Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Was semmer? Cool semmer!

Das Kabarett Inflagranti schenkt sich zum 25. ein großes Fest in Rottenburg

Warum feiert ein Tübinger Kabarett sein Jubiläumsfest in Rottenburg? „Um die intellektuelle Distanz zu Tübingen zu zeigen“, sagte Gabriele Hoffmann, die Frau unter den fünf Männern. „Weil es in Tübingen keine so schöne Location gibt wie die Zehntscheuer“, sagte ganz pragmatisch Christian Mickeler. Mitten in der Altstadt, nah am Neckar, einen Bolzplatz für die Kinder vor der Tür.

06.10.2014
  • Fred Keicher

Außerdem wohnen zwei Mitspieler in Rottenburg. Das Fest war ein richtiges Familienfest. Zu Studizeiten gegründet, ist das 25-jährige der Zeitpunkt, an dem die Eltern noch gern zum Gratulieren kommen, die Kinder noch freiwillig und freudig mitgehen. An die 200 Gäste sind gekommen, sie wurden nicht mit Handschlag, sondern mit einer Umarmung begrüßt. Aus Chile, aus Hamburg sind sie angereist, der Saxophonist Lars Haake kam aus New York. „Eigentlich ist er bei allen wesentlichen Ereignissen bei uns dabei“, sagt Mathias Kotowski bei der Begrüßung. Haake war der musikalische Star des Abends. Im Duo mit Inflagranti-Pianisten Stephan Fuchs spielte er feine, melodiöse Jazzstandards.

Das Kabarett Inflagranti schenkt sich zum 25. ein großes Fest in Rottenburg
Nach 25 Jahren immer noch ein Team: Das Theater Inflagranti bei seinem Jubiläumsfest in der Rottenburger Zehntscheuer. Bild: Faden

Wer war 1989 wenigstens 14 Jahre alt? Kotowski kniff die Augen zusammen und schaute in den Saal. Mehr als die Hälfte. Den anderen erläuterte er die Situation der Studenten damals: „Wir waren frustriert und hatten viel Zeit.“ Natürlich wollten sie die Welt ändern, damals Anfang 1989. „Grün-Rot im Ländle haben wir geschafft“, beanspruchte Kotowski, und der Saal johlte vor Begeisterung. Alles andere was 1989 passierte, überraschte die Kabarettisten genau so wie viele Politiker. Inflagranti machte im Mai 1989 erstmal Jahrtagskabarett: „40 Jahre Grundgesetz“.

14 Programme sind es seitdem geworden. Einer war da, der alle gesehen hat. Der Holger musste allerdings auf die Bühne gezogen werden. Dort hatte sich die Truppe bereits als Gruppenbild mit Dame versammelt. Außer den bereits Erwähnten noch Christoph Noth und Clemens Malecha. Dabei war in den Anfangsjahren die Frauenquote deutlich besser: Kerstin Hauff und Annette Waizenegger spielten mit. Wes männlicher Charme die beiden vertrieben hatte, konnte am Samstagabend nicht geklärt werden. Nur dass Urban Tröster lieber zum Job nach Hamburg ging als in der Heimat Kabarettist zu werden.

Dabei haben es auch die Kabarettisten zu was gebracht, wurden Ärzte, Anwälte und Unternehmensberater, haben zusammen 14 Kinder. Mickeler sitzt für die Grünen im Tübinger Gemeinderat und kabbelt sich mit dem „roten“ Kotowski wie in einer richtigen Koalition. Irgendwie war Kotowski immer im Nachteil mit seiner SPD: „Das ist wie bei der Deutschen Rentenversicherung. Da zahlt man Jahrzehnte lang ein und kriegt nie was Richtiges raus.“

Gäste hatte sich die Gruppe eingeladen. Neben Lars Haake das Trio Bisinger Brettle aus dem Hohenzollerischen. „Hoffentlich seid ihr nicht nur wegen denen gekommen“, barmte Kotowski. Die Bisinger traten als Hohenzollern-Hillbillies im grünen T-Shirt auf. Timo Dotzauer spielt die Gitarre, Ingo Dollenmaier schlägt meistens sein Cajon und Andreas Fiedler macht dazu immer ein schlaues Gesicht.

Wo sie herkommen, spricht man ein radikalisiertes Schwäbisch. Für „haben“, sagt man nicht „han“ sondern „hau“. „Ich hau dir eine“ kriegt da eine merkwürdige Doppelbedeutung. Die Grobheit isch dem Schwaben sein Genie, sagte August Lämmle. Die Bisinger haben ein sehr langes Lied, das damit spielt: „Da haune ihr eine glanget, gebe, gschossa, usw.“ Riesengelächter.

Danach das Vesper. Der Metzger Egeler lieferte Maultaschen und Linse mit Spätzle, die Familie Däuble Schnaps, Most, Süßmost und der Wendelsheimer Wengerter und „Stanis“-Wirt Klaus Biesinger den Wein. Die lebhaften Pausengespräche verzögerten den Hauptakt des Abends erheblich.

Dem „Onkel-Benz-Preis“ merkte man manchmal an, dass das Programm für das 60-jährige Landesjubiläum vor zwei Jahren geschrieben wurde. Winkelemente, Fähnchen mit dem Landeswappen wurden verteilt. Einer Aufwärmphase mit Wechselrufen: „Was semmer? Cool semmer!“ folgte eine Lerneinheit übers große Landeswappen. Die Einblicke in die politische Tier- und Farbenkunde gipfelten in der Resignation: „Nach drei Jahren Grün-Rot sind die Landesfarben immer noch Schwarz-Gelb.“

Großartig ein Sketch über Geschlechterverhältnisse: Gestöhne unterm Laken, dann schälen sich die Gesichter heraus (Gabriele Hoffmann und Mathias Kotowski). Er zündet eine Zigarette an (nicht in echt) und sagt: „Ich liebe dich.“ Und sie entgeistert: „Was soll das jetzt?“ Und dann versinkt das Paar in einem Malstrom an Interpretationen. Zum Schluss musste man man um die Zukunft des Kabaretts fürchten. Gaby hypnotisierte die Männer und schwor sie auf Normalgesinnung ein. Das Schlusslied ließ hoffen: „Es ist noch Wasser im Fluss / Es fließt weiter, weil es muss.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.10.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball