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Ein-Blick in den Rottenburger Knast

Das Dorf in der Stadt

Fünf Meter hohe Mauern. Stacheldraht. Ja, der erste Eindruck ist schon einschüchternd. FLUGPLATZ hat sich das Rottenburger Gefängnis angeschaut.

12.06.2012

Bitte geben Sie Ihre Handys und Ihre Personalausweise ab! Das gilt auch für uns FLUGPLATZ-Leute. Wir passieren die Drehtür und betreten einen Ort, der mitten in Rottenburg liegt und den meisten doch fremd ist. Ein Ort voller Mauern, Gitter und Beton. Aber mit 600 Bewohnern, 270 JVA-Bediensteten, Betrieben, in denen Wäsche gewaschen, Brot gebacken, mit Holz und Metall gearbeitet wird. Ein kleines Dorf tut sich hinter den Mauern am „Schloß 1“ auf. Das ist kein Witz, so lautet die Adresse der Rottenburger Justizvollzugsanstalt. Aber nach einer königlichen Residenz sieht das Gefängnis nicht aus.

Noch ehe wir den Besucherraum erreichen, müssen wir durch die erste Gittertür. Natürlich passieren wir diese nicht ohne uniformierte Begleitung mit sehr großem Schlüsselbund.

An eine Cafeteria erinnert mich der Raum, in dem die Gefangenen ihre Angehörigen und Freunde treffen können. Drei Stunden im Monat – mehr ist nicht erlaubt.

Kleine Sitzgruppen, Getränke- und Snackautomaten, Bilder, die Gefangene in einem Fotoworkshop gemacht haben – auf den ersten Blick scheint alles ganz normal. Ungewöhnlich ist nur die Theke, an der, wäre Besuchszeit, ein Justizvollzugsbeamter sitzen und die Leute beobachten würde.

Nächste Station: Wir kommen ins Freie und sind doch umgeben von der grauen, einschüchternden Mauer. Es gibt viele verschiedene Gebäude, jeder Teil wird umschlossen von metallenen Gittern. „Wie in einem kleinen Dorf“, sagt jemand. Es gibt eine eigene Werkstatt, eine Wäscherei, eine Bäckerei, eine Kapelle, einen Hof mit Basketballfeld, Wiese und Tischtennisplatte. Und natürlich: Nummerierte Häuser, in denen sich die Zellen befinden.

Das neueste davon ist das Haus 8, das „Zugangsgebäude“. Dorthin kommen die „Neuen“, ständige Bewohner sind nur jene, die in der Effektenkammer arbeiten. Sie geben die einheitliche blaue Kleidung aus, die jeder Gefangene tragen muss. Nur den Jogginganzug für die Freizeit, die Unterwäsche und dergleichen darf er selbst mitbringen – sofern er das hat. Was nicht immer der Fall ist, erfahren wir. In jenem neuen Teil des Gefängnisses fallen sofort die orangefarbenen und gelben Zellentüren ins Auge und die Namensschilder daneben an der Wand.

Als es dann soweit ist und wir eine Zelle von innen sehen dürfen, ist es wie im Fernsehen: ein Bett, ein kleiner Schrank für das Hab und Gut, ein kleiner Tisch mit Stuhl, auf dem allerlei persönliche Sachen liegen, und ein sehr kleiner abgegrenzter Raum mit Toilette, Waschbecken und Spiegel. Nur ein paar Pflanzen und der gemietete Fernseher machen das Acht-Quadratmeter-Zimmer wenigstens ein bisschen gemütlich, wenn überhaupt. Nur fünf Leute von uns in der Zelle, und schon ist sie voll. Es ist wirklich eng. Dabei gilt „Haus 8“ als besonders komfortabel. Ganz anders sieht es in den Altbauten aus.

Mein Fazit zum geschlossenen Vollzug: Wer von außen kommt, fühlt sich eingeschüchtert, eingeschränkt, klein und abgeschlossen. Das „Freigängerheim" bildet dazu einen Kontrast wie Tag und Nacht. Es liegt außerhalb des „kleinen Dorfes“ und sieht auf den ersten Blick aus wie eine Jugendherberge.

Mehrere Stockwerke mit höchstens vier Zimmern gibt es, die auf jeden Fall größer und geräumiger sind als die Zellen, ein Gemeinschaftsbad, eine gemeinsame Küche und einen Aufenthaltsraum. Nichts würde daran erinnern, dass auch hier „Häftlinge“ leben – obwohl man sie schon fast nicht mehr so bezeichnen kann. An den Knast erinnert fast nur das kleine Büro direkt neben dem Eingang, in dem rund um die Uhr ein uniformierter Justizbeamter sitzt.

Manuela Kaczmarek, 16

Das Dorf in der Stadt

In der Rottenburger „Justizvollzugsanstalt“ sitzen 600 Menschen eine Gefängnisstrafe ab – manche nur wenige Monate, manche einige Jahre. Zwei Drittel der Gefangenen sind 21 bis 39 Jahre alt. Im Gegensatz zu früher gibt es hinter den Rottenburger Knastmauern auch „schwere Jungs“, die zu mehreren Jahren, zum Teil sogar zu lebenslänglichen Haftstraßen verurteilt wurden. Lebenslänglich bedeutet, dass die Leute nach mindestens 15 Jahren auf Bewährung entlassen werden können. Es sei denn, die Richter haben eine „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt – Straffällige, auf die dies zutrifft, gibt es in Rottenburg normalerweise nicht.

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12.06.2012, 12:00 Uhr

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