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Frost auf letzten Rosen

Daniel Hope und Sebastian Knauer in der Reutlinger Listhalle

Daniel Hope lässt sich kaum in übliche Kategorien stecken. Wenn der 1974 in Südafrika geborene Violinist aus Vivaldi Barock’n’Roll macht oder Romantik gegen den Strich bürstet, gibt er der Musik ihre alte Zauber- und Sprengkraft wieder. Hope interessiert weniger die historisch-technische Frage, wie ein Werk zu seiner Zeit gespielt wurde, sondern vielmehr, was es beim allerersten Hören ausgelöst haben mag. Das geht weit über eine bloße „Interpretation“ hinaus.

14.11.2012

Reutlingen. Beim Kammermusikzyklus am Montag in der sehr gut besuchten Listhalle verkörperte Hope geradezu die Romantik, beseelte ein vergangenes Lebensgefühl, ließ es wieder gegenwärtig werden. So klug reflektiert wie inbrünstig und magisch – als hörte man die Werke zum ersten Mal. In dem exzellenten Pianisten Sebastian Knauer hat Hope einen Künstler gefunden, der aus demselben Geist heraus musiziert.

Das Programm versammelte Weggefährten Joseph Joachims. Als einer der wichtigsten Geiger der Romantik hat er Schumann, Brahms, Dvorák und Bruch zu Violin-Konzerten inspiriert. 1853 komponierten seine Freunde dem unglücklich Verliebten gemeinsam die „F-A-E-Sonate“ gemäß Joachims Motto „frei, aber einsam“. Daraus, von Brahms, das Scherzo: Hope ging mit klagend verformtem Strich hinein, dass man es fast nicht wiedererkannte – ein Porträt des ungestümen jungen Brahms. Für dessen Überschwang und Suche nach Entgrenzung setzte Hope auch verpönte, aber passende Mittel ein wie Portamento und Glissando.

Ganz anders in Clara Schumanns Romanze op. 22/1: ein zerbrechlich zartes Sehnen und Beben, ein gefährdetes Aufblühen und Erschauern wie Frost auf den letzten Rosen. Kostbare Klänge auch auf dem Steinway, verwundert schön, verblassend. Romantik – es war einmal.

Brahms erste Violinsonate op. 78 hatte einen ähnlich nostalgischen Tonfall, fragend, tastend, wie aus der Erinnerung. Hope und Knauer trumpften nicht auf; vieles war leise, klang von innen heraus, mit lauschender Seele musiziert. Der Steinway gedämpft wie eine Harfe, flüchtige Fingerspitzen-Töne. Bei weniger genialischen Interpreten könnte das schnell manieriert wirken. Hope und Knauer glaubte man das selbstvergessene Versinken und sich Verlieren im Klang. Neben den körperlos geflüsterten Tönen gab es extreme Kontraste, klangliche Schärfe und harte Schnitte, als erwache die Musik aus ihrem Traum, in jähem Weltschmerz herausgerissen.

Jedes Stück war mit neuer Aussagekraft aufgeladen: Brahms‘ fünfter „Ungarischer Tanz“ wurde mit springendem Bogen und geradezu bröckelndem Geigenton dekonstruiert, zwei Mendelssohn-Lieder waren ebenso raffiniert verwandelt wie Joseph Joachims Romanze op. 2/1.

Das Duo schloss die Romantik mit Im- und Expressionismus kurz: In Griegs dritte Violinsonate op. 45 grätschte Hope geradezu hinein, machte mit expressionistisch verwischten Figuren die innere Zerrissenheit der entstaubten Musik wieder voll erfahrbar. Impressionistisch hauchdünn dagegen das lyrische Thema. Das war so unorthodox wie eigenwillig und schlicht genial. Für den begeisterten Beifall gab’s zwei exquisite Gershwin-Zugaben: „I got rhythm“ und „Summertime“. Beim nächsten Konzert des Duos würde man sich eine Gershwin-Hommage wünschen. Achim Stricker

Daniel Hope und Sebastian Knauer in der Reutlinger Listhalle
Daniel Hope und der Pianist Sebastian Knauer ließen im Kammermusikzyklus in der Listhalle das Lebensgefühl der Romantik gegenwärtig werden.Bild: Haas

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14.11.2012, 12:00 Uhr

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