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Daniel Cohn-Bendits Lieblingswitze

Redaktionsgäste erzählen ihren Lieblingswitz - heute: Daniel Cohn-Bendit.

© ST 01:24 min

Der Tag beginnt mit drei Minuten

Daniel Cohn-Bendit, Stargast der Filmtage, schaute als Redaktionsgast im TAGBLATT vorbei

Tiefenentspannt, das ist der erste Eindruck, den man von Daniel Cohn-Bendit gewinnt. Einer, der sich, auch wenn die Weltlage ihm gerade so ganz und gar nicht passt, nicht verbeißt und nicht verbiestert. Die Französischen Filmtage holten diesen – ja, auch irgendwie deutsch-französischen Bühnenstar gestern nach Tübingen und befragten ihn zum Zustand der „Grande Nation“. Mit einem deutschen und einem französischen Handy in der Tasche für alle Eventualitäten gewappnet nahm er sich Zeit für einen Abstecher in die TAGBLATT-Redaktion.

04.11.2016
  • Ulla Steuernagel

Beim Vergleich Deutschland Frankreich, wer gewinnt? So einfach sei das nicht zu beantworten, sagt der 71-Jährige, der in beiden Ländern zuhause ist. In beiden Ländern gebe es „ungerechte soziale Strukturen“ und doch einen Unterschied: In Deutschland funktioniere es, in Frankreich nicht. Als Beleg dient ihm die Arbeitslosenquote: hie 5,8 Prozent, dort fast das Doppelte.

Perspektivlosigkeit, näherrückende Armutsgrenzen, Zukunftsangst, diese Melange führe zu Regression und damit in den Nationalismus. Davon, so Cohn-Bendit, sind derzeit viele Staaten erfasst. Er schließt sich den Albtraum-Szenarien seines Freundes Joschka Fischer nahtlos an. Die wären: 1. Brexit, 2. der Wahlsieg von Trump und 3. Marine Le Pen zieht in den Elysée-Palast. „Ich will höflich sein und es mit dem Sch-Wort ,Schlamassel‘ bezeichnen“, kommentiert er die drei Punkte. Doch er glaubt weder, dass es zu Punkt zwei noch zu Punkt drei kommen wird. Dass bei den Regionalwahlen der Front National zur stärksten Kraft in Frankreich wurde, werde bei den Präsidentschaftswahlen einen Gegeneffekt erzeugen, zeigt sich Cohn-Bendit zuversichtlich.

Dagegen ist die Frage, was bedeutet eine schwarz-grüne Koalition für ihn eher Geplänkel. „C‘est la vie!“ sagt er zu dem in Baden-Württemberg geschlossenen Bund. Und: „Man merkt es nicht, wenn man mit dem Zug über die Grenze fährt.“ Die Grenze war in diesem Fall, die zwischen Hessen und Baden-Württemberg, denn Cohn-Bendit wohnt mit seiner Frau, mit der er schon seit 30 Jahre zusammenlebt, in Frankfurt in einer Hausgemeinschaft mit anderen. Den Vorwurf an die Grünen, sie würden immer bürgerlicher, hält der Langzeit-Grüne schlichtweg für „bescheuert“. „Kretschmann ist heute nicht bürgerlicher als vor zehn, zwanzig Jahren.“ Dass dieser seine „bürgerliche Ehe“ in der „Zeit“ mit einem „Und das ist auch gut so“ versah, hält Cohn-Bendit zwar für einen Fehler, aber überraschte ihn nicht. Ja, und was wolle man erst über die Linke sagen? „Kleinbürgerlich wie Sahra Wagenknecht?“

Daniel Cohn-Bendit, Stargast der Filmtage, schaute als Redaktionsgast im TAGBLATT vorbei
Hände hoch, aber nur zum Gestikulieren, nicht zum Aufgeben. Und voilà, Daniel Cohn-Bendits Lieblingsfilm: „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard. Zirka zwanzig Mal habe er ihn gesehen. Bild: Metz
„Dany Le Rouge“, wie er als jugendlicher Rebell genannt wurde, kann sich aus dem Stand heraus echauffieren. Sein Temperament läuft im Standby-Betrieb und ist jederzeit bereit anzuspringen. Günther Oettinger ist für ihn der falsche Mann auf dem EU-Kommissars-Posten. Sein neuestes Fettnäpfchen zur „Pflicht-Homo-Ehe“ hält Cohn-Bendit für einen Ausdruck von „introvertierten Ängsten“. „Oettinger soll endlich Ruhe geben und sich auf seine Enkelkinder vorbereiten“, schlägt er vor.

Dagegen reiht er sich in die Zahl derjenigen ein, die Kanzlerin Merkel durchaus zu schätzen gelernt haben. Zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage, da habe sie „vor einem Jahr jedenfalls das Richtige gemacht“. Bei der Energiewende nach Fukushima habe sie den Abbau der Kohleindustrie nicht schnell genug betrieben. Doch selbst dem Merkelschen Zickzackkurs in der Atomenergie „dem Ausstieg aus dem Ausstieg vom Ausstieg“, kann er noch ein Fünkchen abgewinnen. Merkel habe keine Probleme damit, auch mal eine Entscheidung zu revidieren. Das sei bei Politikern unüblich.

Ohne diese Haltung, da ist sich Cohn-Bendit sicher, sei der Mindestlohn in der Großen Koalition nicht durchgekommen, und in einer schwarz-grünen Regierungskombi unter Merkel könnte es wohl auch endlich zu einer kompletten Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren kommen.

Anders als andere Altlinke neigt Cohn-Bendit nicht zur Idealisierung seiner Jugendjahre. Sein Leben besteht aus immer neuen Projekten. Letztes Jahr drehte er einen Film in Rio, nächstes Jahr wird er mit einem Kamerateam in Frankreich, das Ende vom Land suchen. Jeden Morgen um 6 Uhr bereitet er sich auf ein Drei-Minuten-Statement im französischen Radio um „zehn vor acht“ vor. Fast erstaunt es, dass in seinem Leben auch noch Zeit für Familie bleibt. Stolz erzählt er von seinem 26-jährigen Sohn, der Volkswirtschaft studiert und nun den Master in Wirtschaftssoziologie macht. Seine Beziehung zu ihm sei die einer „jüdischen Mutter“, also sehr eng. Dass Männer noch im Großvateralter Väter werden können, empfindet er als dringend reformbedürftig: „Bei Männern müsste die Natur hier was abzwacken!“ Sie sollte sich lieber an der begrenzten Fruchtbarkeit der Frauen orientieren.

Fußballkommentator und Weltlage-Kritiker

1945 in der Normandie als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde Daniel Cohn-Bendit fast noch im „Ersti“-Alter zu einem der SDS-Stars. Im Mai 68, nachdem er in Berlin dazu aufgerufen hatte, die Trikolore durch eine Rote Fahne zu ersetzen, verweigerte Frankreich ihm die Wiedereinreise. Cohn-Bendit zog nach Frankfurt, lernte hier auch einen Taxifahrer und späteren Außenminister kennen, wurde zu einer der tragenden Säulen der antiautoritären Bewegung und Redakteur beim alternativen Zentralorgan „Pflasterstrand“. Seit 1984 ist er reguläres Mitglied der Grünen Partei und gehörte, wie Joschka Fischer, ihrem „Realo“-Flügel an. Der ehrenamtliche Dezernent für „multikulturelle Angelegenheiten“ zog 1994 ins Europaparlament ein, zunächst für die deutschen, dann für die französischen Grünen. 2014 trat der Co-Vorsitzender der Europäischen Grünen nicht mehr zur Wahl an. Still wurde und wird es aber nie um den Publizisten, der alles kann: Den Fußballkommentator gibt er so gut wie den Weltlage-Kritiker.

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04.11.2016, 01:00 Uhr

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