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Kaum Bücher, kaum Papier: Rudolf Hähnle und seine Mitstreiter haben 1949 ihre Matura geschafft

Das Abi in der Nachkriegszeit

Vom 19. März an beginnt der Abi-Stress. Der wird kaum anders sein als vor über 60 Jahren. Die Umstände aber waren damals widriger: Es gab kaum Bücher, kaum Papier. 1949 legte Rudolf Hähnle seine Reifeprüfung am Tübinger Keplergymnasium ab.

10.03.2012
  • Manfred Hantke

Das Abi in der Nachkriegszeit
Die Klasse 9b des Keplergymnasiums im September 1948. Obere Reihe, von links nach rechts: Helmut Scheihing, Alfred Roll, Helmut Schaal, Oskar Armbruster. Zweite Reihe: Albin Riedinger, Heinz Wolpert, Karl Elser, Rudolf Hähnle, Herbert Gaiser, Erich Bock. Dritte Reihe: Ernst Bachofer, Rolf Dehner, Bruno Frosch, Siegfried Häberle, Rudolf Zoller. Vordere Reihe: Rudolf Knöll, Kurt Gladen, Brunhilde Heberle, Kurt Gönner, Norbert Sedlmeier.

Tübingen. Der heute 82-Jährige Rudolf Hähnle kam im Herbst 1944 nach Nellingsheim. In Stuttgart ausgebombt, zogen die Hähnles ins elterliche Haus der Mutter. Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Rückkehr nach Stuttgart (amerikanische Zone) nicht möglich. Um am Dillmann-Gymnasium das Abi zu machen, fehlte die Unterkunft. Die hätte der damals 16-Jährige zwar in Reutlingen (französische Zone) gehabt, aber da fehlten ihm die Zeugnisse aus Stuttgart.

So blieb zunächst das Rottenburger Progymnasium. Mit einer abgeschabten blauen Luftwaffenhose und einem eingetauschten und umgefärbten amerikanischen Militärmantel, auf dessen Rücken noch „PW“ („Prisoners of war“) durchschimmerte, stellte sich der Junge am 15. November 1945 in der Sprollstraße vor. Außer ihm war noch ein weiterer Schüler evangelisch, alle anderen waren katholisch. Doch aufgenommen werden musste jeder. Nach einem Jahr wechselte Hähnle zum Keplergymnasium.

Noch heute denkt er mit Grauen an die Strecke: Von Nellingsheim ging’s um 6 Uhr die mehr als acht Kilometer mit dem Rad (nur ein Gang) zum Rottenburger Bahnhof, von dort mit dem Dampfzug nach Tübingen. Der hatte oft Verspätung, und die Wagen waren auch 1946 noch häufig beschädigt, die Scheiben kaputt. Im Winter zog es erbärmlich. Nach einem Jahr boten ihm die Eltern eines Schulfreundes in Rottenburg in der Woche Quartier an.

Das Abi in der Nachkriegszeit
Der Mathematiklehrer Wilhelm Schweizer, 1948.

Am Keplergymnasium wurden zwei gemischte siebte Klassen eingerichtet. Die evangelischen Schüler/innen aus der Kernstadt gingen in die 7a, Hähnle in die 7b. Darin wurden die Auswärtigen aus Rottenburg, Mössingen und Herrenberg sowie die katholischen Schüler zusammengefasst. Bücher gab es keine, die Lehrbücher aus der NS-Zeit waren passé. Das erste Schulbuch war ein Französischbuch, der „Louis Marchand“. Auch Papier war Mangelware. Hähnle und seine Mitschüler schrieben auf die Rückseiten bereits bedruckten Papiers. Erst 1947 seien die ersten „schlecht geleimten Hefte“ in die Läden gekommen.

Ein Jahr später hätte der 19-Jährige sein Abi machen können. Doch die Schulzeit wurde von acht auf neun Jahre verlängert. Einen Lehrplan gab es nicht. Hähnle: „Das war im wesentlichen eine Wiederholung der achten Klasse.“ Wenigstens neue Bücher erhielt er. Zum ersten Mal wurden die Schüler mit moderner Literatur konfrontiert. Bis dahin orientierte sich der Deutschunterricht an den Klassikern Schiller und Goethe. Weit zurück blieb der Geschichtslehrer: Er kam nur bis zur 1848er Revolution.

Das Abi in der Nachkriegszeit
Lehrer Wilhelm Hornung im September 1946. An der Tafel ein von Hand gezeichneter Kreis von Mathematiklehrer Wilhelm Schweizer: „Stehen lassen“.

Lichtblicke gab es in dieser von wirtschaftlicher, materieller und auch psychischer Not geprägten Zeit wenig. Ein paar „Volksempfänger“ konnten vor der Beschlagnahme versteckt werden. So hörte Hähnle mit seinen Freunden den von Stuttgart aus sendenden amerikanischen Radiosender AFN. Die Stars Benny Goodmann und Glenn Miller waren zu hören. „Da hat unser Leben einen Neuanfang genommen“, sagt Hähnle.

Auch einige Lehrer wurden in dieser „schweren Zeit“ Vorbilder für ihn. Am meisten imponiert habe ihm jedoch der Mathematiklehrer Wilhelm Schweizer. Jener Schweizer, der zusammen mit Theophil Lambacher Lehrbücher verfasst und Generationen von Schülern Algebra, Geometrie, Analysis oder Stochastik beigebracht hat.

Schweizer habe stets mit seinem weißen Kittel unterrichtet und seine Schüler für das Fach begeistert, sagt Hähnle. Er konnte komplizierte mathematische Zusammenhänge lebendig erklären und habe Kreise ohne Zirkel oder Schnur „aus der Hüfte“ an die Tafel malen können.

Im Sommer 1949 war es dann soweit. Zwar gab es zum Teil noch Lebensmittelkarten und Benzingutscheine, doch das Leben hatte sich weitgehend „normalisiert“. Seit Weihnachten hatte sich Hähnle mit seinem Rottenburger Freund auf die Prüfungen vorbereitet: Fünf schriftliche standen an. Zuerst kam Deutsch an die Reihe.

Das Abi in der Nachkriegszeit
Rudolf Hähnle

Das Thema aus der deutschen Klassik mochte Hähnle nicht. Er entschied sich für die Frage, ob die Buchdruckerkunst die Menschheit entscheidend voran gebracht habe. In seinem Aufsatz diskutierte er auch den Missbrauch des gedruckten Worts durch die Nazis, Propaganda, Zensur und Gleichschaltung der Presse. 13 Punkte waren das Ergebnis, die entsprachen einem „Gut“ bis „Befriedigend“.

Mathe, Biologie und Englisch waren kein großes Problem für ihn, nur in Französisch hakte es ein wenig. Dennoch: Die fünf Tage gehörten „wohl zu den schwersten meines bisherigen Lebens“, notierte Hähnle damals in seinem Tagebuch. Allgemein wurden die Prüfungen als „nicht leicht“ empfunden, in Mathematik gab es sogar landesweit Einsprüche, die jedoch nach wenigen Wochen „im Sande verliefen“.

Auch in den mündlichen Prüfungen ging alles gut, sogar in Französisch, obwohl der junge französische „assistant“ Hähnle einen „schweren Text von Montesquieu“ vorlegte. Hähnle radebrechte gehörig, verwies jedoch darauf, dass er ganz gut Englisch spreche. Als alles vorüber war, „waren alle von einer großen Last befreit“, so Hähnle.

Mit ihm hatten 110 Schüler an den damaligen drei Gymnasien (Uhland-, Wildermuth- und Keplergymnasium) ihr Abi bestanden (in diesem Jahr werden es an den sechs Tübinger Gymnasien wegen des doppelten Jahrgangs etwa 650 sein). Die Zeugnisausgabe und das Abi-Fest verliefen nach ähnlichem Ritual wie heute.

Hähnle konnte wegen der Kriegsheimkehrer nicht gleich studieren. Er jobbte bei der Tübinger Post, überbrachte Telegramme, leerte Briefkästen. Im Juli 1950 begann er eine Lehre als Industriemechaniker in der Rottenburger Firma Fouquet und Frauz. Danach studierte er in Stuttgart Ingenieurwissenschaften und Pädagogik am Berufspädagogischen Institut. Ab 1956 war er Berufsschullehrer in Nagold, von 1969 bis zu seiner Pensionierung 1992 Leiter des Berufsschulzentrums.

Noch heute treffen sich die Schüler von damals alljährlich in Herrenberg. Sechs von ihnen leben noch.

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10.03.2012, 12:00 Uhr

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