haupt- und Staatsaktionen der preußischen Maler passieren muss, die riesigen Historiengemälde Adolph Menzels und anderer, um dann einen Blick auf die kleinen Dänen werfen zu können.

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02.04.2016, 06:00 Uhr

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