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Streamen für die Büromiete

Das DVD-Label Goodmovies mischt von Derendingen aus beim Video on Demand mit

Landen die Silberscheiben, DVD und Blu-Ray, bald auf dem Müllhaufen der Mediengeschichte? Das neue Ding heißt Video on Demand (VoD), mit dem man sich Wunschfilme und -serien per Knopfdruck auf den Fernseher holen kann. Auf dem wachsenden Markt versucht auch eine kleine Tübinger Firma, sich zu behaupten.

20.06.2014
  • Klaus-Peter Eichele

Lust auf „Casablanca“? Oder „Fack ju Göhte“? Oder die neue Staffel von „Homeland“? Dank VoD kann man sich jeden dieser Filmwünsche, und noch Tausende mehr, ganz spontan erfüllen. Der zeitraubende Umweg über den Videoshop entfällt. Wird damit ein lang gehegter Traum aller Filmfans endlich Wirklichkeit? Und können sich die Anbieter dieser Technik demnach vor Kunden kaum noch retten? Ganz so ist es nicht, sagt der Tübinger Harald Baur.

Immer noch mehr DVDs als Downloads

Der 50-Jährige leitet von Derendingen aus die VoD-Sparte der Medien-Plattform Goodmovies. Die Firma ist ein Zusammenschluss mehrerer kleiner Filmverleihe, darunter der Tübinger Arsenal-Verleih, zum gemeinsamen Vertrieb ihrer Kinofilme auf DVD. Seit drei Jahren kann man von der Webseite des Unternehmens (www.goodmovies.de) viele Filme aber auch direkt auf den Computer oder den Fernseher übertragen. Drei Euro kostet das in der Regel. Von einem Run auf dieses Angebot könne aber noch keine Rede sein, meint Baur. Nach wie vor übersteigen die DVD-Verkäufe die Zahl der Downloads um ein Vielfaches.

Das entspricht durchaus der Situation in der gesamten Video-Branche, die derzeit in Deutschland nur etwa zehn Prozent ihres Umsatzes mit gestreamten Filmen macht. Allerdings wurde 2014 zum Jahr ausgerufen, in dem sich VoD auf breiter Front am deutschen Markt etablieren soll; bis 2018 soll sich laut einer Trendstudie der Umsatz verdreifachen.

Der Optimismus nährt sich unter anderem aus der zunehmenden Verbreitung schneller Internet-Verbindungen und Internet-kompatibler Smart-TVs, die eine Übertragung der Filme auf den großen Wohnzimmer-Bildschirm anstatt wie früher nur auf den kleinen Computer-Monitor erlauben. In den USA ist VoD bereits gang und gäbe, vor allem dank des Branchenpioniers Netflix, der dem neuen Vertriebskanal dort fast im Alleingang zum Durchbruch verholfen hat – unter anderem mit selbstproduzierten Serien wie „House of Cards“. Noch in diesem Jahr will Netflix auch in Deutschland an den Start gehen.

Ob sich die rasante Entwicklung in den USA hierzulande wiederholt, hält Harald Baur jedoch für fraglich. „Der große Unterschied ist: In Deutschland sind die Leute an kostenloses Fernsehen gewöhnt, das auch Film- und Serieninhalte gut abdeckt.“ Das habe sich schon für das Pay-TV als kaum zu überwindende Hürde erwiesen und werde auch den Durchbruch des VoD erschweren.

„VoD wird wachsen“

Zumindest die aktuellen Zahlen untermauern Baurs Vorbehalte: Während in den USA allein Netflix rund 50 Millionen Kunden hat (die dort in Stoßzeiten ein Drittel des Datenverkehrs im Internet verursachen), sind es in Deutschland bei allen Anbietern zusammen etwa vier Millionen.

Dominiert wird der deutsche VoD-Markt derzeit von einer Handvoll Großanbietern mit umfassender Film- und Serienpalette – iTunes, Maxdome, Watchever und einige mehr. Je nach Geschäftsmodell kann man dort Filme einzeln leihen (meistens für drei oder vier Euro) oder Flatrate-Abonnements abschließen. Dahinter tummeln sich eine Reihe von Nischenanbietern, zu denen auch Goodmovies mit etwa 11 000 registrierten Nutzern gehört.

Wie bei den etwas bekannteren Labels Mubi und Realeyz liegt der Schwerpunkt des Tübinger Unternehmens auf anspruchsvollen Arthaus-Filmen, von denen einige hundert verfügbar sind. Das Gros sind Streifen, die bereits im Kino gelaufen sind, manche davon sehr erfolgreich wie die Komödie „Fasten auf italienisch“ oder der Lola-Gewinner „Vier Minuten“. Es gibt aber auch Video-Premieren noch unentdeckter europäischer Autorenfilme, die Goodmovies als Partner einer internationalen VoD-Kooperative mit deutschen Untertiteln anbietet.

Mit den Stream-Umsätzen, räumt Baur freimütig ein, lasse sich derzeit aber gerade mal die Büromiete finanzieren. Denn gerade auf der Arthaus-Schiene tue sich VoD besonders schwer. „Für unser gut gebildetes, etwas älteres Publikum ist eine schön aufgemachte DVD immer noch attraktiver als ein immaterieller Datenstrom“ – auch wenn die Kunden dafür deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen.

Auch bei der Technik hinkt Goodmovies etwas hinterher. So kann es sich die kleine Firma nicht leisten, für die vielen unterschiedlichen TV-Geräte eigene Apps zu entwickeln. Die sind aber oft vonnöten, um die Filme auch am Fernseher anschauen zu können. Der Umweg über die leistungsschwachen TV-Browser funktioniert nur manchmal.

Trotz einer gewissen Grundskepsis will Harald Baur das neue Medium aber keineswegs klein- oder schlechtreden. „VoD wird wachsen, wenn auch deutlich langsamer als von vielen prognostiziert. Und es ist unser Anspruch, auch auf diesem Vertriebskanal präsent zu sein“. Wenn nicht Geldes wegen, dann im Interesse der Filmkultur. Denn der Großteil der Goodmovies-Filme hätte auf den Mainstream-lastigen Plattformen der Branchenführer keine Chance.

Das DVD-Label Goodmovies mischt von Derendingen aus beim Video on Demand mit
Lieber die Füße hochlegen als nochmal um die Ecke zur nächsten Videothek: Video on Demand macht das Heimkino noch mehr als bisher zum Pantoffel-, pardon: Sockenkino.Archivbild

Das DVD-Label Goodmovies mischt von Derendingen aus beim Video on Demand mit
Harald BaurBild: privat

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20.06.2014, 12:00 Uhr

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