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Die Apotheke am Neckartor wird Ende Februar 2016 schließen

Das Eck ändert sein Gesicht: die Telekom zieht ein

Die Apotheke am Neckartor gibt es seit 1972 an diesem Ort. Das Neckartor ist ohne Apotheke also schwer vorstellbar. Im nächsten Jahr wird man sich an diese Vorstellung jedoch gewöhnen müssen. Die Telekom zieht vom Ladenlokal schräg gegenüber ins Geschäft am prominenten Eck um.

13.11.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Im Neckartor schien die Apotheke im Erdgeschoss ein Dauer-Hausrecht zu haben. Seit 1972 werden hier Arzneien und homöopathische Mittel vertrieben. 1958 war die Apotheke zunächst in die Mühlstraße 3 eingezogen, in das Haus, in dem auch die Praxis des Homöopathen Dr. Georg von Keller war. In Absprache mit ihm begann der Apotheker Friedrich Zinsser im eigenen neuen Domizil in der Neckargasse 22 mit der Herstellung von Q-Potenzen homöopathischer Mittel (Dr. Zinsser).

Nach Zinssers Tod ging das Haus in den Besitz von Verwandten seiner Frau über, ebenfalls Apotheker. Einer dieser Nachkommen, Albert Schmierer, übernahm im Jahr 2000 die Apotheke von Zinssers Nachfolger. 18 Angestellte sind für den Freudenstädter Pharmazeuten in der Tübinger Filiale tätig, nicht nur im Verkauf, sondern auch in der Herstellung der Naturheilmittel.

Warum er schließt? „Die Miete“, so sagt Albert Schmierer, „ist für eine Apotheke zu hoch.“ Sie sei schon immer „ein bisschen hoch“ gewesen, aber mit einer nun anstehenden weiteren Mieterhöhung untragbar. Apotheken hätten heutzutage zu kämpfen, sie müssten immer stärkere Kürzungen ihrer Vergütungspauschalen hinnehmen. Die Verdienstspannen seien dementsprechend gesunken. Schmierer rechnet es an einem Hepatitis C-Medikament vor: Es koste zwar um die 20 000 Euro, im Laden blieben davon nur rund 120 Euro hängen – „vor Steuer“.

Gegen die Weiterführung der Tübinger Filiale spricht für Schmierer auch, dass sie „verkehrstechnisch ungünstig“ liege. Um die Angestellten müsse man sich keine Gedanken machen, die seien alle schon wieder anderweitig versorgt. „Die Arbeitsmarktlage in Tübingen ist genial“, so Schmierer.

So genial anscheinend doch wieder nicht. Die Angestellten, die erst Anfang September erfuhren, dass die Apotheke ihnen keine Zukunft bietet, haben noch keine Nachfolge jobs. Ayse Atvur, knapp 60 Jahre alt, arbeitet seit 43 Jahren in der Apotheke. Ihr steigen die Tränen in den Augen, wenn sie an ihr Leben ohne den Laden denkt. „Er ist für mich eine Heimat“, sagt die Pharmazeutisch-Kaufmännische Angestellte. Wie die ganze Neckargasse: „Ich habe meine Jugend hier verbracht.“ Für sie ist klar, dass sie keine Arbeit mehr finden wird. Tröstlich ist nur, dass sie in zwei Jahren Frührente bekommen kann. Auf ihren Chef lässt sie trotz der Kündigung nichts kommen: „Er war immer großzügig.“

Ende Februar wird die Apotheke dichtmachen, danach beginnt der Umbau zur Telekom-Filiale. Auskünfte über Umzugsgründe und Umbaupläne sind dort nicht zu haben. Beim Kommunikationsanbieter ist Kommunikation ohne Rückversicherung in der Zentrale nicht möglich. Immerhin sind die Angestellten über die Adressänderung informiert.

Ulf Siebert ist Inhaber des Cafés Bellevue, direkt über der Apotheke. Als er vor einem Jahr hörte, dass das Ladenlokal unter ihm frei werde, schwebte ihm eine gastronomische Nutzung vor. Er liebäugelte mit der Idee eines gehobenen Stehcafés mit Imbissmöglichkeit und großen verschiebbaren Fenstern. Nun bedauert er sehr, dass er den Zuschlag nicht bekommen hat. Selbst wenn nicht er, sondern ein anderer Gastronom zum Zuge gekommen wäre, hätte er es gut gefunden. „Ich find‘s arg traurig, dass der Eintritt in die Stadt jetzt durch eine Telekom-Filiale anonymisiert wird.“

Das Eck ändert sein Gesicht: die Telekom zieht ein
Für diese 1a-Geschäftslage in Tübingen gab es etliche Bewerber. Den Zuschlag bekam die Telekom. Bild: Metz

Schon im September 2014 stand das Ladenlokal Neckartor-Apotheke bei einem Makler im Angebot: 125 Quadratmeter Laden, dazu 45 Quadratmeter Erker und Nebenfläche für 5900 Euro Miete. Er habe seinem Cousin, so auch der Sprecher der Erbengemeinschaft Burkhard Schmierer (Albert Schmierer gehört nicht dazu), eine Vertragsverlängerung zu den alten Konditionen angeboten. Dieser habe jedoch abgelehnt. Burkhard Schmierer versichert, ihm sei wichtig gewesen, einen Nachfolger zu finden, der den anderen Mietern im Haus keine Konkurrenz macht. So habe er den Bewerber Tchibo ausgeschlossen. Die Telekom sei ohnehin schon in der Straße vertreten, damit könne man also nichts falsch machen. „Wir haben uns Mühe gegeben, ein solides und gutes Unternehmen zu finden“, so Schmierer.

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13.11.2015, 12:00 Uhr

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