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Auch eine Quelle der Kraft

Das 900-jährige Dettenhausen feierte erste urkundliche Erwähnung

DETTENHAUSEN (rem). „Ohne Dettenhausen kein Rom, keine Uni und keine Krimis“ — um diese persönliche Erkenntnis reicher, gewonnen aus dem Festvortrag des Landeshistorikers Gerhard Raff, trat Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin am späten Freitagabend den Heimweg an. Zuvor hatten über 500 Zuschauer/innen mit einem Feuerwerk das Dorfjubiläum zum 900-jährigen Bestehen eingeläutet.

26.06.2000
  • Ralf Emrich

In Wirklichkeit, die Einwohner vernahmen's mit Staunen, dürfte die Schönbuchgemeinde bereits im späten Frühmittelalter gegründet worden sein. Der Stuttgarter Privatgelehrte Gerhard Raff, ein Decker-Hauff-Schüler, hatte die Neuigkeit in seinen Festvortrag eingepackt und gleich noch ein Bonmot á la „Issos-Keilerei“ parat: “7 5 3 — Dettenhausen kroch aus dem Ei!“

Humorvoll nahm er die Zuhörer beim Gang durch die Zeitläufte bei der Hand und orientierte sich dabei am neuen Heimatbuch. Das 900 Seiten starke Werk, das am 15. September vorgestellt wird, ist das Ergebnis der zweieinhalbjährigen Arbeit von Barbara Kaltenmark und steckt nicht nur für Raff voll „von sagenhaft vielen schönen Geschichten — Neben der Bibel und dem Gesangbuch wird es zur Pflichtlektüre“.

Gut unterhalten fühlte sich darob eine große Schar prominenter Gäste. Neben Däubler-Gmelin (SPD) waren der baden-württembergische Sozialminister Friedhelm Repnik und die Grünen-Landtagsabgeordnete Sabine Schlager gekommen, der in Dettenhausen wohnende Regierungspräsi-dent von Stuttgart Udo Andriof, der erste Landesbeamte Hans-Erich Messner, die beiden Altbürgermeister Helmuth Bächle und Kurt Dörr, auch der neue Waldenbucher Bürgermeister Michael Lutz, von dem sich der Dettenhäuser Verwaltungschef Hans-Joachim Raich bei der Vorstellung eine Besserung des nachbarschaftlichen Klimas erhofft.

Besonders begrüßte er neben anderen auch die Amtskollegen der beiden Partnerstädte Treuen (Sachsen) und Tab (Ungarn), Knut Kropfgans und Istvan Farkas, sowie Stefan Nau, Begründer der gleichnamigen Sozialstiftung. Die künstlerische Begleitung übernahmen die Musikkapelle und die Schönbuchbläser.

Anhand der um 1100 im Kloster Hirsau entstandenen Schenkungsurkunde zeichnete Raff die Ur-Dettenhäuser als Viehzüchter, die sich in der Niederung des Schaichtals niederge-lassen hatten, wo Wasser und Wiesen waren. Zu einiger Bedeutung gelangte die Rodungssiedlung später als Ort „an der Weltstraße von Degerloch nach Rom“. Grund dafür, dass zahlreiche Geistes- und Kunst-Größen den Flecken passierten — und auch registrierten. Goethe beispielsweise, als er am 7. September 1997 auf seiner dritten Italienreise hier die Weinberge schmerzlich vermisste.

Die Dettenhäuser vermissten andere Dinge. 95 von ihnen wanderten nach Kaukasien aus; neun Junge wurden zum Russlandfeldzug mit Napoleon gezwungen und kehrten nicht zurück. Dass die Frau von Josef Stalin schwäbische Vorfahren hatte, nutzte der Festredner ebenso zu einer Verknüpfung mit Dettenhausen wie jenen Eintrag von 1731 im Geburtsre-gister, wonach eine Maria Agnes Wanner eventuell die Urururgroßmutter des nach der Hochzeit in Pfullingen gezeugten Bert Brecht gewesen sein könnte. Bekanntester „Dettenhäuser“ ist und bleibt Krimiautor und Stückeschreiber Felix Huby.

Nicht nur Herta Däubler-Gmelin — zuvor mit der Erwähnung eines ihrer Ahnen geschmeichelt, den Goethe damals besucht hatte — zeigte sich sehr angetan. Raffiniert vom Bürgermeister, diese Einladung Raffs, wisse sie doch jetzt erst so recht um die Bedeutung der Gemeinde (siehe Eingangssatz). Was sie indes schon vorher wusste: „Das ist eine Gemeinde, in der man gerne lebt, weil die Leute so nett sind.“ Ähnlich drückte es ihr CDU-Kollege Friedhelm Repnik aus, und selbst Hans-Erich Messner sprach in Vertretung des Landrats von einer „schimmernden Perle im Norden des Landkreises, einem fast perfekten Gemeinwesen“, auf das man „fast schon ein bisschen neidisch“ werden könnte.

Dass Altbürgermeister Helmuth Bächle, 84, an diesem Abend den meisten Applaus erhielt, hatte auch mit der Ernsthaftigkeit zu tun, mit der er „Verstand, Gefühl und Herzblut“ aus seiner 30-jährigen Amtszeit einfließen ließ. Der Festakt war für ihn Anlass, an seine Mitbürger/innen zu appellieren: „Schätzt und liebt eure Gemeinde, sie kann in Zeiten der Not eine Quelle der Kraft sein. Bewahren wir Bürgersinn und bleiben wir wachsam, damit auch folgende Generationen ihre Geschichte selbst bestimmen können!“

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26.06.2000, 12:00 Uhr

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