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Opernhaus

Das Kreuz mit der Kreuzbühne

Der Verein „Aufbruch Stuttgart“ lässt nicht locker und plädiert für eine maßvolle Sanierung und einen Neubau im Herzen der Stadt.

20.02.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Künftig nur der Spielort für Ballett und Konzert? Das Stuttgarter Opernhaus. Foto: dpa

Stuttgart. O wie so trügerisch“, singt der Herzog im „Rigoletto“ und meint die „Weiberherzen“ – die Bausubstanz des Opernhauses scheint aber ebenso unkalkulierbar. Der Verein „Aufbruch Stuttgart“, der sich für ein lebendiges Kulturquartier, für den Umbau der autogerechten zur „menschengerechten Stadt“ einsetzt und mit seinen Aktionen und Ideen Oberbürgermeister Fritz Kuhn vor sich hertreibt, eröffnete jetzt mit der machohaften Verdi-Arie ein Expertengespräch über das „Drama Stuttgarter Oper“.

Es hat sich in den vergangenen zwei Jahren viel getan in der von S 21 dauergenervten Landeshauptstadt, deren Bürger zunehmend begreifen, dass sie noch mehr Probleme haben als das Milliardenprojekt Hauptbahnhof. Zum Beispiel die B 14, die vielspurig die Innenstadt durchschneidet. Oder die Generalsanierung des Opernhauses. Der Verein um den Vorsitzenden Wieland Backes hat die Debatte neu entfacht: So waren sich fünf internationale Architektenbüros, darunter Herzog & de Meuron, in einem Workshop einig, dass der geplante massive Umbau des denkmalgeschützten Opernhauses hohe, mit großen Risiken behaftete Kosten, aber keinen städtebaulichen Mehrwert bringe.

Deshalb lautet die These von „Aufbruch Stuttgart“: bitte nur eine maßvolle Sanierung und damit eine künftige Nutzung des Littmann-Baus nur für Konzerte, Ballett sowie als Spielstätte für bühnenbildtechnisch weniger aufwendige Operninszenierungen. Dafür aber: ein Neubau einer zeitgemäßen Oper, zum Beispiel direkt am Beginn der Königstraße (Hausnummern 1-3) als weiteres Wahrzeichen im Herzen Stuttgarts, und zwar als Ort nicht nur fürs Musiktheaterpublikum, sondern auch als Anziehungspunkt tagsüber für Touristen (Aussichtsplattform, Cafés). Die Elbphilharmonie oder das Opernhaus in Oslo setzen in dieser Diskussion den Maßstab.

Dafür hatte der „Aufbruch“ jetzt Experten als Fürsprecher in den Hospitalhof geladen: Andrea Jürges vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main, Detlef Junkers von pfp Architekten (Beauftragter für die Machbarkeitsstudie zur Sanierung der Frankfurter Oper) und Hans-Günter Merz, dessen Büro die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden durchführte – und der sich mit Kostenexplosionen gut auskennt.

Warum für mindestens 400 Millionen (oder bis zu 800 Millionen?) Euro das Opernhaus nicht nur sanieren (Brandschutz etc.), sondern das Kulturdenkmal in der Substanz angreifen – oder „zerstören“, so Merz –, um eine moderne Kreuzbühne einzubauen? Es ist vor allem das Kreuz mit der Kreuzbühne: Eine Oper mit einem Repertoirebetrieb, die also nicht wochenlang die gleiche Produktion bieten möchte, sondern verschiedene Aufführungen, muss Bühnenbilder immer neu heranschaffen und aufbauen – oder kann sie eben auch seitlich zwischenparken oder lagern. Ein verständlicher Praxisbezug der Opernmacher. Trotz großer Bedenken hat das Landesdenkmalamt in den Vorplanungen das Okay gegeben, die Außenmauer des Opernhauses um rund zweieinhalb Meter in Richtung Landtag zu verschieben.

Ein Riesenaufwand – stehen die Ausgaben dazu in einem relevanten Verhältnis? Nicht jeder Wunsch könne im Korsett der historischen Littmann-Oper verwirklicht werden. „Warum gutes Geld in schlechte Substanz stecken?“ (Junkers). Fragen über Fragen. Und auch Pragmatismus kommt ins Spiel: Stuttgart sei dank seiner künstlerischen Klasse auch ohne Kreuzbühne vielfach zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt worden. Das freilich ist ein Argument der Sorte: Daimler habe in den 50er Jahren ja auch schon tolle Autos gebaut, weshalb sollte der Konzern jetzt neu investieren?

Trotzdem, die Expertenmeinungen klangen an diesem Abend vernünftig, nachvollziehbar bis visionär. Nicht zuletzt müsste in Stuttgart kein bis zu 100 Millionen Euro teures Ausweichquartier irgendwo in der Stadt (letzter Stand: Wagenhallen-Areal) gebaut werden, dessen Anschlussnutzung völlig offen ist. Erst ein Neubau der Oper, dann die Sanierung des alten Hauses, das wäre eine sparende Konsequenz.

Geradezu tragisch erscheint so, dass Marc-Oliver Hendriks, der geschäftsführende Intendant der Staatstheater, seit vielen Jahren akribisch wie umsichtig für Generalsanierung und Umbau der Littmann-Oper arbeitet und den Verwaltungsrat der Staatstheater in die Spur gebracht hat. Mühsam haben Stadt und Land das Projekt abgesteckt, sich festgelegt auf die Oper als Oper – wobei Mitte des Jahres die Gesamtkosten auf dem Tisch liegen werden, was die Debatte dann neu befeuern dürfte. Ganz abgesehen davon, dass die Kommunalwahl ansteht und überhaupt Ende 2020 in Stuttgart ein neuer OB gewählt wird . . .

Fragen über Fragen

Aber die Zeit läuft sowieso davon. Noch ist nichts beschlossen. Hat Stuttgart den Mut, noch einmal neu zu denken, Alternativen zu prüfen? Aber möchte Stuttgart überhaupt den Neubau einer Oper – oder sollte es nicht eher ein Konzerthaus sein? Würde der Littmann-Bau als zweiter Konzertsaal neben der Liederhalle wirklich funktionieren? Würde nach einem Opernneubau und mit dem alten Opernhaus als weiterer Spielstätte auch das Geld vorhanden sein, alles hochkarätig zu bespielen? Das klingt alles nicht nach Verdi, sondern eher nach einer endlosen Dacapo-Arie, die hoffentlich zu einer Kadenz in Dur kommt.

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Erstellt:
20. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 06:00 Uhr

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