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Die grüne Hölle rockt weiter

Das Französische Viertel feiert ein absolut unspießiges Fest

Live-Musik erfüllt die Straßen, Kinder toben umher, verschiedenste Menschen kommen zusammen, trommeln, tanzen, basteln und essen – mit dieser Beschreibung kann nur das Französische-Viertel-Fest gemeint sein. Am Samstag war es zum vierten Mal so weit.

06.07.2014
  • Fabian Renz

Tübingen. „Die grüne Hölle rocks“ – auch drei Jahre nachdem das Französische Viertel im „Spiegel“ als „grüne Hölle“ voller „Öko-Spießer“ bezeichnet wurde, bleiben die Veranstalter des Viertelfests bei ihrem selbstironischen Motto. „Man muss auch über sich selbst lachen können“, findet Uwe Seid aus dem Organisationsteam.

Er und die Scharen von Besuchern des Viertelfests erlebten am Samstag eine elfstündige Straßenparty, die mit Spießigkeit nichts zu tun hatte. Vor allem in den Abendstunden, als das Wetter langsam wieder sommerlich wurde, herrschte im Viertel die Stimmung einer mediterranen Strandpromenade. An allen Ecken spielte Live-Musik, Menschen jedes Alters schlenderten durch die Straßen oder saßen auf dem Boden herum, Kinder spielten, Hunde beschnupperten sich friedlich – einiges davon zeigen die Bilder oben und Mitte rechts.

An einigen Knotenpunkten war besonders viel los: In der Französischen Allee zog eine Feuershow mehr als 300 Zuschauer an (oben links), auf dem Platz des unbekannten Deserteurs, in der Panzerhalle und in der Aixer Straße sorgten Bands für große Menschentrauben.

Am Mittag hätten die Wenigsten auf eine derart lebendige Abendstimmung gewettet: Der ständige Regen hielt da noch die Massen fern, einige Angebote wurden kaum nachgefragt. Für den Auftritt der „Jelly Beans“, der Schulband der Französischen Gemeinschaftsschule, kamen aber auch um 15 Uhr schon an die 100 Zuschauer in die Panzerhalle (unten links). Auch auf den Straßen ließen sich einige vom Regen die gute Laune nicht verderben – und tanzten ihren Walzer trotzig durch das Tröpfeln (unten rechts).

Am späten Nachmittag wurde es endlich trocken – und dabei blieb es bis in die Nacht hinein. Die Schlangen vor den vielen Essensständen wurden nun länger. Vegane Pfannkuchen, afrikanisches Couscous, Bratwurst – das Angebot war so vielfältig wie das Publikum.

Wie man das im Französischen Viertel gewohnt ist, bestand das nämlich aus Menschen unterschiedlicher Einkommensklassen, Hautfarben und Kulturen. Auch für Menschen mit Behinderung ist das Französische Viertel ein beliebter Wohnort – beim Viertelfest wirkten viele von ihnen mit. Die Wohngruppen der LWV-Eingliederungshilfe zum Beispiel mixten Cocktails und boten einen Parcours für Rollstuhlfahrer an. „Für Menschen mit Behinderung ist das Französische Viertel ein guter Wohnort, die Leute hier sind sehr hilfsbereit“, beschied Wiebke Peters von der LWV-Eingliederungshilfe, die neben Seid zu den Planern des Viertelfests gehört.

Insgesamt bestand das Organisationsteam in diesem Jahr nur aus fünf Personen. „Das Viertelfest organisiert sich quasi von selbst“, sagte Seid, der selbst im Zentrum des Französischen Viertels wohnt und die Veranstaltung bereits zum zweiten Mal mitorganisiert hat. Auf einer Online-Plattform konnten Leute ihre Angebote eintragen, fast jedes Geschäft, fast jede Gaststätte und fast jede Einrichtung machten mit, einige auch erst kurzfristig. 33 Angebote kamen letztlich zusammen. „Ich weiß bei einigen kleinen Ständen selbst nicht, wer das macht“, gab Seid zu.

Einer dieser kleinen Stände war der von Raphael Missel. Der Endzwanziger wohnt seit ein paar Monaten im Viertel und nutzte das Fest, um sein „Schnapslmus“ unter die Leute zu bringen. Mit seiner Schwester Nicola und einer Freundin kam er beim Genuss von Waffeln mit Apfelmus und Schnaps auf die Idee, Mirabellenschnaps und Apfelmus zu mischen. Von dem Ergebnis sind sie mehr als überzeugt: „Das wird der Hit des Sommers!“ Bei den Viertelfest-Besuchern kam die Kreation auch gut an, mehr als 100 Gläser verkaufte Missel.

Die Festbesucher konnten am Samstag jedoch nicht nur essen, Musik hören und flanieren. Auch zum Mitmachen gab es zahlreiche Angebote. So durfte, wer wollte, in einem der fürs Viertel so typischen Innenhöfe aus seiner Lieblingsgeschichte vorlesen, sich im Namasté Yoga Studio am Yoga versuchen oder in der Praxis von Wolfgang Raiser Samba lernen.

Im Werkstadthaus bastelten Kinder kleine Holzboote, die Tübinger Hawks waren mit einem Schlagtunnel vertreten und die Walter Tigers mit einem Basketballkorb. „Man weiß gar nicht, wo man zuerst hingehen soll und ob man wirklich schon alles gesehen hat“, sagte ein Pärchen, das eigentlich in der Innenstadt wohnt, sich aber von der guten Stimmung gerne in den Süden Tübingens locken ließ.

Bei all dem Trubel brauchte es auch Rückzugsräume. Für die Mütter des kinderreichen Viertels war da besonders die Naturheilpraxis von Hedwig von Drost zu Vischering geeignet, als ein „Platz zum Wickeln, Stillen und Ruhen“. Für die Väter bot sich unter anderem die Wiese neben dem Quartier an: Am Abend liefen dort im Public Viewing beide WM-Spiele. So war wirklich für alle was dabei.

In diesem mediterranen Flair ging die große Party bis in die Nacht hinein, viele Kinder durften an diesem besonderen Tag länger aufbleiben. Die Veranstalter zeigten sich am Ende zufrieden mit dem Besuch – in zwei Jahren soll das Viertelfest auf jeden Fall wieder steigen. „Dann brauchen wir aber mehr Organisatoren“, sagte Seid. Die grüne Hölle rockt immer weiter.

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06.07.2014, 12:00 Uhr

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