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Ein Haus für alle Fälle

Das Gasthaus Bahnhof ist hundert Jahre alt geworden

GOMARINGEN (jon). Die Namensgebung bereitete einst keine Probleme. Der gebürtige Gomaringer Johannes Baumann und seine Frau Katharina konnten im Jahre 1903 gar nicht anders, als ihr neues Gasthaus „Bahnhof“ zu nennen. Ein Jahr zuvor war die Bahn-Nebenstrecke von Gönningen nach Reutlingen eröffnet worden, das Haus stand genau am richtigen Fleck, um in den Genuss des wirtschaftlichen Aufschwungs zu kommen. Gretel und Helmut Pflumm führen in der dritten Generation den Familienbetrieb weiter. Am Mittwochabend beging man das hundertjährige Jubiläum mit Sektempfang und Festakt, am kommenden Wochenende wird bei einem Straßenfest in großem Rahmen gefeiert.

27.06.2003

Die Gönninger Samenhändler haben sich mit der „Somaschell“ große Verdienste auch um Gomaringen und seine Kneipenkultur erworben. Und das Ehepaar Baumann hatte ein Gespür für die Entwicklungen in der Gemeinde, zu denen auch die Aktivitäten des Fabrikanten Gotthold Kindler beitrugen. Im „Bahnhof“ bekamen nun die vielen Pendler feierabendliches Bier und Viertele, dazu den „Vierling Schinkenwurst“. Bis heute hat die Gaststätte einen guten Ruf für „Gastlichkeit in familiärem Rahmen.“

Genau „deshalb wollen wir den Gründern dankbar sein!“ Nach dem Zweiten Weltkrieg führte der Sohn Hans Baumann führte mit seiner Frau Martha den Laden weiter. Als er 1964 ein Jahr nach seinem Vater starb, trat notgedrungen eine „Weiberwirtschaft“ die Herrschaft hinter der Theke und in der Küche an, bestehend aus der Witwe und deren Schwägerinnen Frieda Nill und Gertrud Baumann.

Wirtin Gretel ist in den Betrieb hin eingewachsen, als sie Helmut Pflumm heiratete, sattelte dieser, ursprünglich Mechaniker, auf Koch um. Die Küche, sagt er, ist „gutbürgerlich und ein bisschen mehr.“ In der Anfangszeit hat er noch ein paar Jahre selbst Schnaps gebrannt, der Tradition folgend. Die Einrichtung der Holzofenbrennerei hat man mittlerweile dem Geschichtsverein geschenkt, mitsamt der Brennblase, die mit der Zusicherung, sie zukünftig nur zu Schauzwecken zu verwenden, vor dem Hammer des Zollamtes gerettet werden konnte. Mehrfach wurde das Gebäude erweitert und umgebaut, wobei man auf modischen Schnickschnack verzichtete. Der Treppenaufgang war über viele Jahre hinweg Hintergrund für zahlreiche Erinnerungsbilder von Vereinsfesten und Familienfeiern.

Um die 30 Personen kümmern sich auf vielfältige Weise um das Wohlergehen der Gäste. Älteste Mitarbeiterin ist Oma Maria, die Mutter Pflumms, die „unsere Schürzen flickt und für den Sonntag Kuchen backt.“ Zu tun gibt es genug, viele Familien halten im „Bahnhof“ kleinere und größere Feierlichkeiten ab. Manche Gomaringer übrigens, die hier ihre „Hauzet“ mit „Gugelhupf und Kranz“ festlich begingen, haben an nämlichem Ort auch die goldene Hochzeit gefeiert. Die vielen Gomaringer Vereine sind oft zu Gast mit Ausschusssitzungen und Generalversammlungen, dazu tagen mehrere Stammtische regelmäßig. Und da ist noch der Partyservice und das Essen auf Räder, die der „Bahnhof“ anbietet. Die Pflumms haben fünf Kinder, die alle in der Gaststätte helfen, aber „einen direkten Nachfolger haben wir bisher nicht“. Aber das findet sich wahrscheinlich. Hundert Jahre „Kontakt mit den Menschen“, das prägt eine Familie.

Fast ein Viertel davon hat Bürgermeister Manfred Schmiderer miterlebt. Im dankbaren Gedenken an „22 Jahre Weizenbier und Wurstsalat“ hielt er am Mittwochabend beim Festakt im großen Saal den „ absolut zuverlässigen Dienstleistern“ die Festrede, sprach vom weitgerühmten Zwiebelrostbraten, der in Stuttgarter Ministerien Gesprächsgegenstand sei. „Das größte Gut dieser Gaststätte sind ihre Menschen“, deshalb sei sie „ein Haus für alle Fälle, von der Wiege bis zur Bahre.“ Schmiderer erinnerte auch daran, dass die „äußeren Geschehnisse“ nicht am Gasthaus vorbeigingen. In den Jahren der Nazidiktatur, als „Linientreue“ die Menschlichkeit ersetzte, hatte bekanntlich Johannes Baumann den jüdischen Arzt Sally Adamsohn mit Essen versorgt. Schmiderer wünschte dem Bahnhof und seinen Leuten, auch im Namen des Gemeinderats, der vollzählig vertreten war, „viele zahlungsfähige und zahlungswillige Gäste“.

Mit Segenswünschen schloss sich Pfarrer Wassermann an, der den „Bahnhof“ als eine Art „verlängerte Kirche“ bezeichnete, in Erinnerung daran, dass er beim Abkündigen nach fröhlichen oder traurigen Anlässen oftmals das Gasthaus als nächsten Treffpunkt anzugeben habe. Und: „Hier ist Kundschaft, die sehe ich bei mir in der Kirche nie.“ Der Bibelspruch, den er den reich mit Geschenken bedachten Pflumms auf den Gabentisch legte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Naturfilmer Karl-Heinz Baumann zeigte den Versammelten einen schönen Film, den er, einfühlsam und humorvoll kommentiert, aus alten Bildern zusammen geschnitten hatte. Grußworte sprachen auch Willi Röhm vom Hotel- und Gaststättenverband und Martin Winkle als Vertreter der Stuttgarter Brauerei Dinkelacker-Schwabenbräu. Stefanie Dalm, eine Tochter der Pflumms, dankte in einer liebevollen Rede ihren Eltern, den Mitarbeitern, den Gästen und schilderte die Beziehungen, die in einer so großen Gaststätte zwischen allen Beteiligten entstehen.

Als „die Drei vom Bahnhofsträßle“ traten die Mitarbeiterinnen Elisabeth Renz, Ellen Baumann und Sonja Weber, mit dem Akkordeon unterstützt von Wolfgang Astfalk, vor das erheiterte Publikum, dass sie hübsch ratschend und fein tratschend über Leben und Treiben in der Gaststätte unterrichteten, von Eckenbrunzern bis zur Fensterflucht später Gäste vor dem herannahenden Landjäger. Wie sie enthüllten, gibt es bei der örtlichen Feuerwehr einen Einsatzplan, der vorsieht, bei einem eventuellen Brand des Hauses zuallererst die Pflummsche Rahmsoße zu retten.

Das Gasthaus Bahnhof ist hundert Jahre alt geworden
Schon der jüdische Arzt und posthum mit Denkmal geehrte Gomaringer Bürger Sally Adamsohn (im Bild zweiter von oben) wurde im Gasthof zum Bahnhof mit Essen versorgt. Das Foto entstand 1918, bei der Konfirmation von Wirtssohn Karl Baumann.

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27.06.2003, 12:00 Uhr

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