Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Das Erckenbrechtsche Haus am Markt soll verkauft werden
Praktisches Detail: Ein Einbauschränkchen zwischen den Fenstern im wandvertäferten Wohnraum.
Mit Hoftor und Madonnen-Nische

Das Erckenbrechtsche Haus am Markt soll verkauft werden

Das Adelshaus Marktplatz 8, nordwestlich vom Dom, ist ein echtes Unikat und hat eine lange Geschichte: Zwei Vorgängergebäude wurden Opfer der Stadtbrände von 1644 und 1735. Der danach errichtete Barockbau hat eine der schönsten Fassaden der Bischofsstadt. Jetzt soll das Baudenkmal verkauft werden.

01.09.2010
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg. Mit seinem Verputz in zartem Rosa, mit Weinkeller, historischem Kauflädle, Haustür-Oberlicht und Toreinfahrt samt uraltem Kopfsteinpflaster, vor allem aber mit der barocken Madonnen-Nische ist das Haus ein echter Hingucker - für Rottenburger ebenso wie für Besucher von nah und fern. Keinerlei hässliche Einbauten stören die Harmonie der Fassade – eine architektonische Augenweide mit Seltenheitswert.

Benannt ist das Gebäude nach dem um 1554 geborenen und 1633 gestorbenen Dietrich Erckenbrecht. Er war ein Sohn des „Stiftskellers“ Jörg Erckenbrecht (von dem noch Nachkommen leben) und heiratete am 17. September 1583, in erster Ehe, die Rottenburgerin Kreszentia Schertlin. Für die Hochzeitsfeier wurde ihm eigens „silber-vergoldetes Trinkgeschirr“ zugestellt. Am 15. August 1586 bat Erckenbrecht „Ewer Romisch Keyserl. Mayestät als dem höchsten haubt der Christenheit“, Kaiser Rudolf II, um die Verleihung „der adelichen Freiheiten“.

Im Adelsbrief ist auch die „Wappenbesserung“ beschrieben: Gekrönter Helm, zweifeldriger „Schildt mit gelbem zwigadigem Thurm, offener Thür, hülzenem Bundwerf und rotem Tach“, daneben, im silber-roten Feld „ein blawes Pflug Eysen“. Fortan nannte sich Dietrich „Erckenbrecht von Sinshaimb“ und wurde „praefectus aulae“ (Hofmeister) im Dienste des Kardinals Andreas von Österreich (Sohn des Erzherzogs Ferdinand und der Philippine Welser). Zuletzt war er Obervogt auf der Reichenau, fern seiner Rottenburger „Behausung“.

Das „Erckenbrechtsche Haus“ stand schon im Königreich Württemberg unter Denkmalschutz und ist heute als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ eingestuft: Dabei geht es um die Identität des Hauses als historisches Zeugnis. Ein „Ausbeinen“ des Bauwerks kommt nicht in Frage: Grundrisse und Raumstrukturen müssen ebenso erhalten bleiben wie die „Innereien“.

Rocaillen in Rokoko-Manier

So ist etwa die Südwest-Stube in der Beletage geschmückt mit einer kostbaren Stuckdecke (Rocaillen in Rokoko-Manier), mit Wandvertäferung und handgeschmiedeten Barock-Beschlägen an der Zimmertür. In die Außenmauer ist zwischen den Fenstern, als „Geheimfach“, ein Wandschränkchen eingebaut. „Das kenn ich noch vom Fräule Franziska, die früher hier gewohnt hat“ erinnert sich Josef Joos, der in der benachbarten Bäckerei und Weinwirtschaft „Domstüble (Joosebeck)“ aufwuchs.

Der „Kniestock“ über dem Kellereingang (in den nach dem Zweiten Weltkrieg ein französischer Panzer hineindonnerte) ist zu einer großen Stube mit Küche ausgebaut, vom Flur führt eine Tür hinunter in den klitzekleinen Kaufladen. In der Küche des zweiten Obergeschosses ist unter abgeplatztem Putz eine vorbildlich ausgeriegelte Fachwerk-Zwischenwand mit Flechtwerk und Lehmwickeln zu sehen.

Wie die Wiedlöcher einiger Balken zeigen, wurde der dreigeschossige Dachstuhl einst aus Floßholz errichtet, und die zahlreichen Hopfenrahmen erinnern ebenso an Rottenburgs Blütezeit des Grünen Goldes wie die typischen schmalen Dachgauben. An der Außenseite zum Hof befindet sich eine hölzerne Galerie – mit wenigen horizontal angebrachten Stangen gesichert wie einst die Laubengänge der Gerberhäuser am Mühlgraben.

Tatsächlich lebten vor zwei Jahrhunderten in der über einen tiefen Hausbrunnen, Scheuer und Stall verfügenden Behausung „Nr. 68 an der Strasse“ zeitgleich ein Rot- und ein Weißgerber: Anton Holzherr und Joseph Wiech, später Tuchmacher Augustin Holzherr und Glaser Eberhard Wiedmaier. Der Wiechsche Anteil gab einst „jährlich auf Martini zur Lorenzkaplanei Hellerzinß 18 Kreuzer“. Nach der Jahrhundertwende waren unter anderen Metzger Xaver Holzherr und Küfer Michael Wollensak Eigentümer des Hauses Marktplatz 8.

Für die Stadt Rottenburg als Untere Denkmalschutz-Behörde ist das Erckenbrechtsche Haus ein „prägendes Gebäude und neben seiner denkmalschutzrechtlichen Qualität auch aus städtebaulicher Sicht besonders erhaltenswert für das Stadtbild von Rottenburg“, wie Gabriele Klein vom Stadtplanungsamt betont. Anne-Christin Schöne, zuständige Gebietsreferentin beim Regierungspräsidium Tübingen Abteilung Denkmalpflege, weist bezüglich dieses Bau-Kleinods darauf hin, dass Eigentümer Anspruch haben auf Hilfe und Beratung durch die Denkmalpflege und dass für – wohlgemerkt denkmalgerechte – Reparaturen und Restaurierungen Zuschüsse beantragt werden können.

Das Erckenbrechtsche Haus am Markt soll verkauft werden
Rottenburg in Rosa: Das Erckenbrecht’sche Haus vis-a-vis vom Dom. Rechts daneben das Nachbarhaus mit dem ehemaligen „Domstüble“.Bilder: Kuttler-Merz

Das Erckenbrechtsche Haus am Markt soll verkauft werden
Ganz dem Dom zugewandt: Madonna an der Fassade zur Königstraße.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.09.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball