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Maurice‘ Welt hat jetzt Töne

Dank zwei Cochlea Implantaten hörte der Junge erst mit zweieinhalb Jahren die ersten Wörter

Maurice Anderie erwartet die Frau von der Zeitung schon ungeduldig. Der Siebenjährige betrachtet sie aufmerksam und hüpft dann voraus ins Wohnzimmer. Während der Vater den Tee holt, erklärt der Sohn, wie er Ski fährt. Schnell nämlich.

02.04.2016
  • Ulla Steuernagel

Richtig schnell“, sagt Maurice und zeichnet mit der Hand eine rasante Abwärtslinie durch die Luft. Ja, und er fährt nicht immer nur, er springt auch: „Da gibt es Schanzen“, sagt er stolz. Da, das ist Onstmettingen, da wohnt er nämlich und wer dort wohnt, hat die Skiwelt direkt vor der Haustür.

Die Welt draußen konnte der siebenjährige Maurice erst mit Verzögerung entdecken. Er war schon zweieinhalb Jahre alt, als er seinen ersten Ton hörte. „Eigentlich“, sagt Vater Reiner Lebeda traurig, „hat er drei Jahre in seiner Entwicklung verloren.“ Denn auch Ungeborene nehmen im Mutterleib ja schon Geräusche wahr.

In den ersten Jahren seines Lebens fehlte Maurice jeglicher Höreindruck. Er sah zwar, dass die Eltern den Mund bewegten, aber die Bedeutung dieser Bewegungen war ihm verschlossen. Bis zum Alter von zweieinhalb Jahren hatte er noch keine einzige Melodie vernommen, kein Topfgeschepper, kein Vogelgezwitscher, auch sein eigenes Weinen war nicht zu ihm vorgedrungen. Maurice Welt bestand aus stummen Bildern.

Er sprach nicht, aber schien etwas zu hören

Wenn man den springlebendigen Jungen heute sieht, kann man kaum glauben, dass er und seine Eltern eine „Leidensgeschichte“ hinter sich haben. So nennt es Lebeda und bezieht sich dabei weniger auf die Therapie als auf die Diagnose der Gehörlosigkeit seines Sohnes. Eigentlich sollte es ja nicht schwer sein, mit Tests das Hörvermögen eines Kindes herauszufinden. Der Kinderarzt, bei dem die besorgten Eltern ihren Sohn untersuchen ließen, hatte ein Defizit bemerkt und Maurice an einen HNO-Arzt überwiesen. Der Facharzt bescheinigte dem Kleinkind „ein normales Hörvermögen“, wie der Vater mit Empörung in der Stimme sagt.

Im September 2008 war Maurice auf die Welt gekommen, Im Frühjahr 2009 waren die ersten Untersuchungen beim HNO-Arzt gewesen. Die so beruhigend klingende Nachricht beruhigte die Eltern jedoch nicht. Sie bemerkten, dass die Entwicklung ihres Kindes nur sehr langsam voranging. Der kleine Maurice tat in dem Alter, in dem andere erste Wörter formen, noch keinen Mucks. Er sprach zwar nicht, bemerkte aber, wenn sich die Eltern ihm von hinten näherten, er schien auch das Telefon zu hören. Jedenfalls reagierte er darauf. Es war ein Missverständnis , das sich den Eltern erst später aufklärte. In Wirklichkeit hatte Maurice die Familienmitglieder in den innen verspiegelten Scheiben der Fenster gesehen. „Und was macht man, wenn das Telefon klingelt?“ fragt der Vater. Genau, Maurice angebliches Hören bestand aus Sehen. Denn immer wenn es klingelte, sprang jemand auf, um den Anruf entgegenzunehmen.

Erst im Oktober 2010, als der Junge schon zwei Jahre alt war, betraten die Eltern mit ihm – auf Anraten des Kinderarztes, der sich zunächst auf das Urteil des HNO-Facharztes verlassen hatte – die Praxis einer Pädaudiologin und HNO-Ärztin in Reutlingen. „Warum kommen Sie erst jetzt?“ fragte sie die Eltern entsetzt. Und sie sprach aus, was für die Eltern trotz aller Ahnungen ein großer Schock war: „Der Junge ist absolut gehörlos.“ Den Eltern klang diese Nachricht noch im Ohr, als sie zu Hause eintrafen. Doch da hatte die Ärztin ihnen schon einen Untersuchungstermin in der Tübinger HNO-Universitätsklinik auf Anrufbeantworter gesprochen.

„Dann ging alles rasant schnell“, erinnert sich der Vater. Im November 2010 wurde operativ sondiert, ob für Maurice ein Cochlea Implantat infrage käme. Im Februar 2011 wurde es ihm dann am linken Ohr eingesetzt, im März rechts.

Die Klasse ist ruhiger als andere

Das Cochlea Implantat hilft nur, wenn der Hörnerv intakt ist. Es ist eine elektronische Hörprothese, die die Funktion des Innenohrs ersetzt. Äußerlich sichtbar sind die beiden Teile des Sprachprozessors: das Mikrophon das hinterm Ohr steckt und der per Magnet am Kopf gehaltene Schallumwandler, der elektrische Impulse an ein Implantat weitergibt, das zwischen Schädel und Kopfhaut steckt. Mit einer Empfangsspule, nimmt es die Impulse auf, dekodiert sie und gibt sie über Elektroden an die Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr weiter.

Mit der Diagnose nahm die Behandlung von Maurice eine glückliche Wendung. „Wir fanden uns von Anfang an im Tübinger Cochlea-Implant-Centrum unter der Leitung von Frau Dr. Tropitzsch und ihrem gesamten Team sehr gut versorgt“, so Lebeda. Mit dem Leitenden Oberarzt in der Tübinger HNO-Uniklinik, Dr. Rainer Zimmermann, habe der Junge, so schwärmt der Vater, einen der „Weltärzte für Kinder“ bekommen. Auch die Rottenburger Logopädin Tanja Schubert habe Wunder gewirkt.

Lebeda erinnert sich gut daran, was geschah, als Maurice‘ Welt plötzlich Töne bekam. „Er war völlig erschrocken.“ Nach und nach musste das Kind dann seine Entwicklungsverzögerungen aufholen. Auch jetzt sei immer noch ein großer Unterschied zwischen Lebens- und Höralter zu bemerken, findet der Vater.

Das Kind benötigte und benötigt immer noch viel Unterstützung und die Eltern geben sie ihm, wo sie nur können. Logopädie, Ergo- und Musiktherapie, die Nachsorge in der Tübinger Uniklinik, mittlerweile nur noch alle acht Wochen, und die regelmäßigen stationären Rehas kosten viel Zeit. Der Vater, Verwaltungswirt bei der Polizei und die Mutter, selbstständige Betriebswirtin, haben ihre Arbeitszeiten auf die Therapien des Sohnes eingestellt. Außerdem erfahren sie große Unterstützung durch Maurice Großeltern und von Freunden und Bekannten. „Wir sind im gesamten Umfeld gut abgesichert.“

Als sehr gut bezeichnet der Vater auch, dass Maurice schon vor seinen Operationen im Kindergarten war und dabei zunächst immer von einem Elternteil begleitet wurde. Nach den Implantationen bekam er eine eigene Integrationskraft zur Seite. Sie wurde seine feste Bezugsperson, seine „zweite Mama“. Nachdem Maurice zunächst eine Förderklasse besucht hat, ist er nun in der ersten Klasse der Grundschule. Auch hier stieß die Familie auf ein gut bereitetes Feld. An der Schule hatte es schon mehrere CI-Kinder gegeben.

Im Unterricht benutzt der Lehrer ein Mikro, das direkt mit Maurice Mikro verbunden ist. Auch die Mitschüler haben Mikros, die aber nicht immer eingeschaltet werden. Die Technik wirke sich wohltuend auf den gesamten Lärmpegel aus: „In der Klasse herrscht mehr Ruhe, weil immer nur der spricht, der ein Mikro hat.“

Gegen den HNO-Arzt, der die Gehörlosigkeit seines kleinen Patienten fahrlässig übersah, gingen die Eltern in einem Zivilprozess vor. Der Arzt musste Schadensersatz zahlen. Dabei deuteten schon äußerliche Merkmale auf die Gehörlosigkeit von Maurice hin. Die Innenohrschwerhörigkeit ist bei ihm eine Begleiterscheinung des sogenannten Waardenburg Syndroms. Sie geht mit Pigmentstörungen der Haare, der Augen, die von charakteristisch strahlendem Blau sind, und der Haut einher.

Dass Maurice eine Leidensgeschichte hinter sich hat, merkt man dem Jungen nicht an. Er artikuliert deutlich und wirkt überhaupt nicht schüchtern oder verängstigt. „Er strotzt vor Selbstbewusstsein“, sagt der Vater stolz.

Den Eltern war wichtig, dass er die Hilfsmittel, die er zum Hören braucht, nicht schamhaft versteckt. Im Gegenteil: Gut sichtbar trägt er sie am Kopf, noch dazu im Totenkopf-Piraten-Design.

Maurice ist ordentlicher als die meisten Kinder seines Alters. Man sieht es seinem Zimmer an. Und sollte er in der Schule einmal merken, dass er irgendwas zu Hause vergessen hat, wirft ihn das geradezu aus der Bahn. Das sei typisch für CI-Kinder, sagt der Vater: „Sie brauchen eine klare Strukturierung im Leben.“ Denn es gebe bei ihnen eine Grundverunsicherung, etwas nicht gehört oder falsch verstanden zu haben.

Nun hat auch Maurice, wie alle anderen Kinder, nicht immer Lust, alles zu hören und den Eltern zu gehorchen. In diesem Fall hat er anderen Kindern etwas Entscheidendes voraus. Er kann einfach die Stöpsel ziehen und abschalten. Die Eltern haben deshalb klare Regel aufgestellt: Im Haus darf er das. „Da kann er an schulfreien Tagen manchmal seine gehörlose Welt genießen“, so Lebeda. Doch wenn der Junge vor die Tür geht, gibt es keine Diskussion: Nie ohne seine Hörprothesen.

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02.04.2016, 01:00 Uhr

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