Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hobbyfilmer Richard Nill dokumentierte 1944 die Zerstörungen am Neckartor

Das Döschen mit der „Kriegsruine“

Bis zum Abend des 15. März 1944 blieb Tübingen von Kriegszerstörungen nahezu verschont. Doch beim 17. Luftangriff auf Stuttgart warfen einige Bomber ihre Bomben auch über der Universitätsstadt ab. Dabei wurde das Uhlandhaus zerstört. Am Tag darauf war Hobbyfilmer Richard Nill mit seiner Kamera vor Ort und hielt die Aufräumarbeiten in bewegten Bildern fest.

17.03.2012
  • Manfred Hantke

Neckartor in Trümmern - seltene Kriegsaufnahmen aus Tübingen

© Stadtarchiv Tübingen 03:02 min

Tübingen. Fliegerangriff: Zum 102. Mal seit Kriegsbeginn 1939 heulten am Abend des 15. März 1944 die Sirenen in Tübingen. Es war kurz nach 21 Uhr. Eigentlich flogen die Bomber der Royal Air Force (RAF) einen Angriff auf Stuttgart. Sie wurden aber durch deutsche Nachtjäger abgedrängt, zusätzlich auch durch aufziehende Wolken behindert. Einige RAF-Bomber warfen ihre Bomben über dem südlichen Umland von Stuttgart ab. So schreibt es Benigna Schönhagen in ihrem Buch „Tübingen unterm Hakenkreuz“.

Etwa 60 Sprengbomben, 400 Phosphorbrandbomben und 15.000 Stabbrandbomben fielen in jener Nacht vom 15. auf den 16. März vom Himmel auf Tübinger Stadtgebiet. Tote gab es keine, Verletzte nur wenige. Zerstört wurden bei diesem Fliegerangriff das Uhlandhaus an der Eberhardsbrücke: Eine Luftmine legte es in Schutt und Asche. Zerstört wurden auch die Gaststätten „Neckar-Müllerei“ und „Café Pomona“ (heute: die Neckartor-Apotheke), schwer beschädigt wurden einige Geschäftshäuser in der Mühlstraße, die damals als „Adolf-Hitler-Straße“ firmierte.

Nazi-Presse verschwieg die Opfer des Angriffs

Das Döschen mit der „Kriegsruine“
Der 1904 geborene Richard Nill übernahm nach seinem Studium der Innenarchitektur in Stuttgart den elterlichen Schreiner- und Möbelbetrieb. Nill starb 1969. Der Nachlass des Schmalfilmers liegt im Stadtarchiv. Bild: Privat

Der Luftdruck war so stark, dass sogar Fenster am Holzmarkt zerbarsten, Dachstühle in sich zusammenfielen und ein Teil des Stiftskirchendachs hinweg gefegt wurde.

In Lustnau und Derendingen entfachten die Phosphor- und Stabbrandbomben Brände, die Stromversorgung fiel für mehrere Tage aus. Am stärksten jedoch wurde das Umland getroffen: In Kusterdingen starben drei Menschen. In der Presse war von den Zerstörungen nichts zu lesen. Nur eine „amtliche Bekanntmachung“ des Oberbürgermeisters wies auf „Fliegerschäden nach Terrorangriffen“ hin.

Das Döschen mit der „Kriegsruine“
Das zerstörte Uhlandhaus und die zerstörten Häuser in der Mühlstraße nach dem Bombenangriff vom 15. März 1944. Das abgebildete Foto wurde 2011 durch einen Zufallsfund vor dem Sperrmüll gerettet und für das Projekt www.zeit-zeugnisse.de zur Verfügung gestellt. Der Finder möchte nicht genannt werden.

Offizielle Fotos von den Trümmern aus jener Nacht gibt es keine. Privatleute waren jedoch am Neckartor zur Stelle und haben fotografiert. So tauchten erst im vergangenen Jahr Bilder von der Ruine des Uhlandhauses auf (wir berichteten).

Richard Nill aber hat gleich einen ganzen Film von den Schäden am Tübinger Neckartor vor 68 Jahren gedreht. Denn der Tübinger schnappte sich am Tag danach seine Schmalfilmkamera und dokumentierte die Trümmer und Aufräumarbeiten. Das war zwar nicht erlaubt, doch den Funker, der wohl auf Heimaturlaub war, hinderte niemand daran.

Etwa drei Minuten lang ist der Film. Nill hat unterschiedliche Szenen gedreht: Mal steht er auf den Trümmern der Neckar-Müllerei, schwenkt auf die zerstörten Häuser vom Neckartor bis in die Mühlstraße hinein, zeigt die Tübinger bei der mühsamen Handarbeit der Trümmerbeseitigung, während überall noch der Rauch aufsteigt. Berge von Schutt liegen in den Straßen. Dann wiederum steht Nill mit seiner Kamera in einer verwüsteten Wohnung und filmt dort die Aufräumarbeiten.

Filmspulen im Koffer auf dem Dachboden

Das Tübinger Stadtarchiv ist seit 2003 im Besitz des lokalgeschichtlich bedeutenden Filmschatzes. Der fand sich mit weiteren 33 Filmspulen in einem unscheinbaren Koffer auf dem Dachboden von Renate Mesick, einer Tochter Nills. Ein kleines Döschen trug die Aufschrift „Kriegsruine Tübingen“. Den Schwarz-Weiß-Film über die zerstörten Häuser am Neckartor hat das Stadtarchiv nun den Zeitzeugnissen digitalisiert zur Verfügung gestellt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.03.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball