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Pfarrerberichte lassen frösteln

Das Heimatbuch reicht bis zum Einzug des Fernsehens

Remmingsheim und Nellingsheim hätten schon vor sechs Jahren ihr 900er-Jubiläum feiern können. Im neuen „Heimatbuch“ der Gemeinde Neustetten stellt Kreisarchivar Wolfgang Sannwald eine entsprechende Urkunde aus dem Jahr 1105 vor. Aber auch über die folgenden Jahrhunderte erfährt man viel Neues.

27.09.2011
  • michael hahn

Neustetten. Rund 2000 Arbeitsstunden hat der Tübinger Kreisarchivar Wolfgang Sannwald für das Heimatbuch aufgewendet. Und je länger er forschte und schrieb, desto mehr faszinierte ihn die Geschichte der Neustetter Ortsteile. Das sagte Sannwald vor kurzem beim offiziellen Festakt zum 900-Jahre-Jubiläum von Remmingsheim, Wolfenhausen und Nellingsheim (wir berichteten). Die Insellage der württembergisch-evangelischen Stäble-Dörfer im rottenburgisch-katholischen Umland erzeugte laut Sannwald ein gemeinsames „Stäble-Bewusstsein“.

Die Gemeinde Neustetten hatte den promovierten Historiker mit der Erstellung eines Heimatbuchs beauftragt – als Privatmann auf Honorarbasis. Herausgekommen ist ein dicker, lebendig geschriebener Schmöker, mit mehreren Hundert Fotos, Karten und Tabellen sowie einem riesigen Anmerkungsapparat (2205 Fußnoten!). Im Namensregister dürfte praktisch jede alteingesessene Familie auf Vorfahren stoßen.

Wann war die erste urkundliche Erwähnung?

Das Buch ist die erste umfassende und wissenschaftlich fundierte Darstellung der Dorfgeschichte. Mehr als 500 Exemplare (Erstauflage: 800) sind bereits verkauft.

Beim Blättern und Lesen erfährt man nicht nur viel über die Siedlungsgeschichte auf der Hoch fläche zwischen Neckar, Rommelstal und Heuberg, sondern auch über die Arbeitsweise eines (Mittelalter-)Historikers. Sannwald stellt verschiedene Originaldokumente vor, prüft und interpretiert sie. Wie passen die Quellen zu den archäologischen Funden? Was geschah zur selben Zeit an anderen Orten in der Region? Manches bleibt Spekulation – ist aber durchweg spannend zu lesen.

So bleibt es eine Sache der Interpretation, auf welches Jahr man die erste urkundliche Erwähnung der Stäble-Dörfer terminiert. Sannwald zitiert eine Urkunde des Klosters Reichenbach (spätestens) aus dem Jahr 1105. Darin sind Remmingsheim und Nellingsheim erwähnt. Sechs Jahre später listete das Kloster Allerheiligen (Schaffhausen) erstmals alle drei heutigen Ortsteile auf. Aber auch dieser Güterbeschrieb ist womöglich schon einige Jahre älter. Wie auch immer, 1111 sei ein passendes Ursprungsjahr, findet Sannwald – eben weil die Urkunde das gesamte Gebiet des heutigen Neustetten erfasst. Die Gemeinde feierte also zurecht vor kurzem Jubiläum.

Das Heimatbuch setzt aber schon früher an. Schon in der Römerzeit war am Kesselbrunnen (am Oberlauf des Weggentalbachs) ein römischer Gutshof. Und durchs Rommelstal (das gehört zur Nellingsheimer Markung) verlief eine künstliche Wasserleitung nach Rottenburg.

Detaillierter wird die Chronologie erst ab dem 14. Jahrhundert. Immer wieder wechselten die Herrschaften. Spätestens mit der Reformation setzten sich die drei evangelischen Dörfer vom Rottenburgischen Umland ab.

Sannwald beschreibt auch das Alltagsleben, Landwirtschaft, Brauchtum, Vereine und – ganz wichtig – die Kirchengemeinden. Jahrhundertelang waren die Pfarrer die höchsten Autoritäten im Dorf. Auf neun Seiten listet Sannwald die Lebensläufe aller Pfarrer seit dem 16. Jahrhundert auf; für die Schultheißen braucht er nur sechs Seiten.

Stagnation im Stäble

Im 20. Jahrhundert stagnierte das Stäble und fiel gegenüber den aufstrebenden Nachbarorten zurück. Von der Reichsgründung 1871 bis in die 1960er Jahre blieb die Bevölkerungszahl in den drei Dörfern praktisch konstant.

Laut Sannwald lag das vor allem daran, dass hier die Landwirtschaft länger dominierte als anderswo im Kreis Tübingen. Wie der Kreisarchivar den technologischen und sozialen Wandel des bäuerlichen Lebens beschreibt, das ist Sozialgeschichte vom Feinsten.

Dazu gehören auch nette Anekdoten. Sannwald zitiert einen Bericht von 1899: Sonntags machte man überall im Gäu ausgiebige Spaziergänge. Die Remmingsheimer Männer gingen anschließend in die Kneipe, die Frauen nach Hause – „im Gegensatz zu Seebronn und Ergenzingen, wo der regelmäßige sonntägliche Wirtshausbesuch seitens der Hausfrauen feste Sitte ist“.

Die Nazi-Zeit wird nicht ausgespart

Spannend auch Sannwalds Darstellung der Nazi-Zeit. Das Stäble stimmte schon 1932 – also bei den letzten freien Reichstagswahlen – mit großer Mehrheit für die NSDAP.

Nach 1933 setzte sich die Nazi-Herrschaft auch in den entlegenen Dörfern durch. Der Wolfenhausener Bürgermeister denunzierte eine örtliche Familie als „schwachsinnig“, mit schrecklichen Folgen. Eine 39-jährige Remmingsheimerin wurde in Grafeneck ermordet.

Fast jede bäuerliche Familie beschäftigte einen Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangenen, schreibt Sannwald; das Verhältnis sei aber meist relativ harmonisch gewesen. Manche Pfarrer-Berichte aus der Zeit ließen den Kreisarchivar allerdings „frösteln“.

Dabei fällt auf: Kein einziges der mehr als 300 historischen Fotos, die Neustettener Familien für das Heimatbuch zur Verfügung gestellt haben, zeigt ein Nazi-Motiv. Womöglich wollte man die eigenen Eltern und Großeltern schonen. Sannwald allerdings nennt durchaus die Namen von aktiven Nazis und von ihren Gegnern. Darunter finden sich auch einige altehrwürdige Familiennamen im Stäble.

Auch nach Sannwalds riesiger Fleißarbeit bleiben Fragen offen. Der Kreisarchivar bittet zum Abschluss ausdrücklich um weitere Hinweise. Vielleicht wird es ja in zehn Jahren, zum 50-jährigen Bestehen der Gemeinde Neustetten, eine erweiterte Neuauflage geben.

Info: Wolfgang Sannwald: „Vom Stäble und Neustetten“, Verlag SCHWÄBISCHES TAGBLATT, Tübingen 2011, 444 Seiten, 29,90 Euro. Das Heimatbuch ist erhältlich im Remmingsheimer Rathaus und in allen TAGBLATT-Geschäftsstellen.

Das Heimatbuch reicht bis zum Einzug des Fernsehens

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27.09.2011, 12:00 Uhr

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