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Leitartikel Elphi

Das Kulturwunder

Früher bauten sie mit solcher Zuversicht Kathedralen. Die Bürger Ulms etwa legten im Jahre 1377 stolz den Grundstein zu ihrem Münster und forderten das Schicksal heraus. 10 000 Menschen wohnten in der Freien Reichsstadt, die Kirche war freilich für 20 000 ausgelegt, wurde aber auch erst ein paar Jahrhunderte später fertig, 1890, mit dem höchsten Kirchturm der Welt.

07.01.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Als Olaf Scholz 2011 zum Ersten Bürgermeister Hamburgs gewählt wurde, hätten in der Elbpilharmonie eigentlich schon seit einem Jahr Orchester aufspielen sollen, statt dessen lärmte es noch nicht mal auf der brachliegenden Baustelle, denn nicht alle Architekturpläne lagen vor: „Ich glaube, zuletzt hat man im Mittelalter so gebaut. Da haben die Handwerker das nach Gefühl gemacht – und mit Gott.“

Es ist tätsächlich ein Wunder, dass die Elbphilharmonie, das spektakulärste Konzerthaus der Welt, kommenden Mittwoch eröffnet wird: zehn Jahre nach Baubeginn und 16 Jahre nachdem der Schweizer Architekt Jacques Herzog auf ein Foto des backsteingemauerten Kaispeichers A, das Alexander Gérard und Jana Marko ihm vorgelegt hatten, mit ein paar Strichen eine aufbäumende Welle skizzierte. 77 Millionen Euro hätte der Steuerzahler dafür bezahlen sollen, nach bald ernsteren Kalkulationen 114 Millionen. Es werden aber jetzt 789 Millionen Euro sein. Eine unvorstellbare Summe. Und ein Skandal, natürlich. Der Südwestrundfunk hat gerade seine beiden großen Sinfonieorchester fusioniert, also eines abgewickelt, um jährlich fünf Millionen Euro zu sparen. So unterschiedlich wird das Geld für die Kultur ausgegeben. Oder auch nicht.

Allerdings ist die Elbphilharmonie nicht nur ein Konzertsaal, sondern auch das neue, dank seiner großartigen Architektur in die Welt hinaus leuchtende Wahrzeichen einer Millionenstadt. Spätere Generationen müssen die Rechnung aufmachen: den Werbefaktor und den Image-Gewinn für Hamburg addieren, die Rendite berechnen. Dann sieht das anders aus.

Chaos auf der Baustelle, unfertige Planung, überforderte Politiker – ein Untersuchungsausschuss hat das ganze Desaster amtlich aufgezeigt. Aber auch wenn die Hamburger solide kalkuliert und ein erstklassiges, kein stümperhaftes Baumanagement eingesetzt hätten: In dieser einmaligen Qualität wäre die Elbphilharmonie unter 500 Millionen Euro niemals zu haben gewesen. Eine Summe folglich, die keine Bürgerschaft abgesegnet hätte. Ein Kulturprojekt, das in jedem Volksentscheid darüber durchgerasselt wäre. Aber die Elbphilharmonie hatte von Anfang an viele Menschen euphorisiert: kein Vergleich mit Bauten für mögliche Olympische Spiele, für einen Hauptstadt-Flughafen, für einen unterirdischen Bahnhof. Architekt Jacques Herzog hat Recht, wenn er sagt, dass die Schönheit der Elbphilharmonie das Projekt gerettet habe: „Wäre es hässlich gewesen, hätte man es langsam sterben lassen.“

Früher waren zumeist herrschende Fürsten oder Päpste beziehungsweise Diktatoren zuständig fürs spätere Kulturerbe der Menschheit. Schön, dass sich auch eine Demokratie etwas wunderbar Unvernünftiges leistet.

leitartikel@swp.de

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07.01.2017, 06:00 Uhr

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