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Tonne-Premiere: Abschied auf Raten

Daniel Calls Alzheimerstück „Wege mit dir“

Reutlingen. Alzheimer auf der Bühne – kann man das machen? Man kann, glaubte der Autor und Regisseur Daniel Call und schrieb das Stück „Wege mit dir“, das er jetzt an der Tonne inszeniert hat. Die Premiere am Samstagabend wurde von den Zuschauern lautstark gefeiert.

26.11.2012

Es beginnt wie eine Gesellschaftskomödie. Zwei geschiedene Mittvierziger lernen sich auf einer Lesung kennen. Der eloquente Werbegrafiker Kaspar (Eric van der Zwaag) lästert über den Schriftsteller ab, Anna (Anne Else Paetzold) ist gleichermaßen angezogen und abgestoßen. Sie kommen sich näher, mit geschliffenen Dialogen kabbeln und lieben sie sich. Diese Komödienhandlung hat indes Längen.

Noch mehr Verwicklungen: Beide haben Kinder aus gescheiterten Beziehungen. Rose Vischer gibt als Annas Tochter Raika, die Jura studiert, pfiffig Kontra; Mutter und Tochter werfen einander Weisheiten wie Giftpfeile zu. Stephan Wiedwald vom Behinderten-Ensemble der Tonne spielt mit viel Humor Kaspars stummen Sohn Gustav. Die Kinder verlieben sich ebenfalls, bekommen einen Sohn, trennen sich und finden wieder zusammen: Ein eigenes Drama, das weitgehend in Erzählungen der Protagonisten dargestellt wird.

Nach Jahren gibt Anna Kaspars Drängen nach und willigt in die Hochzeit ein. Doch die ist längst von der immer konkreter werdenden Alzheimer-Erkrankung Kaspars überschattet. In einem eindringlichen Monolog versucht er zunächst, sich an Zitate über die Liebe zu erinnern, mit denen er einst glänzte. Notizen auf kleinen gelben Zetteln sollen ihm dabei helfen, den Alltag zu organisieren. Später zählt er hilflos geometrische Figuren auf, die nicht mehr zueinander passen wollen: „Die Form ist keine Form.“

Die endgültige Diagnose stellt Hausfreund Laszlo (Rüdiger Götze darf nach Herzenslust poltern), ein Gehirnspezialist, der seit vielen Jahren hinter Anna her ist: Alzheimer. „Kaspar nimmt Abschied. Abschied auf Raten“, sagt der Arzt. Zehn Jahre hat er vielleicht noch, bestenfalls 15.

Heiratet sie Kaspar nun aus Liebe oder aus Mitleid? Die Hochzeit wird zur Posse mit verhinderten blumigen Ansprachen und einem finalen Aussetzer Kaspars, der die eigene Frau nicht mehr erkennt. Laszlo muss ihm zuvor versprechen: Wenn die Krankheit überhandnimmt, soll der Arzt darauf drängen, dass Anna ihn ins Heim gibt.

Krankheitsbild ohne Tabus

Van der Zwaags Bühnenbild schafft mit einer hohen Wand, die aus Bettwäsche zusammengenäht ist, Assoziationsräume. Im so kurzen wie starken zweiten Teil ist Kaspars Demenz voll ausgebrochen. Kunstnebel wabert, Anna führt den weggetretenen Mann im Morgenmantel durch die Szene. Sie füttert ihn, sie umsorgt ihn und lebt selbst wie eine Tote, kritisiert die Tochter. Ohne Tabus zählt Anna unschöne Begleitumstände der Erkrankung auf: Wie er in die Ecke uriniert, wie er abhaut und sich auf einem Kinderspielplatz auszieht, wie er Windeln braucht.

Autor Call weiß, wovon er schreibt, sein Vater war schwer demenzkrank. Call wollte das Thema „mit Heiterkeit und Lebensbejahung angehen“ – was jedoch einfach nicht passt. Auf das (ziemlich holzschnittartige) Drängen von Laszlo gibt Anna Kaspar schließlich in Pflege. Er kommt auf Vermittlung des Mediziners als Studienobjekt in ein Fünf-Sterne-Hospiz. „Ein Sterbe-Stipendium“ lästert Anna. Sie schmiedet tapfer Pläne. Aus dem Off ertönt ein Gedicht Kaspars. Es handelt von einer erfrorenen Schwalbe. Er hat es einst für Anna geschrieben. Die erinnert sich in der leicht kitschigen Rahmenhandlung zu süßlicher Musik an die gemeinsamen Jahre. Sie zählt auf, was sie an Kaspar liebt und was sie an ihm hasst – für sie ist er auch nach seiner Beerdigung bei ihr. Sie spricht mit sich selbst, wobei sie ihm auch nach seinem Tod eine Stimme verleiht. Binden will sie sich nicht mehr: „Ich betrachte mich mit deinen Augen. Mir gefällt, was ich sehe.“ Ein letzter Blick ins Publikum, dann geht sie durch die Tür – starker Abgang nach einem durchwachsenen Stück. Matthias Reichert

Info: Weitere Aufführungen am 28., 29. und 30. November um 20 Uhr in der Planie 22 sowie an zehn Terminen im Dezember und dreimal im Januar.

Daniel Calls Alzheimerstück „Wege mit dir“
Familienkomödie mit Alzheimer-Bedrückung – von links Stephan Wiedwald und Rose Vischer als die Kinder, Eric van der Zwaag als der apathische Kranke und Anne Else Paetzold als dessen Lebensgefährtin.Bild: Tonne

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26.11.2012, 12:00 Uhr

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