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Roman

Das Chaos ist überall

Monika Maron wirbelt auf magische Weise unsere Gegenwart durcheinander.

15.03.2018
  • BJÖRN HAYER

Leipzig. Ein Sturm weht durch die Literatur und kündet von einer alles erfassenden Kraft: dem Chaos. Seinen Ursprung hat es eindeutig in der Wirklichkeit: Trump, Brexit, Flüchtlingskrise, Rechtsruck, Terrorismus, Diktaturen. Die bipolare ist einer multipolaren Welt mit unzähligen Brandherden gewichen. Dass sich in einer solchen Zeit wohl das klassische Erzählen einem Wandel unterziehen muss, ist zwingend. Monika Maron hat nun einen energetisch aufgeladenen und virtuosen Roman mit dem Titel „Munin oder Chaos im Kopf“ geschrieben, der voll den Nerv unserer verqueren Epoche trifft.

In der Straße der Ich-Erzählerin geht es hitzig, bald geradezu kriegsähnlich zu. Wegen einer offenbar geistig verwirrten Amateursängerin, die täglich zum Leidwesen ihrer Nachbarn auf dem Balkon trällert, rotten sich Wutbürger zu Protestaktionen zusammen. Während sie sich um die Wiederherstellung der alten Ordnung bemühen, dringen durch die Nachrichten die globalen Verwerfungen in die geschützten vier Wände der Protagonistin ein. Selbstmordattentate, Finanzkrise, aber auch immer wieder der „Wahn“ um das „Genderzeug“ und die Ausmaße der Flüchtlingskrise, gegenüber der Marons Figur eine durchweg erzkonservativ-nationalorientierte Haltung einnimmt, werden zum Thema.

Ein Palimpsest von Gewalt

Zwischen all diesen Krisenerscheinungen tritt der Dreißigjährige Krieg als die Referenzfolie zum Vorschein. Zu ihm soll die Heldin des Prosawerks eine regionale Chronik verfassen. Indem Maron noch Reflexionen des Religionskriegs durch Texte Annette von Droste-Hülshoffs einbaut, schafft sie ein Palimpsest. Gewaltsame Konflikte aller Epochen überlagern sich und werden auf gemeinsame ideologische Motive zurückgeführt.

Eine alternative Sichtweise zur Welt, verbunden mit dem Rückgewinn eines verloren gegangenen Glaubens, bietet der Ich-Erzählerin ein sprechender, zauberhafter Vogel, die titelgebende Krähe Munin, die sie des Nachts ähnlich dem Löwen in Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“ (2011) in ihrer Wohnung aufsucht. „Wir wissen, dass sogar die Maus und der Mensch zu neunundneunzig Prozent genetisch übereinstimmen“, sagt sie. „Besonders für die Gottgläubigen muss das ein Schock sein. Denn wenn der Mensch Gottes Ebenbild ist, dann müsste ja auch Gott zu neunundneunzig Prozent eine Maus sein oder ein Affe oder sogar ein Biber. Dann ist alles Gott.“

Ist das Blasphemie? Wohl kaum. Eher die Erkenntnis, dass das Zeitalter der Menschenzentrierung passé ist. Statt Grenzen zeichnet die Gemeinschaft aller Kreaturen, in denen auch die Tiere bei Maron implizit wohl Rechte genießen, einen brüderlichen Verbund aus. Björn Hayer

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15.03.2018, 06:00 Uhr

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