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Elbphilharmonie

Das Feuer der Begeisterung

Endlich Musik! Thomas Hengelbrock eröffnet mit seinem Orchester das spektakuläre neue Hamburger Konzerthaus. Der Große Saal erfüllt die hohen Erwartungen.

13.01.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Hamburg. Leonard Bernstein soll anno 1985 nach seinem ersten Konzert im neuen Münchner Gasteig die nicht so schönen Worte „Burn it!“ ins Gästebuch geschrieben haben. Niedergebrannt hat den Konzertsaal mit seiner zweifelhaften Akustik niemand, aber jetzt wollen sie einen neuen bauen. Denn Weltklasse-Orchester haben sie in der bayerischen Landeshauptstadt. In Hamburg sieht die Lage ungefähr umgekehrt aus. Dort ist jetzt feierlich, mit den hohen politischen Vertretern der in den Reden viel beschworenen Kulturnation Deutschland, von Bundespräsident Joachim Gauck an abwärts, die Elbphilharmonie eröffnet worden: ein großartiger Bau.

Und die Akustik? Aufs erste Hören gesagt von Etage 15, Bereich Q, Reihe 1, Platz 7 aus, auf halber Höhe mit seitlichem Blick auf den Dirigenten und das Orchester: sehr gut. Ein kompakter Klang, direkt, aber fast ohne Nachhall, äußerst transparent, jedoch nicht unbedingt warm. Natürlich kommt's trotzdem auf die Musik und die Musiker an. Ein farbenvolles Klang-Spektakel wie Olivier Messiaens „Turangalila-Sinfonie“ für Riesenensemble tönte spektakulär. Wunderbar auch, wie der Countertenor Philippe Jaroussky, begleitet nur von der Harfenistin Margaret Köll, vom Seitenrang mit frühbarocken Arien den Saal betörte.

Arena der Musik

Die Elbphilharmonie ist eine Arena der Musik im weiß-archaischen Tropfsteinhöhlen-Look – was man sportlich formulieren darf bei den fußballbegeisterten Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die schon Stadien gebaut haben, die Münchner Allianz Arena und den St.-Jakob-Park in Basel. Die Klassik-Fans sitzen auf teils steilen Tribünen nah am Spielfeld. Das ist ebenso ein Schau-Erlebnis. Und ausgelassenen Jubel, ja, den gab's auch, als nach vier Stunden, nach Festakt und anschließendem Konzert, der „Götterfunke“ gegen elf endgültig übersprang aufs Publikum, mit dem Schlusschor aus Beethovens 9. Sinfonie.

„Freue dich Hamburg!“, der Bundespräsident zeigte sich des Lobes voll, verschonte die Hanseaten aber auch nicht mit Frotzeleien. So viel gelesen habe er von den Sorgenkindern, dem HSV und St. Pauli: „Aber jetzt ist Elphi aufgewacht.“ Das hat freilich gedauert, zehn Jahre, begleitet von Planungschaos, Politikerversagen, Baustellendesaster und einer Kostenexplosion.

„Seid umschlungen, Millionen!“, heißt es in Schillers „Ode an die Freude“, was jetzt in der Elbphilharmonie einen ganz speziellen Klang entfaltete: Pekuniär sind es fast 800 Millionen Euro für den Steuerzahler, was Gauck als Auftrag und Verpflichtung sah, neue Zuhörer zu gewinnen, noch mehr Menschen für die klassische Musik zu euphorisieren.

Die Hamburger selbst sind nur noch stolz auf ihr neues Wahrzeichen, alle Kakophonien sind vergessen, und das hauseigene „Elbphilharmonie Magazin“ bringt es ironisch auf den Punkt: „Wir haben fertig. Kleiner Trost für den HSV: Keine Baustelle dauert ewig.“ Dazu werden die Köpfe der 16 Trainer des Fußball-Bundesligisten seit 2007, seit Grundsteinlegung der Elbphilharmonie, aufgelistet . . . Eröffnungsgast Günter Netzer wird darüber geschmunzelt haben.

Während der legendäre „Lenny“ einst den Gasteig abfackeln wollte, verkündete Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz: „Das Feuer brennt!“ Das Feuer der Begeisterung. Mit Beethovens Ouvertüre „Die Geschöpfe des Prometheus“ fing der Festakt an: mit einem Werk über jenen Titanen, der den Menschen das Feuer brachte, der für den Fortschritt steht und technische Herausforderung. Willkommen also in der Elbphilharmonie, „im Herzen der Musikstadt Hamburg“.

Im 19. Jahrhundert hatte Heinrich Heine noch gelästert: „Huren genug, aber keine Musen.“ Na ja, immerhin hatte in Hamburg 1678 am Gänsemarkt das erste bürgerliche Opernhaus in Deutschland aufgemacht, der junge Georg Friedrich Händel saß dort als Cembalist im Graben. Fast ein halbes Jahrhundert war Barockmeister Georg Friedrich Telemann „Director Musices“ und Kantor der Hauptkirchen. Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms wurden in der Hansestadt geboren, zogen aber freilich weg und machten andern-

orts Karriere. Gustav Mahler war sechs Jahre Kapellmeister am Stadttheater . . .

Das ist Musikgeschichte, aber ein Weltklasseorchester wie etwa die Berliner haben sie nicht. Die neue Elbphilharmonie kann freilich für Motivation sorgen: Ein Rundfunkorchester bespielt vor allem das neue Haus, das NDR Elbphilharmonie Orchester (NEO) unter seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock. Der tüftelte ein feines Programm aus: selbstverständlich mit Mendelssohn (Ouvertüre zu „Ruy Blas“) und Brahms (Finale aus der 2. Sinfonie) zum Festakt, dann im Eröffnungskonzert eine Klang-Erkundung des Großen Saals unter dem Motto „Zum Raum wird die Zeit“, mit Werken aus vier Jahrhunderten. Von der Motette „Quam pulchra es“ des Hamburger Komponisten Jacob Praetorius (1606) bis zur Uraufführung eines Auftragswerks von Wolfgang Rihm, „Reminiszenz – Triptychon und Spruch in Memoriam Hans Henny Jahnn“ mit dem Tenor Pavol Breslik: wirklich kein „Einweihungstusch“, sondern ein bewegendes Memento der klassischen Moderne.

Mit Konditionsschwächen

Hengelbrock ist ein Dirigent, der sein Orchester mitreißen kann, der akribisch die Partitur liest als Spezialist der historischen Aufführungspraxis. Die Klang-Magie ist nicht so seine Sache, und beim Vorspiel zu Richard Wagners „Parsifal“ offenbarte die NDR Elbphilharmonie auch ziemliche Konditionsschwächen.

Wie das Klassisch-Romantische wirklich aufblühen kann in diesem Großen Saal mit einer Akustik, die alles abbildet, auch deutlich jeden Huster im Publikum, muss ein Weltklasseorchester austesten, das auch mit deutlich stärkerer Streicherbesetzung antritt. Man ist da jetzt, um im Bild zu bleiben, ganz Feuer und Flamme, will alles hören in dieser Elbphilharmonie.

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13.01.2017, 06:00 Uhr

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