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Berlinale

Das Beste kommt zum Schluss

Wer gewinnt beim Filmfestival die Bären? Lange Zeit gab es nur wenige Favoriten. Und dann lief als letzter Wettbewerbs-Beitrag „So Long, My Son“ aus China: Ganz großes Kino.

16.02.2019

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Was für eine Familiengeschichte: Yong Mei (l.) und Wang Jingchun in „So Long, My Son“. Foto: Li Tienan/Dongchun Films/Berlinale/dpa

Berlin. Was vermag Kunst zu leisten? Was können Filme erzählen? Wie bewegen, beleben, bereichern, bestürzen sie uns? Wer eine Antwort mag, muss lediglich eines tun: sich „Varda par Agnès“ anschauen.

Die Reflexionen der 90-jährigen Filmemacherin, Fotografin, Künstlerin liefen im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wunderwunderschön ist diese autobiografische Annäherung, in der Form und Inhalt sich auf Schönste entsprechen. Agnès Varda über ihre Werke, ihr Leben, ihre Liebe: Das ist so souverän fließend erzählt, so inhaltlich reichhaltig und spielerisch selbstreflexiv, so heiter und weise, dass man mit einem Lächeln im Kino sitzt. Um „Inspiration, Kreation und Teilen“ geht es Agnès Varda, und sie löst alles ein.

Wenn man das nur auch über andere Filmemacherinnen und Filmemacher im Berlinale-Wettbewerb hätte sagen können. Da liefen Tag für Tag mal bessere, mal mäßigere Filme – aber beglückt wurde man nicht. Schade, fand man, schließlich ist dies Dieter Kosslicks Abschied als Direktor. Und dann kam auch noch die Nachricht, dass mit „One Second“ der Beitrag des berühmtesten Regisseurs im Wettbewerb – Zhang Yimou – nicht laufen würde. Vielleicht weil er nicht rechtzeitig fertig geworden war, vielleicht weil das Okay der chinesischen Zensurbehörde fehlte.

Dieses Drachen-Siegel im Vorspann aber hatte ein anderer chinesischer Film, und der bot – just als letzter Beitrag des Wettbewerbs – doch noch ganz großes Kino: „So Long, My Son“. Dieses dreistündige Familiendrama erzählt, chronologisch raffiniert verschachtelt, die Geschichte dreier befreundeter Paare und ihrer Kinder. Es ist ein Epos über Leben und Tod, über Schuld und Trauer – und dabei wird nebenbei, aber nicht nebensächlich auch der gnadenlose Wandel Chinas mitgeschildert, von den Auswirkungen der Kulturrevolution bis zum Turbo-Kapitalismus, er zeigt die Folgen der unbarmherzigen Ein-Kind-Politik, das Gefälle zwischen Stadt und Land. „Menschen planen, und Gott lacht sie aus“, heißt es einmal. Doch Versöhnung ist möglich.

Regisseur Wang Xiaoshai hat schon mehrfach, auch auf der Berlinale, gezeigt, was er kann, aber „So Long, My Son“ ist ein Meisterwerk. Filmhandwerklich stupendes Erzählkino, politisch relevant und doch emotional so profund, dass schon in der Pressevorführung die Tränen nur so flossen. Ob die Jury an dem Film vorbeikommt? Alles ist möglich, aber an „So Long, My Son“ ist so ungefähr alles und jeder bärenwürdig, Inszenierung, Drehbuch, künstlerische Gestaltung, die Darsteller.

Aber natürlich ist die Jury das stets unbekannte Wesen, und Ober-Jurorin Juliette Binoche steht ja als Schauspielerin selbst gleichermaßen für hochglänzendes Erzählkino wie für sperrige Kunstfilme. So ist man gespannt, wer Samstagabend den Goldenen und die Silbernen Bären erhält.

Preiswürdig war allemal die mazedonische Satire „God Exists, Her Name Is Petrunya“. Eine schlaue, etwas füllige, arbeitslose Historikerin Anfang 30 stellt die Ordnung ihrer Stadt auf den Kopf: Sie springt bei einem Männern vorbehaltenen orthodoxen Brauch in den Fluss, schnappt sich das Kruzifix und gibt es nicht mehr her. Es kommt zu einem absurden Ringen der patriarchalen Mächte, an dem Polizei, Kirche, Medien beteiligt sind – wie die eigensinnige Petrunya die Gesellschaftsordnung aufdeckt, ist klug, und zumindest Hauptdarstellerin Zorica Nusheva eine Bärin-Kandidatin.

Ihr männliches Gegenstück ist Tom Mercier. In dem französisch-israelischen Film „Synonyme“ spielt er mit vollem körperlichen Einsatz, aber auch Verwundbarkeit den Israeli Yoav, der nach Paris kommt und seine Nationalität hinter sich lassen will. Ihm werden die letzten Sachen gestohlen, buchstäblich nackt wird er von einem reichen, gelangweilten jungen französischen Pärchen aufgenommen – dann nimmt Yoah seine Integration in Angriff. Nadav Lapid ist ein fesselnder, eigentümlicher, oft grotesk-humoriger, aber auch bitterböser Streifen über Identität gelungen: über Traumata, Entwurzelung und über die Schwierigkeit (oder Unmöglichkeit), neue Wurzeln zu bilden.

An der Stelle endet schon die Auflistung möglicher Favoriten. Also muss man sich mit eigenen Kategorien behelfen. Etwa mit dem Bären fürs beliebteste Körperteil. Man dürfte auch Kalauern: fürs po-pulärste Körperteil. Denn wie vielfältig Hinterteile, von erlesen geschwunden und ästhetisch wundervoll ausgeleuchtet bis nachhaltig unappetitlich, in Szene gesetzt wurden, dürfte Berlinale-Rekord sein.

Und der Bär für den besten tierischen Darsteller? Das ist eine umkämpfte Kategorie, da Regisseure Tiere lieben. Da wäre ein Skorpion im sehenswerten türkischen Beitrag „Eine Geschichte von drei Schwestern“: ein Todessymbol. Einen Hasen, einen Wolf und einen Esel zeigt Angela Schanelec zu Beginn von „Ich war da, aber . . .“. Der Wolf frisst den Hasen und legt sich zu Füßen des Esels, der aus dem Fenster eines Stalls schaut. Wie der Esel das macht, ist besser als alles, was in den nächsten 105 Minuten folgt. Wenn man dann noch einmal den Esel sieht, weiß man: Der Film ist aus, und das ist gut. Schanalecs hermetisch-enigmatischer Film könnte aber vor lauter Kunstwillen doch einen echten Bären abbekommen.

Der Bär für die besten Geister geht nach Kanada. Denis Côté zeigt in „Ghost Town Anthology“ ein perspektivloses Kaff, in dem nur noch wenige Menschen leben, in das dafür die Verstorbenen zurückkehren. Nicht als böse Zombies, sondern als traurig-unaufgeregt herumstehende Gestalten. Ein irritierender, erinnerungswürdiger Film.

Der Bär für den schlechtesten Film mit den besten Absichten geht an „Elisa & Marcela“. Isabel Coixet führt die Zuschauer ins Spanien des späten 19. Jahrhunderts, wo sich zwei junge Frauen ineinander verlieben. Da das nicht sein darf, nimmt eine die Identität eines Mannes an. Die beiden heiraten, der Schwindel fliegt aber auf, und dann geht es um alles. „Lisa & Marcela“ beruht auf einer wahren Begebenheit, und natürlich steht Homosexualität auch heute noch mancherorts unter Strafe, worauf Coixet im Nachspann hinweist. Doch wie eine interessante Geschichte, ein wichtiges Anliegen hier zu Kino werden, lässt einem Hören und Sehen vergehen: Die ästhetisierten Schwarz-Weiß-Bilder sind kitschiges Kunstgewerbe, und dazu erklingt auch noch banale Melodram-Musiksoße.

Der Bär der Berlinale fürs größte Geschrei geht ans Gewese, das um Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ gemacht wurde. Weshalb die Verfilmung von Heinz Strunks Bestseller manche so auf die Palme brachte? Super ist der Film nicht, aber so übel auch nicht – schon gar nicht das Ende der Welt.

Das Ende von „Varda par Agnès“ geht übrigens so: Am Strand wäscht die Flut ein riesiges poetisches Foto von einer Wand, und danach verschwindet Agnès Varda selbst in Gischt und Nebel. Doch von einem Film wie diesem bleibt so viel.

Nimmt seinen Hut als Berlinale-Direktor: Dieter Kosslick. Foto: afp

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Erstellt:
16. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2019, 06:00 Uhr

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