Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Das Ende der Minuten-Pflege
Frauen mit Rollator: Die Pflegereform soll ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichen. Foto: dpa
Sozialreform

Das Ende der Minuten-Pflege

Nach über einem Jahrzehnt Vorbereitungen startet im Januar das neue Bewertungssystem für die Bedürftigen. Vor allem Demenzkranke profitieren.

08.11.2016
  • DIETER KELLER

Berlin. Post von der gesetzlichen Pflegeversicherung bekommen in diesen Wochen alle Pflegebedürftigen oder ihre Angehörigen. Die Pflegekassen teilen ihnen mit, in welchen Pflegegrad sie ab 1. Januar 2017 eingestuft werden. Da es 2,8 Millionen Pflegebedürftige gibt, dauert das bis in den Dezember hinein. Keiner muss selbst aktiv werden und einen neuen Antrag stellen, betont Peter Pick vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK).

Seit 2006 wurde diskutiert, wie von der ungeliebten „Minuten-Pflege“ wegzukommen ist. Entscheidend ist künftig nicht mehr, wie viel Zeit die einzelnen Hilfen erfordern, sondern wie selbständig der Pflegebedürftige ist. Dadurch bekommen Demenzkranke erstmals gleichberechtigten Zugang zu Leistungen, verspricht sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) von der „größten Weiterentwicklung der Pflegeversicherung seit ihrer Einführung vor mehr als 20 Jahren“.

Eile ist jetzt nicht geboten: Beim Bescheid ist nur zu prüfen, ob er offensichtliche Fehler enthält. Wer dagegen hofft, aufgrund des neuen Rechts mehr oder überhaupt erstmals Leistungen zu bekommen, der muss sich gedulden: Anträge sind erst ab dem 2. Januar möglich. Denn es gilt immer das Recht zum Zeitpunkt des Antrags. Wer ihn heute stellt, wird automatisch nach dem alten beurteilt und später umgestuft.

Für die Einstufung ist der MDK zuständig. Er ist gerade dabei, die Zahl seiner Gutachter – meist erfahrene Altenpfleger – um 300 auf 1900 aufzustocken. Sie erstellten bisher jährlich 1,5 Millionen Gutachten. Über die Hälfte davon waren Erstanträge, bei den übrigen ging es um eine höhere Pflegestufe. Etwa jeder vierte neue Antrag wurde abgelehnt. Das dürfte sich ändern: Mindestens 200 000 Personen kommen ab 2017 in den Pflegegrad 1, schätzt Pick. Altfälle landen hier nicht: Wer bisher Stufe 1 hatte, wird automatisch mindestens in Grad 2 eingestuft.

Die Begutachtung, die beim Pflegebedürftigen vor Ort erfolgt und etwa eine Stunde dauert, ist eine Wissenschaft für sich. Unter die Lupe genommen werden 64 Fragen, für die es jeweils einen Punktwert von 0 bis 4 gibt, was für keine, geringe, erhebliche, schwere und vollständige Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder Fähigkeit steht. Eingeteilt sind die Fragen in Kapitel, die unterschiedlich stark zu Buche schlagen.

Die Selbstversorgung (40 Prozent des Gesamtergebnisses) berücksichtigt etwa die Körperpflege, Essen und Trinken oder Inkontinenz.

Die Bewältigung von krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen (20 Prozent) betrachtet etwa das Einnehmen von Medikamenten oder den Besuch von Ärzten und therapeutischen Einrichtungen.

Zu 15 Prozent zählen entweder die geistigen und kommunikativen Fähigkeiten oder psychische Probleme.

Alltagsleben und soziale Kontakte betrachtet den Tagesablauf (15 Prozent).

Mobilität (10 Prozent).

Was das praktisch bedeutet, zeigen zwei Beispiele. Otto Krämer leidet seit Jahren unter Bluthochdruck. Vor einigen Monaten erlitt er einen Schlaganfall, von dem eine halbseitige Lähmung insbesondere im Bein geblieben ist. Der 75-Jährige lebt mit seiner rüstigen Ehefrau in einer Etagenwohnung im ersten Stock. Seine Mobilität ist beeinträchtigt: Sie muss ihm insbesondere beim Treppensteigen helfen. Dagegen zeigt er keine Symptome von Demenz oder anderen geistigen Schwächen. Er braucht aber im Alltag einige Hilfen, etwa beim Waschen und Duschen oder beim Umgang mit Messer und Gabel. Daher bekommt er bei der Selbständigkeit relativ viele Punkte. Die Medikamente muss ihm seine Frau richten, er nimmt sie aber selbständig ein. Im Alltagsleben benötigt er nur Hilfe beim Aufstehen und zu Bett gehen. Unterm Strich erhält er Pflegegrad 2. Nach dem alten System wäre er in Pflegestufe 1 gekommen.

Demenz mehr berücksichtigt

Wie eine Demenzerkrankung berücksichtigt wird, zeigt das Beispiel der Witwe Hildegard Müller, die seit zwei Jahren alleine in ihrer Wohnung lebt. Allerdings wohnen ihre beiden Kinder im gleichen Haus und helfen ihr. Die 72-Jährige ist für ihr Alter bei guter Gesundheit, doch ist eine beginnende Demenz zu bemerken. So versteht sie nur noch einfache Aussagen und Fragen. Sie hat keine Probleme bei der Beweglichkeit. Aber sie vergisst häufig kurz zurückliegende Ereignisse. In der eigenen Wohnung kann sie sich noch gut orientieren, doch außerhalb fällt ihr das oft schwer.

Noch stärker wird berücksichtigt, dass sie gelegentlich Hilfe bei der Körperpflege braucht und Probleme mit Harninkontinenz hat. Daneben benötigt sie Hilfe beim Einnehmen von Medikamenten und Anziehen von Kompressionsstrümpfen. Zudem muss ihre Tochter sie zum Arzt begleiten, den Alltag bewältigt sie nur noch „überwiegend selbstständig“. In Summe ergibt sich der Pflegegrad 3, wenn auch knapp.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.11.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball