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Nach 500 Jahren muss die schwerste Glocke schneller läuten

Damenbesuch im Turm

Die Turmfalken sind ausgeflogen. Bereits im vergangenen Jahr brüteten sie in einem benachbarten Schuppen. Aber ein Großes Mausohr wohnt noch im Kirchturm. Ein Fledermausmännchen, das gerne Damenbesuch empfängt. Während der Sanierung des Kirchturms muss das Mausohr umziehen, was glücklicherweise mit wenig Aufwand verbunden ist. Die Sanierung des Turms ist teuer. Deshalb plant die evangelische Kirchengemeinde bereits viele Aktionen, um Spenden zu sammeln.

09.08.2012

Von susanne wiedmann

Ofterdingen. Das Große Mausohr kennt sein neues Domizil und die ideale Einflugschneise. Im Dachstuhl des Kirchenschiffs, wo es früher schon gehaust hat, wird sein Ausweichquartier eingerichtet. Und obwohl es derzeit häufig von einem Fledermausweibchen besucht wird, „haben wir im Turm keine Kinderstube“, sagt der evangelische Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien.

Mit den Glocken schwingt die Wand

Denn Kirchtürme sind bei Fledermäusen beliebt, um sich fortzupflanzen und ihre Jungen aufzuziehen. Klar, dass sie dabei nicht gestört werden sollen, nicht verletzt oder gar getötet. Deshalb hat das Regierungspräsidium einige Auflagen. Während der Brutzeit im Sommer dürfen keine Handwerker lärmen oder die Fledermäuse sonst wie belästigen. Im Winter könnte der Kirchturm im Bereich des Fledermausquartiers saniert werden. „Für die Verfugungsarbeiten im Mauerwerk muss es aber warm sein, sie können nicht im Winter gemacht werden“, erklärt Schaber-Laudien. Daher ist es prima, wenn das Große Mausohr samt seiner Verehrerin umzieht.

Der Ofterdinger Pfarrer weiß von einem Fall in der Gemeinde Höfen im Enzkreis, wo die Bauarbeiten am Kirchturm fast eingestellt wurden wegen sechs neugeborenen Turmfalken. Mit einer Sondergenehmigung des Regierungspräsidiums seien sie aus dem Horst genommen, in Kisten gepackt und zu Adoptiveltern gebracht worden. „Der Aufwand, der wegen sechs Vögeln betrieben wird, ist schon phänomenal“, findet Schaber-Laudien.

Für rund 300 000 Euro muss der Turm der Ofterdinger Mauritiuskirche saniert werden (wir berichteten). Faul und feucht ist das Holz, Risse durchziehen das Mauerwerk. Der quadratische Kirchturm wurde zweischalig konstruiert und zwischen 1427 und 1525 in mehreren Etappen errichtet. Behauener Sandstein bildet die Außenhaut, Bruchsteinmauerwerk die Innenwand. Und nun löst sich die innere Mauerschale von der äußeren ab. Wegen zu vieler Hohlräume und zu weniger Verzahnungen – bei einer Mauerstärke von rund zwei Metern. Deshalb müssen die Wände zwischen Außen- und Innenschale neu verfüllt werden.

Im Glockenhaus sind die Hauptschäden, weil sich der Glockenstuhl und das Mauerwerk berühren. Jedes Mal, wenn die Glocken läuten und schwingen, vibriert die Wand. Kürzlich wurden die Schwingungen aller vier Glocken gemessen. „Die Glockenschwingungszahl und die Eigenschwingungszahl des Turms sollten zehn Prozent auseinanderliegen“, erklärt der Architekt Albert Hörz. Das seien Erfahrungswerte von Bauphysikern. Nicht weniger als 1,1 Tonnen wiegt die Glocke eins. Sie ist die schwerste und mit 510 Jahren die zweitälteste. Und sie schwingt nahezu parallel mit dem Turm. „Der Rhythmus muss aber ein anderer sein, sonst schaukelt sich das auf“, warnt Hörz. Und das heißt: „Die Glocke muss schneller läuten.“

Kirchenwein in der Bauhütte

Der Pfarrer erinnert sich, dass die Millennium Bridge in London am Tag ihrer Eröffnung beinahe zusammenstürzte, weil die Eigenschwingung nicht richtig berechnet worden war. Und in Ofterdingen glaubte man bislang, der Kirchturm sei sehr massiv. Aber er ist relativ weich. Nicht nur, weil zwischen Außen- und Innenschale nichts als Müll, Sand und Dreck stecken. Sondern auch, weil sich die beiden Schalen unterschiedlich bewegen. Wenn der Zwischenraum neu verfüllt ist, werden die Frequenzen jedenfalls neu gemessen. Statiker der Universität Karlsruhe untersuchten die Schwingungen. Dem Architekt war es wichtig, dass unabhängig und nicht profitorientiert gearbeitet wird.

Die Hälfte der Sanierungskosten muss die evangelische Kirchengemeinde Ofterdingen selbst aufbringen. Wenn sie 75 000 Euro gesammelt hat, kann sie den Bauantrag beim Oberkirchenrat stellen. Wie viele Spenden bislang eingegangen sind, kann Schaber-Laudien derzeit nicht sagen, „weil die Kirchenpflegerin im Urlaub ist“.

„Es ist wichtig“, sagt Marlies Wiech, die Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, „dass wir viele Leute mobilisieren. Der Kirchturm soll doch weitere 500 Jahre stehen bleiben.“ Mit welcher Summe sich die Kommune an der Sanierung beteiligt, wird sich im Oktober zeigen, wenn das Thema auf der Tagesordnung des Gemeinderats steht.

Aber schon jetzt wird eine Bauhütte geplant. Ein junger Zimmermann wird sie errichten. Dachziegel wurden bereits gespendet und das Gebälk eines Abbruchhauses, alte Terrassenplatten für den Boden. Eine Firma stiftete Fenster, die nicht passgenau für den vorgesehenen Bau waren. Noch fehlen Verschalungsbretter für die Wände.

Die Bauhütte soll Aktionsraum, Treffpunkt und Lager sein. Neben der Scheune am Kirchplatz wird sie aufgestellt und am 30. September eröffnet. Dann soll auch der Verkauf starten – beispielsweise von Kirchensenf, Kirchenwein, Kirchenkalendern. Marlies Wiech hat selbst Senf hergestellt, grob und mittelscharf. Von einem Weingut wird die Kirchengemeinde 500 Flaschen Trollinger/Lemberger erwerben, um sie als Kirchenwein zu verkaufen – samt Etikett mit dem Logo der Kirchengemeinde. Und vielleicht einen Kirchentee mit biblischen Zutaten – wie Granatapfel, Feige und Süßholz. Es sollen überwiegend kulinarische Produkte sein, „damit der Bedarf nach vier Wochen wieder da ist“, erklärt Schaber-Laudien. Und Marlies Wiech hofft, dass vieles gespendet wird.

Schaber-Laudien: „Wir kriegen das hin“

Einen Kalender mit 365 Fächern haben sie angedacht, in die täglich etwas eingeworfen werden kann. Und einen Benefizabend. Ein Konzert der Ofterdinger Vereine wäre schön, finden sie. Oder ein Sponsorenlauf. Beim Reformationsfest könnten sie eine Hör-CD aufnehmen: „Ein Evangelium von vorne bis hinten während einer Lesung“, sagt der Pfarrer. Sie haben viele Ideen. „Wichtig ist, dass sich alle angesprochen fühlen, dass es ein gemeinsames Werk ist“, sagt Marlies Wiech.

Vermutlich 2014 wird der Turm saniert. „Warum schon wieder?“, fragen sich manche Ofterdinger. Erst vor rund 15 Jahren wurden Risse in den Außenmauern des Mauritiuskirchturms neu verfugt. Aber innen wurde nichts renoviert. „Wenn wir es jetzt nichts machen, sparen wir nichts“, sagt Schaber-Laudien. Aber er ist sicher: „Wir kriegen das hin.“

Der Mauritiuskirchturm in der Abendsonne: Ein Großes Mausohr hat sich dort ein Liebesnest eingerichtet. Während der Sanierung des Turms muss die Fledermaus aber ausziehen. Archivbild: Wiedmann

Wer für die Sanierung des Ofterdinger Mauritiuskirchturms spenden möchte, kann dies auf die Konten der evangelischen Kirchengemeinde: bei der Kreissparkasse Tübingen (BLZ 641 500 20) auf das Konto-Nummer 301 45 98 oder bei der VR-Bank Steinlach-Wiesaz-Härten (BLZ 640 618 54), Konto-Nummer 40 45 90 04. Wer Ideen hat für weitere Aktionen und sich einbringen möchte, kann sich bei Marlies Wiech unter der Telefon-Nummer 0 74 73 / 12 07 oder bei Bernhard Schaber-Laudien (0 74 73 / 63 34) melden.

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Erstellt:
9. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. August 2012, 12:00 Uhr

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