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Hoffnung „Komet“

Das Klinikum richtet ein Kompetenzzentrum für Essstörungen ein

Neue Magersucht oder Fressattacken bis zum Gewicht von 250 Kilo: Essstörungen sind Krankheiten, hochgefährliche sogar. Ein Zentrum am Universitätsklinikum soll ihre Therapie und Prävention voranbringen.

27.09.2014
  • Wolfgang Albers

Tübingen. Kinderkram ist das nicht, wenn Kinder nicht mehr normal essen, sagt Stephan Zipfel: „Essstörungen sind keine Bagatell-Erkrankungen – das ist mir wichtig.“ Der Ärztliche Direktor der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen ist nun auch Chef von „Komet“, dem neuen Kompetenzzentrum für Essstörungen.

Binge-Eating ist hier noch kein Begriff

Das sind die Magersucht, aber auch Essanfälle, bei denen hinterher alles erbrochen wird (Bulimie genannt) oder eben nicht – so dass die Betroffenen ziemlich zunehmen. Das ist als Krankheitsbild noch ziemlich neu, so dass es noch gar keinen deutschen Ausdruck für die denglische Bezeichnung Binge-Eating-Störung gibt.

Andere hungern sich so dem Tode entgegen, dass der Körper ohne medizinische Hilfe keine Chance mehr hat. 28 Kilo bei einer Größe von 1,70 Meter, wie aktuell auf einer Klinikums-Station: Da brechen Knochen, das Sterblichkeitsrisiko ist erheblich, nämlich zehnfach erhöht. Und auch die Psyche wird schwer mitgenommen – Depressionen sind zum Beispiel fast unvermeidliche Folgen. Da sind dann alle Abteilungen im Klinikum gefordert. Die Innere Medizin muss erstmal den Körper stabilisieren, die Psychotherapeuten dann an an einem Ausweg arbeiten.

Die Tübinger leisten da sehr gute Arbeit, sagt Stephan Zipfel: „Wir sind schon im Spitzenranking.“ Aber nichts, was sich nicht noch verbessern ließe: „Wir haben es noch nicht geschafft, das Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu bündeln. Es soll nicht nur jeder seinen Bereich optimieren, sondern wir müssen in Zusammenhängen denken.“ Denn Essstörungen halten sich nicht an klassische Klinikums-Einteilungen. Eine kindliche Essstörung kann auch Erwachsene noch mit Rückfällen quälen.

„Komet“ soll jetzt die Übergabe besser koordinieren, weshalb auch Tobias Renner, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter, als „Komet“-Vize mitmacht. „Solche Schnittstellen waren bisher problematisch“, sagt Gaby Resmark. Sie wird die „Komet“-Geschäftsführerin. Der leitenden Psychologin aus Professor Zipfels Abteilung ist die Vernetzung nicht nur innerhalb des Klinikums wichtig, sondern auch mit den Ärzten draußen. Dass man momentan nach einer stationären Behandlung sechs Monate auf eine ambulante Therapie warten muss, soll sich durch „Komet“ zum Besseren ändern.

Junge Athleten gehören oft zur Risikogruppe

Und „Komet“ will auch die Prävention ausbauen. So kooperiere man mit den Sportwissenschaftlern. Denn junge Athleten, die (Minder)-Gewicht machen müssen, sind eine Risikogruppe für Magersucht. „Wir arbeiten mit Trainern zusammen und sagen, wo Grenzen gezogen werden müssen.“ Aber der interdisziplinäre Austausch gehe noch weiter: Mit Sozialpsychologen untersuche man, wo Stigmatisierung anfängt. Und mit Germanisten, welche Rolle Sprache habe.

Nicht, dass man Zusammenarbeit erst jetzt entdecke, sagt Zipfel: „Aber die verbindliche Form des Zentrums wird sie noch mehr voranbringen.“ Und damit hoffentlich auch die Therapie – da haben die Mediziner noch viele Fragen. Etwa: Warum zum Beispiel reicht bei jemanden nur eine leichte Intervention, und andere haben ständig Rückfälle?

Früher hat man da schon mal aufgegeben, sagt Renner: „Aber wir wollen neueste Therapieformen entwickeln und damit solche lange Verläufe beenden.“ Und aufschließen in die internationale Spitze, etwa zum renommierten Londoner King’s College, das Institut mit den meisten Publikationen – und sehr interdisziplinär aufgestellt. „Damit wollen wir uns jetzt messen“, gibt Stephan Zipfel die „Komet“-Messlatte vor.

Die Klinikumsmediziner haben mit allen Facetten der Essstörungen viel Erfahrung. 500 Patienten werden jedes Jahr deswegen behandelt. Und das sind nur die ganz schweren Fälle.
Die meisten bekommen die Tübinger gar nicht zu sehen. Zwar hat bei den 11- bis 17-Jährigen jedes fünfte Kind (und jedes dritte Mädchen) Symptome einer Essstörung, aber oft bringen das Umfeld oder Psychotherapeuten vor Ort sie da wieder raus.

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27.09.2014, 12:00 Uhr

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