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Das Ende der kalten Heizung
Das Kraftwerk soll in den Eigentum der Stadt übergehen. Archivbild
Haugenstein

Das Ende der kalten Heizung

92 Prozent – für die Bewohner der Bildechinger Privatsiedlung ist diese Zahl von immenser Bedeutung. Verträge sind damit genug da: Am Dienstagabend machte der Horber Gemeinderat den Weg frei für den Kraftwerk-Kauf.

27.04.2017
  • Benjamin Breitmaier

Es sah nicht gut aus für die Haugensteiner. Die Kälte machte im Dezember 2016 mehr als 20 Familien zu schaffen. Seit Monaten floss kein warmes Wasser aus ihren Hähnen, die Heizung blieb kalt. Rechtsstreitigkeiten wogten: Hausverwaltung gegen Eigentümer, Eigentümer gegen Kraftwerkbetreiber, hier ein Gutachten, da eine Verfügung – keine Aussicht auf schnelle Besserung. Zu dem Zeitpunkt war sich niemand in der Siedlung sicher, wie es weitergeht, wie man diesen festgefahrenen Karren wieder soweit aus dem kalten Dreck zieht, damit wenigstens die Grundversorgung der Bürger wiederhergestellt ist.

Es war der 15. Dezember, an dem die SÜDWEST PRESSE zum ersten Mal über einen kühnen Plan von Peter Rosenberger berichtete: Die Versorgung soll zurück in kommunale Hände. Entprivatisierung: Der Oberbürgermeister ließ durchsickern, dass er mit dem Gedanken spielt, das umstrittene Fernwärmeheizkraftwerk von Betreiber Andreas Osbelt samt der Solaranlagen auf den Dächern zu kaufen.

Während Rosenberger mit dem Betreiber im Stillen über einen möglichen Kauf verhandelte, ließ er seinen Stadtwerke Chef Eckhardt Huber einen Plan austüfteln, zu welchen Konditionen der Haugenstein mit Stadtwärme versorgt werden könnte. Es stellte sich heraus, dass es für die Eigentümer und Mieter günstiger werden könnte. Huber errechnete pro Gebäude eine Ersparnis von bis zu 1700 Euro im Jahr. Für die Umsetzung des Plans nimmt die Stadtverwaltung hohe Summen an Geld in die Hand. Mit einer dreiviertel Millionen Euro soll das marode Leitungsnetz saniert werden. Ein Blockheizkraftwerk sei ebenso in Planung, damit auch Strom von den Stadtwerken fließen könnte.

Die Signale aus Richtung des bisherigen Kraftwerkbetreibers sahen positiv aus. Osbelt hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein großes Interesse daran, das Konvolut aus wütenden Kunden und Rechtsstreitigkeiten hinter sich zu lassen. Vor allem nachdem das Horber Amtsgericht noch im vergangenen Jahr bestätigte, dass die Hausverwaltungsgesellschaft Engelmayr, mit der er auch bei anderen Projekten zusammenarbeitete, gravierende Fehler in einigen Abrechnungen gemacht hatte.

750000 Euro plus die Kosten für die Kraftwerkübernahme, die durch die rentablen Solaranlagen auf den Dächern der mehr als 30 Gebäude nicht ganz billig sein dürfte: So hohe Summen an kommunalen Mitteln ohne Diskussion durch den Gemeinderat zu schleusen, ist bei anderen Themen nicht einfach. Doch das Gremium zog von Anfang an mit. Kritische Töne gab es nur, wenn von der Angst die Rede war, der Haugenstein könnte ein Kostenfass ohne Boden werden.

Rosenberger gab die Vorgabe: 90 Prozent der Eigentümer müssen bei dem Plan mitmachen, ansonsten muss die Angelegenheit den Gerichten überlassen werden.

Den ersten Rückschlag gab es Ende März: Trotz Infoveranstaltungen und Werbung für die Sache erklärten sich nur 60 Prozent der Eigentümer bereit, einen Vorvertrag mit den Stadtwerken zu unterzeichnen. Rosenberger erklärte sich die enttäuschende Zahl mit der hohen Skepsis der Haugensteiner gegenüber Verträgen, nach den schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Einige Fragen standen noch offen. Eckhardt Huber startete eine Kommunikationsoffensive. Der OB gab den Eigentümern weitere drei Wochen Zeit. Danach hätte er die Kaufpläne nach eigener Aussage nicht mehr verfolgt.

In nichtöffentlicher Sitzung am Dienstagabend gab es dann die erlösende Nachricht: Die 90-Prozent-Marke wurde geknackt. „Der Gemeinderat hat mich beauftragt, einen Kaufvertrag abzuschließen. Wir werden jetzt in den nächsten Tagen mit Herrn Osbelt tiefer in die Verhandlungen einsteigen“, erklärt Rosenberger im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. In seiner Stimme liegt Erleichterung. Zwar muss der Vertrag noch einmal durch die Prüfung des Gremiums, der finale Segen ist jedoch eher Formalität. Zum Kaufpreis gibt sich Rosenberger aufgrund der Privatwirtschaftlichkeit bedeckt. Von 121 Teileigentümern hätten 114 den Vorvertrag mit den Stadtwerken Horb unterschrieben. „Wir sind zuversichtlich, dass wir das jetzt gemeinsam schaffen können“, betont Rosenberger. Mit den restlichen sieben Eigentümern will er weiterhin das Gespräch suchen.

An der Stelle will Rosenberger ein „riesen Lob“ für seinen Stadtwerke-Chef loswerden. Huber hätte sich mit einem großen Ausmaß an Geduld jeder Frage gestellt und Ruhe durch Fakten in die Angelegenheit gebracht.

In vier Wochen will Rosenberger den Vertrag mit Osbelt den Räten präsentieren: „Dann legen wir einen Übergabetag fest, ab dem wird dann um 24 Uhr der Hebel von der einen auf die andere Seite umgelegt. Ab dann garantieren wir, dass jeder Warmwasser hat. Ich gehe davon aus, dass das sehr schnell geht.“ Was nicht so schnell gehen wird, ist die Sanierung des Nahwärmenetzes. Die Verlegung von neuen Leitungen muss erst ausgeschrieben werden. Doch wenigstens wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Haugenstein bald niemand mehr frieren.

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27.04.2017, 01:00 Uhr

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