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Das Ende der Revolution 1848/49: Zum Beispiel Gottfried Pfeiffer, geboren in Gomaringen

Daheim alles verlassen . . .

GOMARINGEN. „Die Feinde der Freiheit spielen immer dasselbe Spiel: das Gute an den Männern und an der Sache des Volkes wird verschwiegen . . .“ Worte des Achtundvierzigers Wilhelm Zimmermann, Tübinger Stiftler, Pfarrer, Politiker und Historiker, der seine Revolutionsgeschichte bereits im September 1848 abgeschlossen hatte. „Jeder That ihren Raum, dem Edeln seinen Kranz . . .“ Aber den Vorkämpfern der Freiheit wurden keine Kränze geflochten, eher Flüche ins Exil oder die innere Emigration nachgeschickt.

30.06.1999
  • Günter Randecker

Bestes Beispiel, der „Bauernkriegs-Zimmermann“ selber: Erst wurde seine schriftstellerische Arbeit von den Zensurbehörden verfolgt, dann erhielt er (1850) Berufs- und Redeverbot. Was bis heute nicht im Gomaringer Heimatbuch von Wolfgang Sannwald nachzulesen ist: Gottfried Pfeiffer, geboren aus Gomaringen, Oberamt Reutlingen, gehörte auch zu den Verfolgten der vor 150 Jahren gescheiterten deutschen demokratischen Revolution.

Goetz von Mössingen

Sein Name taucht neben Reutlinger, Tübinger, Rottenburger Freischärlern in den Akten jener Zeit auf. Dieser Gomaringer steht neben Caspar Lotterer aus Eningen — letzterer ebenso wie Dionysius Goetz aus Mössingen zeitweilig auf dem Hohenasperg inhaftiert und als „Soldat bey der Colonne Robert Blum“ zu der langen, über 200 Namen zählenden Liste der Flüchtingen aus dem Königreich Württemberg gehörend, die Ende 1849 noch in der Schweiz waren.

Am 12. Juni 1849 hatte das Comité der „Schwäbischen Legion“ aus Baden per Aufruf gemeldet: „Unser Herz zum Gruße, ihr Lieben in der Heimath!“ Und weiter: „Wir haben daheim Alles verlassen, was uns lieb und theuer war . . . von der Heimath unterstützt uns kein Heller . . . Sieg der Freiheit! Gruß und Handschlag Euch Allen.“ Der Appell der Schwäbischen Legion: „Gebt uns Waffen!“

Im sogenannten Stuttgarter Rumpfparlament verhallte dieser Hilferuf nicht ganz ungehört: „Wenn das württembergische Ministerium die Bevölkerung fast wehrlos läßt, und nicht die Mittel der Volksbewaffnung in die Hand nimmt und ausführt, dann zeigt er sich selbst von der deutschen Nation als einen activen Verräther an der deutschen Verfassung und der deutschen Nation“, verkündete am 16. Juni 1849 Wilhelm Zimmermann unter „stürmi-schem Bravo in der Versammlung und den Zuhörerräumen“, zwei Tage bevor die Nationalversammlung selber mit Bajonetten auseinandergetrieben wurde.

„Gestern vormittag“, hieß es in einem Privatschreiben vom 22. Juni 1849 aus Neuenbürg, „zogen 3 Wagen mit ungefähr 40 Mann Freischaaren meist Arbeiter, von Reutlingen, Eningen, Pfullingen, mit Sensen, nur sehr wenige mit Gewehren versehen, durch Calw in das Baden'sche.“ (Einige der Musketen stammten von J. G. Strasser, Mechanische Werkstätte, Eisen-Gießerei und Schmiede in Dettingen/Erms.) Die gerechten Forderungen der Reutlinger Volksversammlung, so ein vom gleichen Tage an die „Württemberger!“ gerichteter Revolutionsaufruf, seien „mit gefühlsloser Kälte zurückgewiesen worden“. Die Gegenrevolution siegte. Die Folge: Exil und politische Verfolgung.

Ihm Treue bewahrt

Der Landtagsabgeordnete Karl Friedrich Schnitzer wurde für ein Jahr auf dem Hohenasperg eingesperrt. Im August 1849 war er noch mit über 80 Prozent der Stimmen im Wahlkreis Reutlingen gewählt worden und im Waffenrock im Parlament einmarschiert: Auch „die benachbarten Gomaringer“, berichtete ein Wahlpoem, „Schleckten nach Schnitzer die Finger. / Als er an Jakobe / Sie stellte auf die Wahlprobe. / Sie haben ihm Treue bewahrt / Und fürchteten nicht seinen Bart“.

Die Reste der in Baden geschlagenen Schwäbischen Legion (wie eine Liste mit über 200 Namen belegt) war auf der Flucht: 27 in Zürich, acht in Aargau . . . Vom 16. November 1849 stammt die Anfrage des Polizei-Departements des Kantons Aargau an das Oberamt Reutlingen (siehe Abbildung), dem Flüchtling Gottfried Pfeiffer, der das Gesuch mitunterzeichnete, einen „Heimathschein . . . zur Rückkehr in seine Heimath ertheilen zu wollen.“

Schultheiß Julius Nill und seine Gemeinderäte Kern, Mozer, Weyhing, Nill, Epp, Rapp, Wörner und Vöringer wollten in ihrer Stellungnahme vom 24. November der Ausstellung dieses Heimatscheines kein Hindernis in den Weg legen. „Der Feigheit, dem Wortbruch, dem Verrat und dem Betrug am Volk ein eigenes Blatt“ gebe die Geschichte der Gegenrevolution, befand Wilhelm Zimmermann.

Die Abschiebungen von damals

Das württembergische Innenministerium hatte vor 150 Jahren intern verfügt, solche Personen wie Gottfried Pfeiffer oder Caspar Lotterer „im Betretungsfalle mittelst Zwangspaß in ihre Heimath zu weisen . . . und dem betreffenden Oberamte zu notificiren, welches sofort dem Gerichte von der Sache die geeignete Mittheilung zu machen hat“.

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30.06.1999, 12:00 Uhr

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