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Mit Global Player-Publikum der Härten

Das Kusterdinger Scheunenkino hat die ersten zehn Jahre spielend geschafft

„Metropol“: Das Kino, das mondän nach Großstadt klingt, steht im verwinkelten Kusterdingen. Vor zehn Jahren haben die Filmfreunde dort zum ersten Mal das Tor der früheren Gemeindescheuer für Publikum geöffnet. Seitdem läuft von Oktober bis April donnerstags ein Film – vor meist gut besetzten Zuschauerreihen.

24.06.2015
  • Christine Laudenbach

Kusterdingen.Arsenal-Kinobetreiber „Stefan Paul wär’ glücklich, wenn er das hätte“, sagt Filmfreunde-Vorstand Dieter Stoll mit nur ganz leichtem Augenzwinkern über den „ziemlich stabilen Zuschauerschnitt“ in Kusterdingen. 75 Prozent Auslastung pro Abend: Die Bilanz kann sich sehen lassen. Bei rund 32 Filmvorführungen pro Jahr zeigten die Filmfreunde allein im regulären Donnerstagsprogramm in ihrem ersten Jahrzehnt 256 Filme, manche mehrfach. Wieviele Besucher insgesamt die umgebaute Scheuer in der Lederstraße besuchten? „Den 5000. haben wir noch geehrt“, so Stoll, „dann haben wir aufgehört, Buch zu führen“. Sicher ist: Die 32 blauen Plüschsitze sind meist gut besetzt. Ins rustikale Scheunenambiente habe man sie übrigens aus Augsburg geholt – aus einem Pornokino. Eintrittskarten, die in einer alten Schachtel mit den Sesseln auf die Härten gelangten, belegen „abendfüllende Erwachsenenveranstaltungen“.

Als die drei Hauptinitiatoren Martin Henes, Armin Knoblich und Dieter Stoll das Projekt „Metropol“ vor knapp zwölf Jahren in Angriff nahmen, hatten die Filmfreunde gerade einen herben „Nackenschlag“ zu verkraften. Das Haus bei der Linde, das der Verein damals zum Kino umfunktioniert hatte, fiel nach dem Tod des Besitzers den Erben zu. Die Miete wurde „saftig erhöht“, die Nutzung beschränkt. Die Filmfreunde bauten ihr Inventar zurück und zogen aus. Überwintert wurde dann im Klosterhof – mit einer Rollo Leinwand und einem Beamer. Als dann die Gemeinde die sanierungsbedürftige Scheuer in der Lederstraße anbot, krempelten die Filmfans die Ärmel hoch. Da war „echte Grobmotorik“ angesagt. In rund 2000 Arbeitsstunden machten die rund 16 Schaffer die Scheune von 1773 zum Metropol von heute – mit perfekter Technik, allerdings ohne „Drei-D-Gedöhns“.

Dass bei dem Neuanfang so viele engagiert mitangepackt haben, ist für den Vereins-Chef nach wie vor nicht selbstverständlich. Heute, sagt er, „würde das so nicht mehr passieren“. Nicht nur der Verein sei nach fast zwanzig Jahren etwas in die Jahre gekommen, sondern auch seine Mitglieder. Ein harter Kern aus rund 18 aktiven von rund 50 Filmfreunden schaffe nach wie vor mit, junge kämen aber kaum nach. Wofür der 60-Jährige durchaus Verständnis hat. Als junger Familienvater etwa sei es schwierig, sich entsprechend einzubringen. Pro Filmabend haben beispielsweise zwei Vereinsmitglieder Dienst. Die Kasse müsse an ihrem Kino ohne Gewinnerzielung zwar nicht besetzt sein, aber der Getränkeverkauf in der Pause. Für Stoll ein heißes Eisen: „In der Pause heult der Cineast in mir immer auf“, bekennt er. Aber der Verein finanziere sich nunmal weitgehend über diese Einnahmen.

Gab es Höhepunkte und Flops? Magische Momente oder Reinfälle? An richtige Flops kann sich der Technik-Zuständige Stoll nicht erinnern. Ein paar richtig verregnete Open-Air-Veranstaltungen vielleicht, aber sonst? Allerdings: Vor zwei Jahren habe es einen Rückschlag in Sachen Öffentlichkeitsarbeit gegeben. Die für die Lizenzvergabe zuständige Firma untersagte dem Verein, die Filmtitel zu veröffentlichen. Um damit zu werben, reiche die günstigere Lizenz der Filmfreunde nicht aus. Seitdem gebe es statt der Bekanntgabe in der Zeitung eben einmal pro Jahr eine Rundmail an die Besucher – rein informativ.

Was das Jahr über gezeigt wird, entscheiden übrigens die Mitglieder – beim jährlichen Großputz nach den Sommerferien. Wer da ist, hat Mitspracherecht. Ganz gleich, ob Action-Film oder Schnulze. Bei manchen Vorschlägen wisse man bereits am Putztag: „Das gibt Ärger“, sagt Stoll und verdreht die Augen. Bei Komödien stünden schon mal bis zu 60 Leute vor der Tür – die unmöglich alle ins Kino könnten. Nebenbei: Der typische Metropol-Besucher ist zwischen 40 und 70 Jahre alt und wohnt auf den Härten. Anspruchsvolle Filme oder Dokumentationen wolle dieses Stammpublikum, das mindestens die Hälfte der Zuschauer ausmache, aber nicht sehen. Es sei eher ein „Global Player-Publikum“, das Geschichten wie die mit Walther Schultheiß liebe.

Und Höhepunkte? Viele, beteuert Stoll. Über James-Bond- und Wehrwolf-Filmnächte etwa, würde heute noch gesprochen. Sein ganz persönliches Special war 2009 „Oh Brother, where art thou?“, open air, mit passender Live-Musik. Konzertabende in Club-Atmosphäre soll es künftig regelmäßig geben, verspricht Stoll, der selbst Musik macht. Motto-Filmnächte und Vermietung für private Zwecke hätten die Filmfreunde dagegen aus dem Programm genommen. Der Aufwand sei einfach zu groß gewesen.

Und in Zukunft? „Weiter wie bisher“, beteuert der Vereins-Chef, mit verbesserter Technik im Foyer. Der Flachbildschirm im Kinovorraum wird gegen eine Leinwand ausgetauscht. Bei großem Andrang könnten künftig auch die, die leider draußen bleiben müssen, komfortabler gucken. Stoll ist überzeugt: „Das ist auf jeden Fall besser, als den Film allein daheim anzuschauen.“

Das Kusterdinger Scheunenkino hat die ersten zehn Jahre spielend geschafft
Offizielle Eröffnung im November 2005. Auf der Bühne: Dieter Stoll. Archivbild: Metz

Am Freitag und Samstag, 26. und 27. Juni, wird im Garten der Lederstraße gefeiert – mit Kino und Konzerten. Am Freitagabend läuft nach Einbruch der Dunkelheit eine Tragikomödie, deren Namen öffentlich nicht genannt werden darf (aus Lizenzgründen). Nur soviel: Es spielt in einem Hotel, das nicht in Indien steht. Der Samstag hat ab 17 Uhr viel Live-Musik zu bieten: Ina Z und Mr. Gray, Misc, Matthias Möhring & The West, Songbird und Horse Mountain (mit Dieter Stoll) spielen auf. Wenn es dunkel wird, ist auch an diesem Abend wieder Zeit fürs Kino: In der Sozialkomödie verwirklichen zwei Langzeitarbeitslose eine ungewöhnliche Idee.

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24.06.2015, 12:00 Uhr

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