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Das Bild der AfD-Ikone bröckelt
AfD-Chefin Frauke Petry macht in jüngster Vergangenheit in ihrer eigenen Partei einen ziemlich verlassenen Eindruck. Foto: afp
Nach den erfolgreichen Landtagswahlen gerät Frauke Petry immer stärker ins Abseits

Das Bild der AfD-Ikone bröckelt

Nach den stattlichen Erfolgen bei den vergangenen Landtagswahlen befindet sich die AfD im Ausnahmezustand. Das Ansehen Frauke Petrys sinkt rapide. Manche glauben an eine erneute Häutung der AfD.

04.04.2016
  • ANDRÉ BOCHOW

Es gibt Sätze über Personen der Zeitgeschichte, von denen weiß man auf Anhieb, dass sie bleiben werden. Ganz sicher wird Frauke Petry die Beschreibung nicht so schnell los, die ihr Lebensgefährte Marcus Pretzell über sie zu Protokoll gegeben hat. "Sie hat so etwas dämonenhaftes Schönes", hat er in einem Doppelinterview für die "Bunte" über Petry gesagt. Da die schöne Dämonin nicht widersprach, dürfen wir davon ausgehen, dass sie sich durch den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Pretzell, dessen Männlichkeit sie schätzt ("Bei Marcus kann ich mich anlehnen"), nicht düpiert fühlt.

Dafür sind nicht viele ihrer Partei wenig erfreut über den bunten Auftritt. Das neuerdings häufig aufkommende Wort "Fremdschämen" fiel auch im Zusammenhang mit den privaten Geständnissen des AfD-Funktionärsduos. Und auf der an sich AfD-freundlichen Internetseite "Politically Incorrect" fragt ein Autor mit dem Kürzel "kewil": "Was zum Teufel reitet Frauke Petry?" Zwischen Werbung für die nächsten Pegida-Spaziergänge und ein Buch mit dem Titel "Lügenpresse" nimmt sich der empörte Schreiber die Parteivorsitzende zur Brust.

Interessant ist, dass Petrys neuer Lebenspartner ungeschoren davonkommt. Das war schon beim Thema "Waffengebrauch gegen Flüchtlinge" so. Ursprünglich hatte Pretzell die martialische Verteidigung gegen zuwandernde Zivilisten gefordert. Petry hatte die Forderung nur wiederholt - und bekommt es nun vorgehalten. Zum Beispiel von ihrer Stellvertreterin Beatrix von Storch. Die ließ via BILD-Zeitung wissen: "Die Debatte um Schusswaffen hat Frauke Petry losgetreten. Das war der Kardinalfehler."

Storch selbst war mit der Idee aufgefallen, auch auf Frauen und Kinder schießen zu lassen. Das wiederum hatte ihr Petry in der "Bunten" vorgehalten: "Was Beatrix gesagt hat, war katastrophal. Ich will keine Toten." Einmal in Schwung gab Petry auch noch Alexander Gauland einen mit. Der hatte geäußert, die Flüchtlingskrise sei ein "Geschenk" für die AfD. Dem mögen Umfragewerte und Wahlergebnisse Recht geben, Frauke Petry tut es nicht. Sie hält die Äußerung Gaulands für "fatal" und findet: "Man kann sich doch nicht über Entwicklungen freuen, die dem Land schaden." Fatal findet "kewil" dagegen die AfD-Vorsitzende. "Auch die AfD-Pläne, ihren eigenen saarländischen Landesverband einfach aufzulösen, weil ausgerechnet der linksextreme STERN von Verbindungen zur NPD berichtet hatte, ist ein dämliches Eigentor."

Nun ist dieser Plan zwar vom gesamten Bundesvorstand beschlossen worden, aber irgendwie scheinen sich einige auf Frauke Petry einzuschießen. So kommentiert jemand unter dem Kürzel "Phlixx" Petrys Äußerungen so: "Neue Liebe und ein Haufen Hormone. Da kann das Gehirn schon mal überfordert sein." Und "Aktiver Patriot" fragt: "Warum gibt man der Lügenpresse eigentlich überhaupt Interviews?"

Petry jedenfalls gibt derzeit eines nach dem anderen. Wobei man in diesem Zusammenhang eine alte Fußballerweisheit bemühen kann: "Erst hatte sie kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu." Beim ZDF bestand das Unglück darin, dass Petry gleich zwei Interviewtermine in den Sand setzte. Um das auszugleichen, nannte sie die Moderatorin Dunja Halali eine "politische Aktivistin", die sich einen neuen Job suchen sollte. "Es sieht so aus, als würde im Moma dringend frischer Wind gebraucht."

Es könnte sein, dass dies schon vorher auf die AfD zutrifft. Jedenfalls wird das Eis, auf dem Petry wandelt, immer dünner. Und weil es, anders als seinerzeit beim Gründungsvater Bernd Lucke, wohl weniger um inhaltliche Auseinandersetzungen als vielmehr um Petrys Führungsstil zu gehen scheint, ist der mögliche Einbruch der Chefin keineswegs auszuschließen. Dafür spricht, dass der als Wirtschaftsliberaler geltende Ko-Vorsitzende Jörg Meuthen immer enger mit Alexander Gauland zusammenrückt, der wiederum ein herzliches Verhältnis zu dem immer völkischer werdenden Björn Höcke pflegt.

Wie es aussieht, wenn man an der AfD-Spitze isoliert dasteht, durfte Frauke Petry kürzlich erleben, als sie den Partei-Pressesprecher Christian Lüth feuern wollte. Bei der Abstimmung stimmten zwölf Vorstandsmitglieder dagegen und Petry dafür. Lüth erklärte anschließend, dass er eigentlich gern mit Petry zusammenarbeite. "Ich spreche nun als Bundessprecher für die zwölf Bundesvorstandsmitglieder." Es ungewöhnlich zu nennen, dass ein Parteisprecher nicht mehr seine Vorsitzende vertritt, ist sicher eine Untertreibung.

Immerhin tobt im Hintergrund ein Richtungskampf in der AfD, bei dem im Moment das künftige Parteiprogramm im Mittelpunkt steht. Ein ursprünglich kursierender Entwurf, in dem die Privatisierung des Arbeitslosengeldes, die Abschaffung der Unfallversicherung oder die Wiedereinführung des Schuldprinzips bei Scheidungen enthalten waren, wurde deutlich entschärft. Offensichtlich zu sehr. So kommt aus Bayern die Forderung, den Bau von Moscheen zu verbieten.

Das Parteiprogramm soll am 30. April oder am 1. Mai auf einem Parteitag in Stuttgart beschlossen werden. Natürlich weiß auch bei der AfD niemand, wie die Diskussion ausgehen wird. Aber auffällig ist schon jetzt: Als Moderatoren tauchen immer wieder Gauland und Meuthen auf. Wenn es um Provokantes geht, fällt der Name Beatrix von Storch. Nur an Frauke Petry scheint alles vorbeizulaufen.

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04.04.2016, 06:00 Uhr

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