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Kandidaten

Das Elefantensterben

In der französischen Politik hat der Generationenwechsel begonnen. Die Tradition, an bewährten Köpfen festzuhalten, ist vorbei, seit die Parteien in Vorwahlen die Basis befragen.

23.12.2016
  • PETER HEUSCH

Paris. Einmal ganz oben, immer ganz oben – so lautete ein scheinbar ehernes Gesetz der französischen Politik. Doch das hat sich schlagartig geändert. Innerhalb von nur zwei Novemberwochen haben gleich drei Schwergewichte der politischen Klasse ihren Hut nehmen müssen. Das prominenteste Opfer dieses Elefantensterbens war niemand Geringerer als der amtierende Staatspräsident François Hollande. Die Ankündigung des 62-jährigen Sozialisten, 2017 nicht für eine zweite Amtszeit zu kandidieren, ist eine Premiere in der von Charles de Gaulle gegründeten Fünften Republik.

Nur wenige Tage zuvor hatten bereits zwei Platzhirsche des konservativen Lagers das Feld geräumt. Nicolas Sarkozy (61), Präsident von 2007 bis 2012, scheiterte bei seinem erneuten Griff nach dem Élysée-Palast schon in der ersten Runde der Vorwahlen der konservativen Republikaner-Partei. Danach erwischte es seinen Rivalen Alain Juppé (71), ehemals Premierminister unter Jacques Chirac: Sang- und klanglos sortierten die Franzosen in der Stichwahl jenen Mann aus, der von Medien wie Meinungsforschern seit 18 Monaten als der sichere Sieger der Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr gesetzt worden war.

„Der Abgang von drei Persönlichkeiten, die unser politisches Leben so lange bestimmt haben, läutet eine Erneuerung der gesamten politischen Klasse ein“, kommentierte die renommierte Pariser Tageszeitung „Le Monde“. Eine Erneuerung wohlgemerkt, die der politischen Klasse von den Bürgern aufgezwungen wurde und die erst die Einführung der Vorwahlen möglich machte. Denn für Überraschungen sorgten diese erstmals 2006 von der Sozialistischen Partei organisierten Vorwahlen noch jedes Mal.

2006 etwa war es Ségolène Royale, die gegen den offenen Widerstand ihrer gesamten Parteispitze zur Präsidentschaftskandidatin gekürt wurde. Fünf Jahre später setzte sich der lange Zeit als Außenseiter gehandelte Hollande durch. Und nachdem jetzt selbst die Konservativen dem Drängen ihrer Parteibasis nachgaben und Vorwahlen ansetzten, machte am Ende mit François Fillon ein Kandidat das Rennen, den so gut wie niemand auf der Rechnung gehabt hat.

Tatsächlich haben die Vorwahlen der in die Jahre gekommenen Fünften Republik eine Frischzellenkur verpasst. Sie sind dabei, die Tradition der politischen Erbhöfe zu schleifen. Viel zu lange nämlich galt die Devise: Wir nehmen dieselben und machen einfach weiter. Das politische Spitzenpersonal, fast durchgehend ausgebildet auf den Elite-Hochschulen des Landes, wechselte kaum. Wer für welchen wichtigen Posten kandidierte, wurde von den jeweiligen Parteigranden im Hinterzimmer ausgekungelt, und dass sich Bürgermeisterämter und Abgeordnetensitze vom Vater auf den Sohn oder die Tochter vererbt wurden, stellte alles andere als eine Ausnahme dar.

Die Konsequenz war eine stetig steigende Politikverdrossenheit, die sich in immer höheren Enthaltungsquoten sowie im Vormarsch des rechtsextremen Front National (FN) niederschlug. Kein Wunder, dass das Pendel nun, wo dem Fußvolk beinahe notgedrungen ein Mitspracherecht eingeräumt wurde, heftig zurückschlägt. „Nein, nicht schon wieder die“, stöhnten die Wähler, bevor sie Sarkozy und Juppé nach Hause schickten. Und auch Hollandes Kandidaturverzicht entbehrt jeder Freiwilligkeit. Trotz schlechter Umfragewerte wollte der unpopuläre Präsident unbedingt noch einmal antreten. Das Handtuch warf er erst, als klar wurde, dass er selbst bei den Ende Januar anstehenden Vorwahlen seiner sozialistischen Partei durchzufallen drohte.

Dass die Frischzellenkur anschlägt, lässt sich auch am Alter der Präsidentschaftskandidaten ablesen, die nach dem Kahlschlag an der Spitze noch im Rennen sind. Als Favoriten der sozialistischen Vorwahlen gelten nun Ex-Premier Manuel Valls (54), Ex-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg (54) und Ex-Erziehungsminister Benoît Hamon (49). Noch jünger ist mit 39 Jahren der auf eigene Faust angetretene und parteilose Shooting-Star Emmanuel Macron. Schon allein die Personalie des erst im Sommer zurückgetreten Wirtschaftsministers, der sich recht erfolgreich als Anti-System-Kandidat in Szene setzt, belegt, wie sehr sich derzeit das Bild der politischen Landschaft verändert.

Vor diesem Hintergrund steht, wenn auch mit Abstrichen, sogar François Fillon für die Erneuerung des politischen Spitzenpersonals. Der 62-Jährige, der unter Sarkozy fünf Jahre das Amt des Regierungschefs innehatte, mag zwar ein alter Polit-Profi sein. Doch er galt stets als ein Mann der zweiten Reihe und symbolisiert nun als konservativer Überraschungskandidat den Aufstand der bürgerlichen Wählerschaft gegen die Parteispitze der Republikaner.

Alt hingegen sieht auf einmal Marine Le Pen aus. Die FN-Chefin (48) ist nicht nur die einzige aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin, die bereits zum zweiten Mal antritt. Sie hat zudem die Kandidatur wie den Parteivorsitz von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen geerbt, der sich von 1974 an nicht weniger als fünf Mal erfolglos um das höchste Amt im Staat bewarb. Bezeichnenderweise wissen die straff geführten Frontisten gar nicht, wie das Wort Vorwahl buchstabiert wird.

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23.12.2016, 06:00 Uhr

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