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„Das Erinnern stört“
Christoph Hein: „Nichts wäre langweiliger, als sich zu wiederholen.“ Foto: Ullstein Bild
Literatur

„Das Erinnern stört“

Der Autor Christoph Hein spricht über seinen neuen Jahrhundertroman „Trutz“, das Schreiben und Alterseinsichten.

08.04.2017
  • WELF GROMBACHER

Christoph Hein (72) erzählt in seinem neuen Roman „Trutz“ die Geschichte des Archivars Maykl Trutz, dessen Vater als Schriftsteller vor den Nazis fliehen musste und als Deutscher in der Sowjetunion im Arbeitslager ums Leben kam. Im Moskauer Exil lernt Maykl als Kind den Mnemotechniker und Gedächtnisforscher Waldemar Geijm kennen, der ihn mit seinem eigenen Sohn unterrichtet und später ebenfalls im Lager stirbt. Nach dem Ende des Kalten Krieges treffen die zwei Söhne sich wieder. Beide konnten ein Leben lang dem Schatten ihrer Väter nicht entfliehen und litten unter Repressionen. Wie schon „Glückskind mit Vater“ (2016) erneut ein großer Jahrhundertroman, der den Leser betroffen zurücklässt.

„Die Welt dreht sich, alles wiederholt sich“, haben Sie Ihrem Wang im Theaterstück „Die wahre Geschichte des Ah Q“ (1983) in den Mund gelegt. Trotzdem, Herr Hein, haben Sie beim Schreiben Ihres Romanes, der die Willkür in totalitären Systemen thematisiert, geglaubt, dass das Buch durch Erdogan und Trump so aktuell sein würde?

Christoph Hein: Das Erinnern war und bleibt aktuell und es stört, denn das genaue, nicht zu beeinflussende Gedächtnis war und bleibt ein Ärgernis.

Ihrem letzten Roman „Glückskind mit Vater“ (2016) haben Sie vorangestellt, dass ihm authentische Vorkommnisse zugrunde liegen, die Personen nicht frei erfunden seien. Wie verhält sich das beim aktuellen Roman?

Die Personen, die Geschichte und die Geschichten sind – nicht völlig frei – erfunden. Danach aber habe ich alles gründlich, sehr gründlich recherchiert.

Wie lang haben Sie an dem Buch gearbeitet, was waren die größten Probleme?

Ich hatte eine längere Zeit für diesen Roman aufzuwenden, und das größte Problem dabei waren wieder einmal allzu sorgsam verschlossene Archive.

In Russland hat die Aufarbeitung der Stalin-Verbrechen nicht stattgefunden. Welche Erfahrung haben Sie gemacht?

Dass in Russland zur Stalin-Zeit nicht gearbeitet wird, kann ich nicht bestätigen, auch in diesem Land arbeiten Autoren und Historiker über diese Periode. Der Blick von außen aber ist zwangsläufig ein anderer als der im Land.

Bei uns gibt es derzeit viele Bücher, die sich mit Stalin auseinandersetzen – aber nicht von russischen Autoren. Ismail Kadares „Dämmerung der Steppengötter“ wurde wiederentdeckt, Julian Barnes hat einen exzellenten Roman über Dmitri Schostakowitsch geschrieben, Riikka Pelo, Owen Matthews . . . hat Stalin Hochkonjunktur?

Keine Ahnung. Ich habe nicht über Stalin geschrieben, nur über Erinnern, Gedächtnis und Mnemonik. Es ist die Geschichte von zwei Familien über fast hundert Jahre, über das letzte Jahrhundert, das freilich von Stalin und Hitler – und weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus – heftig geprägt wurde.

Sie spannen den Bogen weiter, schreiben über Unrecht im Dritten Reich, in der DDR, im vereinten Deutschland. Wird es nie eine bessere Welt geben?

Die Hoffnung auf eine bessere Welt bleibt. Es mag eine Utopie sein, aber es ist eine für uns lebensnotwendige.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Viele lehnen diesen Terminus ab.

Die DDR war ganz gewiss kein Rechtsstaat. Allerdings einen wirklichen Rechtsstaat werden wir wohl erst im Himmel erleben.

„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, sagt Ihr Maykl fatalistisch am Ende des Romanes. Sie schreiben gegen das Vergessen an?

Nein, das sagt Maykl Trutz nicht, er zitiert lediglich eine Operettentext, der im Grunde gegen sein ganzes Leben, gegen seine Haltung und gegen seinen Beruf steht. Er zitiert ihn verbittert und unglücklich, weil er sich gescheitert sieht und die Operettenseligkeit scheinbar wieder einmal gewonnen hat.

Ihre letzten Romane vermitteln den Eindruck, als würden Sie sich selbst als Schriftsteller immer weiter zurücknehmen und ganz den Geschichten vertrauen. Ist das eine Einsicht des Alters? Nicht zu viel zu wollen?

Der hoch verehrte Kollege Flaubert sagte, als Autor müsse man wie Gott sein: überall anwesend und nirgends sichtbar. Das trifft auf den Autor zu wie auf den Chronisten und Historiker, wie auch auf jeden Naturwissenschaftler und Mathematiker. Und manchmal gelingt es.

Welches Ihrer Bücher ist Ihnen selbst am wichtigsten?

Das, mit dem ich gerade beschäftigt bin.

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie noch mal beginnen könnten?

Das will ich doch hoffen, denn nichts wäre langweiliger, als sich zu wiederholen.

Ihr Sohn Jakob ist auch Schriftsteller. Spricht man ihn auf seinen Vater an, geht er ganz souverän damit um, man merkt, dass er kein Problem damit hat. Einen Vater-Sohn-Konflikt scheint es bei Ihnen zu Hause nicht gegeben zu haben.

Das haben Sie korrekt wahrgenommen.

Geben Sie sich als Schriftsteller gegenseitig Tipps?

Wir sprechen eher über seine Kinder, meine Enkel, und über Gott und die Welt. Und ab und zu tauschen wir Rezepte aus, jedoch nur Küchenrezepte.

Woran schreiben Sie gerade?

Das ist eine alte, eine alte und zu häufige Frage an Autoren. Erlauben Sie mir daher, die Frage, woran ich derzeit arbeite, mit einer älteren Auskunft zu beantworten: an meinem nächsten Irrtum.

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08.04.2017, 06:00 Uhr

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