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Wie der 3-D-Drucker die Welt verändert

Daniel Domscheit-Berg über intelligent vernetzte Beete

Entsteht im Internet gerade eine neue Gesellschaftsform, der Commonismus? Daniel Domscheit-Berg, einst einer der engsten Mitarbeiter von Wiki-leaks-Gründer Julian Assange, ist davon überzeugt.

13.10.2012

Herr Domscheit-Berg, haben Sie noch irgendeine Art Kontakt zu Wikileaks-Gründer Julian Assange?

Nein.

War die Trennung sehr schmerzhaft für Sie?

Das war sie, klar. Wir haben drei Jahre lang Tag und Nacht zusammengearbeitet. Das ist ein bisschen so wie das Ende einer Liebesgeschichte.

Wikileaks kennt heute jeder. Aber was haben die Enthüllungen auf Wikileaks eigentlich bewirkt?

Wir haben der Welt gezeigt, wie schön man über das Internet Licht ins Dunkel bringen kann – auch wenn jemand meint, er habe alle Türen und Fenster verrammelt.

Aber werden jetzt nicht alle noch mehr aufpassen, dass nichts nach außen dringt? Vor allem die Organisationen mit viel Geld?

Klar. Die Sicherheitsfirma Symantec bietet den Kunden ihre Leistungen schon mit dem Spruch an: „Sind Sie bereit für Wikileaks?“ Was die nicht sagen: Ganz so einfach ist das nicht.

Sie haben sich von Wikileaks getrennt, weil Sie mit den Methoden und dem Anspruch von Assange nicht mehr einverstanden waren. Jetzt wollen sie beim Projekt Open Leaks mit interessierten Medien zusammenarbeiten, um den Schutz von Informanten zu sichern. Warum ist das nötig?

Nehmen Sie an, in einer Stadtverwaltung weiß jemand etwas über ein bestimmtes Bauprojekt. Das würde er gern der Presse mitteilen, traut sich aber nicht anzurufen oder persönlich vorbeizukommen. Open Leaks schafft für solche Leute einen niedrigschwelligen Zugang zu den Medien.

Der sicherer ist als eine E-Mail?

Eine E-Mail ist wie eine Postkarte, die kann jeder lesen und zurückverfolgen. Über Open Leaks kann man sicher sein, dass die Stadtverwaltung den „Whistleblower“ nicht aufspürt.

Wie sicher?

Vor den großen Geheimdiensten ist man nie sicher. Aber Stadtverwaltungen werden unsere Sicherheitssysteme ganz bestimmt nicht knacken.

Anders als Assange beanspruchen Sie nicht die Hoheit über die „geleakten“ Informationen, sondern überlassen es den Medien, was sie veröffentlichen und was nicht.

Ja. Open Leaks versteht sich als eine Art Provider. Was veröffentlichungswürdig ist und was nicht, entscheiden die Medien anhand journalistischer Standards.

Welche Daten halten Sie persönlich für schützenswert?

Grundsätzlich überlasse ich die Entscheidung den Journalisten. Aber sicher gibt es Daten, zum Beispiel im Gesundheitsbereich, die privat bleiben sollten. Ich bin allerdings überzeugt, dass in Zukunft alle Institutionen, gerade auch die Regierungen, viel weniger geheim halten können. Das ist eine Folge von Wikileaks: Wir wollen, dass so viele Informationen wie möglich öffentlich sind. Dann gibt auch weniger zu „leaken“.

In der Internet-Gemeinde läuft dies auch unter dem Oberbegriff „Sharing“ (Teilen). Ist das für Sie noch eine positive Utopie?

Unbedingt. Die Zeit, als man Dinge für sich allein haben wollte, geht zu Ende. Denken Sie ans Carsharing, an die kollektiven Gemüsebeete, die gerade in vielen Städten entstehen oder an „Whyown.it“, die Website, auf der man Dinge miteinander teilen kann.

Klingt nach einer modernen Form von Kommunismus.

Wir nennen es „Commonismus“.

Aber wird nicht der menschliche Drang zu Besitz und Reichtum das „Sharen“ auf Dauer hintertreiben?

Besitz wird in Zukunft gar nicht mehr so wichtig sein, weil Sie bald alle möglichen Dinge übers Internet einfach reproduzieren können. Es gibt schon 3-D-Drucker, mit denen Sie die unterschiedlichsten Sachen dreidimensional drucken können. Ein paar MIT-Studenten haben sich gerade im Internet Geld beschafft, um einen 3-D-Drucker für 3000 Dollar auf den Markt zu bringen, zu einem Zehntel des aktuellen Preises.

Das heißt: Sie müssen nicht mehr fürs iPhone anstehen, sondern drucken sich eins?

Das wird natürlich noch ein bisschen dauern. Aber im Prinzip schon. Und wenn alles für jeden verfügbar ist, müssen Sie es nicht mehr besitzen.

Sie sind also davon überzeugt, dass sich die Menschen grundsätzlich ändern werden.

Ja. Wir erleben gerade die Anfänge der dritten industriellen Revolution, die intelligente Verbindung von Energie- und Kommunikationstechnologien.

Das ändert alles?

Das ändert alles. Die Welt wird dezentral und flach werden, die alten Hierarchien gehen zu Ende. Alles wird bald mit allem intelligent vernetzt sein, und jeder Haushalt wird dazu gehören. Deshalb ist es auch Unsinn, Energie in großen Leitungen durchs Land zu schicken. Die Kommunikation der Haushalte und der Geräte innerhalb der Haushalte werden dafür sorgen, dass dezentral erzeugte Energie ausreicht.

Sie selbst leben mit ihrer Frau, einer ehemaligen Microsoft-Managerin, die jetzt für die Piraten kandidiert, in einem Haus auf dem Land. Kann ein Computer-Nerd eigentlich einen Garten genießen?

Ja sehr, allerdings habe ich mir erlaubt, den Garten etwas zu digitalisieren. So habe ich – übrigens mit erstaunlich wenig Geld – eine intelligente Bewässerungsanlage installiert, die von unserer Zisterne gespeist wird und dafür sorgt, dass die Tomaten oder der Wirsing die jeweils optimale Wassermenge bekommen.

Ergebnis?

Die Tomaten waren super, bis die Braunfäule kam. Aber der Wirsing ist unglaublich. Riesengroß.

Interview: Ulrich Janssen

Daniel Domscheit-Berg über intelligent vernetzte Beete
Informatiker, Pirat, Bestseller-Autor und Gärtner: Daniel Domscheit-Berg war gestern zu Gast auf dem Tübinger Kongress „Wissen im Netz“.Bild: Janßen

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13.10.2012, 12:00 Uhr

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