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Das Dorf der Brenner
Museumsleiter Hermann Berner (rechts unten im Bild) führte kundig in die lokale Kulturgeschichte des Trinkens ein. Bild: Rippmann
Promille

Das Dorf der Brenner

400 Häuser, 300 Schnapsbrennereien: Schon um 1800 wussten die Mössinger mit Alkohol umzugehen. Am Freitag erfuhren ihre Nachfahren, wie sich die Ahnen an Schnaps und Most gütlich taten.

22.11.2016
  • Susanne Mutschler

Um das Jahr 1800 hatte Mössingen nur 400 Häuser – aber 300 Schnapsbrennereien. „Das war die höchste Brennereidichte in ganz Deutschland“, erzählte Hermann Berner, der nur noch für wenige Tage Mössingens Museumsleiter ist, am Freitag in der Kulturscheune. Es war jedoch nicht der Durst, sondern die Armut, die die Mössinger zu Brennern machte: Die Familien waren kinderreich – und weil in Württemberg das Erbrecht der Realteilung gilt, waren die landwirtschaftlichen Flächen nach wenigen Generationen so zerstückelt, dass die Erträge nicht mehr zum Überleben reichten. Der Hausierhandel mit selbstgebranntem Schnaps, der die Mössinger Kleinbrenner bis in Elsass, die Schweiz und sogar nach Russland führte, war ein wichtiger Zuverdienst.

Allerdings wurde auch reichlich getrunken: Man habe den Branntwein in Mostgläsern serviert, berichtete Berner von 150 Ulanen, die 1826 in der „Goldenen Traube“ in Mössingen einquartiert waren. Zu deren reichlicher Verpflegung gehörte dreimal am Tag ein halber Liter Schnaps. Innerhalb weniger Tage hätten die Männer die komplette Wirtschaft demoliert.

Die aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Von Bier, Wein, Schnaps, Most: Prost!“, die derzeit in der Mössinger Kulturscheune zu sehen ist, bot eine nahezu authentische Kulisse für Hermann Berners alkoholgesättigte Geschichten. Das Café Chamäleon hat sich – wie sein Name verspricht – optisch einer alten Dorfwirtschaft angeglichen. Die Zuhörerschaft saß auf derben Wirtschaftsstühlen um abgenutzte Gasthaustische herum. Jede Kerbe und Ritze erzählte vom jahrzehntelangen Gebrauch durch die früheren Zecher aus dem Steinlachtal. Wie damals wurde ein Vesper aus Schwarzbrot, Schmalz und Kräuterquark aufgetischt. Die Auswahl an Getränken allerdings ging über die Klassiker Most, Bier, Wein und Schnaps hinaus. Es gab auch Saft und Sprudel.

Das Wasser sei in früheren Jahrhunderten oft von so schlechter Qualität gewesen, dass Wein möglicherweise sogar gesünder gewesen sei, berichtete Hermann Berner. Vor rund 500 Jahren hatte jedes Mössinger Haus ein Fass mit – wenngleich saurem – Wein im Keller. Am Mössinger Firstberg und unter der Belsener Kapelle wuchsen Rebstöcke. Erst als die Weinberge nach dem Dreißigjährigen Krieg zerstört waren, setzte sich allmählich das Biertrinken durch. Im 16. und 17. Jahrhundert braute dann jede Gaststätte ihr eigenes Bier. Berner weiß vom Lamm-, Löwen- und Kercherbräu. Nur das Kronenbräu gibt es bis heute.

Bevor die Wirte begannen, ihr Bier in Literflaschen abzufüllen, konnte man es offen in Krügen kaufen. Berner berichtete von durstigen Lehrbuben, die unterwegs wegtranken und aus unschicklicher Quelle ersetzten, was sie eigentlich dem Meister bringen sollten. Oder er erzählte von einem Arrestanten im Alten Rathaus, der sein Bierkrüglein an einer Schnur aus dem Gitter hängte und die Kinder zum Füllen losschickte. Der frühere Mössinger Messerschmied, den man nicht umsonst den „Lustig“ nannte, sei um 1900 herum einmal verkleidet als Bärenführer durch die Mössinger Kneipen gezogen, wusste Berner aus Erzählungen. Seine beiden als Bären vermummten Kameraden mussten in allen Wirtschaften tanzen, brummen und ihr Bier aus Schüsseln schlecken.

Zur Ausstellung und den hochprozentigen Anekdoten passte die Musik: Der Musikantenstammtisch unter der Regie von Angela Schuler trat als „Moutarde douce“ in ungewöhnlich zahlreicher Besetzung auf. Unter den zehn Spielleuten waren vor allem die beiden Dudelsackpfeifer tonangebend. Neben irischen, französischen und schottischen Weisen gab es dörfliche Tanzmusik, und bei den schwäbischen Liedern stimmte das Publikum vergnügt mit ein.

Das jüngste unter den in Mössingen konsumierten Alkoholika ist der Most. Immer mal wieder sei er verboten worden, weil sich die Obrigkeit mit der Besteuerung von Selbstproduziertem schwer tat, erklärte Berner. Im 19. und 20. Jahrhundert sei Most im Steinlachtal das Hauptgetränk gewesen. Wie es sein Großvater geschafft habe, jedes Jahr ein Fass mit 2000 Litern zu leeren, ist ihm bis heute ein Rätsel. Berner wusste von einem unter innerer Trockenheit leidenden Talheimer Bauern, der jeweils am Anfang und am Ende seiner zu pflügenden Ackerfurche einen Sutterkrug voll Most deponierte und bei jeder Kehre einen Schluck nahm.

Und er erzählte von der Belsenerin, die in einem schlechten Obstjahr mit dem Zug nach Hechingen fuhr, um fürs Mosten zusätzlich Rosinen einzukaufen. Auf dem Rückweg hielt die Bahn in Belsen nicht an, also warf sie ihren schweren Sack aus dem Fenster. Bis sie von Mössingen zurück gelaufen kam, hatten die Belsener Kinder die meisten der süßen Trockenfrüchte gegessen. Der Frau blieb nur ihr Spitzname „Zibeben-Kätherle“.

In der Geschichte des Dorfes Mössingens hat Berner 22 verschiedene Wirtschaften gezählt. Im Schnitt seien immer zehn Gasthäuser zeitgleich geöffnet gewesen. Vom „Hirsch“ hängt das alte Aushängeschild in der Ausstellung, von der „Bahnhofsgaststätte“ der Neonschriftzug, der bis ihrem zum Abriss über dem Eingang leuchtete. Unter der „Silberburg“ am Firstwald, die bis 1961 ein beliebter Treffpunkt war, befand sich ein extrem tiefer Bierkeller. Weil die Treppe sehr steil hinunter führte, hatten die Wirtinnen nur kleine Fässer eingelagert, teilte der Museumsleiter mit: Junge Burschen wuchteten sie dann gegen Freibier nach oben.

Mössinger Trinkkultur heute Abend im SWR

In der„Landesschau Baden-Württemberg“ gibt es heute Abend einen Beitrag über die Mössinger Trinkkultur zu sehen. Die Sendung mit dem Beitrag beginnt um 18.45 und dauert bis 19.30 Uhr im SWR-Fernsehen. Danach gibt es den Beitrag in der Mediathek.

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22.11.2016, 01:00 Uhr

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