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Tanzdemo zur Hausbesetzung als Auftakt zum 40-Stunden-Fest

Das Epplehaus wird 40

Vor 40 Jahren besetzten Jugendliche ein altes Haus in der Karlstraße und machten es zu ihrem Haus. Entstanden ist daraus das Jugendzentrum Epple. Am kommenden Wochenende werden diese 40 Jahre mit einem 40-stündigen Fest gefeiert.

18.06.2012
  • Sabine Lohr

Tübingen. „Die Stimmung war nervös und aufgeheizt, allen war klar, heute Abend passiert noch was“, erinnert sich Jürgen Hempel an den 24. Juni 1972. Er war damals 21 Jahre alt und einer der vielen, die an diesem Abend in der Mensa beim Konzert der Berliner Szene-Gruppe „Ton Steine Scherben“ war. Dieses Konzert war mehr als Musik: Es war der Ausgangspunkt einer Hausbesetzung.

„Man wusste, dass wir ein Haus besetzen werden, aber nur ein ganz kleiner Kreis wusste, welches“, sagt Hempel. Die Polizei war auf eine falsche Fährte gelockt worden und stand auf dem Gelände des Chemischen Instituts bereit, auf dem heutigen Schiebeparkplatz. Doch der Marsch der Jugendlichen ging dann in die entgegengesetzte Richtung, in die Karl-straße.

Dort hatten sich einige das Haus Nummer 13 ausgeguckt. „Ein großes Haus mit vielen Zimmern, aber ohne Saal“, sagt Hempel. Jemand hatte einen Schlüssel und schloss ab, nachdem die Jugendlichen im Haus waren. Die Polizei forderte sie zwar auf, das Gebäude zu räumen, unternahm aber nichts gegen die Hausbesetzung.

Von diesem Tag an war die Karl straße 13 ein Jugendhaus mit wechselvoller Geschichte. Heute ist das bunt bemalte Haus eins der auffälligsten in Tübingens Innenstadt und immer noch Jugendhaus.

Am kommenden Wochenende feiern die heutigen Nutzer zusammen mit den damaligen Hausbesetzern, früheren Besuchern und mit allen, die Lust haben, diesen Geburtstag. „40 Jahre, 40 Stunden“ ist das Motto der großen Dauerparty. Sie beginnt am Freitag, 22. Juni, an der Mensa Wilhelmstraße, dem Ausgangspunkt der Hausbesetzung von 1972. Von dort aus wird es um 18 Uhr eine Tanzdemo zum Epplehaus geben, mit buntem Soundprogramm und Redebeiträgen für selbstverwaltete Freiräume. Die haben die Jugendlichen damals eingefordert – und heute gibt es sie noch im Epplehaus.

Nach der Tanzdemo (gegen 20 Uhr) ist vor dem Epplehaus ein Open-Air-Konzert mit der Electro-Punk-Band „Egotronic“. „Sie feiern links und sagen nicht nur, was sie ankotzt, sondern machen auch was dagegen und das Beste draus“, kündigen die Veranstalter die Band an. Danach geht’s im Haus weiter: Im Saal und im Keller spielen von 21 Uhr an diverse Bands durch die Nacht. Mit dabei sind unter anderem Lost Rivers, I-Quality, Felix Berger, Käpt’n Abenteuermäßig, Flashtest Dummys und Shiva Mandra.

Bis die letzte Band auftritt, ist es schon längst Samstag geworden. Zunächst gibt es also mal Frühstück für alle, und dann geht’s weiter mit einer Menge Bands im Jugendhaus und auf dem Open-Air-Gelände (von 15 Uhr an). Das ist, anders als ursprünglich geplant, nicht auf der Straße vorm Epplehaus, sondern auf dem Gelände hinter der Bauruine an der Blauen Brücke.

Protest-Songs aus 40 Jahren

Zusammen stemmen rund 40 Acts auf vier Bühnen das „40 Jahre, 40 Stunden“-Fest. Fast alle Musiker sind in den vergangenen Jahren schon im Epplehaus aufgetreten. Und auch für die Besetzer von 1972 ist was dabei. Am Freitag läuft im Keller „der Soundtrack zum Jubiläum“: Protest-Songs aus den vergangenen 40 Jahren. Mit dabei: Ton Steine Scherben.

Wie das damals war bei der Besetzung und in all den Jahren danach, zeigt eine Foto-Ausstellung, die am Donnerstag um 19 Uhr im Jugendmediencafé im Epplehaus eröffnet wird. Da gibt es Bilder vom Frauencafé und von der alten Teestube, von Festen, von Rockern und Punks, von Jugendlichen, die im „Epple“ einen Raum gefunden haben, um sich auszuprobieren. Für die Stadt war das Haus eine Zeit lang auch „eine Art kontrollierter Unruheherd“, schreibt die Ausstellungsgruppe. „Angehörige missliebiger Randgruppen wurden von ihm angezogen und auch dorthin abgeschoben.“ Auch das ist in der Ausstellung zu sehen.

Das Epplehaus wird 40
Bunt von außen wie innen: Das Epplehaus in der Karlstraße. Vor 40 Jahren besetzten Jugendliche das Haus, am Wochenende wird der Jahrestag groß gefeiert.

Jürgen Hempel war nicht nur bei der Hausbesetzung am 24. Juni 1972 dabei, sondern 15 Jahre lang auch einer derjenigen, die sich stark im und für das Jugendzentrum Epple engagierten. Nach ihnen kamen andere, die aus dem Epplehaus das machten, was es heute ist: ein selbstverwaltetes Jugendhaus (was es allerdings nicht immer war). Über die Geschichte des Tübinger Jugendzentrums in der Karlstraße von der Besetzung bis heute berichtet das TAGBLATT in den kommenden Wochen in ein einer kleinen Artikelserie. Außerdem planen wir eine Gesprächsrunde im Epplehaus – mit Epplehaus-Besuchern und Aktivisten von früher und heute – zum Thema Selbstverwaltung. Der Termin dafür steht bisher noch nicht fest.

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18.06.2012, 12:00 Uhr

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