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Übrigens

Das Lächeln meiner Mutter in frühen Fotoalben

Am Donnerstag ist in der LTT-Werkstatt nach der 18-Uhr Aufführung des Theaterstücks „Ein Haufen Liebe“ des Frauentheaters Purpur um 20 Uhr wieder einmal der Stück-begleitende Film von Alina Cyranek zu sehen. Ältere Frauen zwischen 70 und 90 sprechen über früher, über die Liebe.

11.01.2017
  • Peter Ertle

Am Donnerstag ist in der LTT-Werkstatt nach der 18-Uhr Aufführung des Theaterstücks „Ein Haufen Liebe“ des Frauentheaters Purpur um 20 Uhr wieder einmal der Stück-begleitende Film von Alina Cyranek zu sehen. Ältere Frauen zwischen 70 und 90 sprechen über früher, über die Liebe.

Meine Mutter hätte auch etwas zu erzählen gehabt. Aber sie sprach nicht gern darüber. Die Fotos, auf denen sie am glücklichsten wirkt, stammen aus ihrem Jungmädchenalbum und es sind die Fotos, auf denen immer auch der Flieger zu sehen ist. Später, mit meinem Vater, mit uns, lächelt sie anders.

Ja, das ist privat, was hat das in einer Zeitung zu suchen? Vielleicht nichts. Aber es ist typisch für eine ganze Frauengeneration. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Ring.

Welcher Ring? Der Reihe nach: Meine Mutter hat den Krieg noch erlebt, an der – wie man das damals nannte – „Heimatfront“, zuhause. Als der Krieg vorbei war, war sie 21. Ich, das 17 Jahre später geborene Nachzüglerkind, hörte sie manchmal auf die Amerikaner schimpfen, die hätten so fürchterlich gebombt. Meist fiel irgendwann der Satz: „Uns hat man ja die Jugend gestohlen.“ Meinen stets folgenden Hinweis, der Krieg sei immerhin von Nazi-Deutschland ausgegangen, quittierte sie mit einem zustimmenden Nicken, das aber nichts an ihrer Bitterkeit änderte.

Ich war sicher schon um die 25, 30, als ich zum ersten Mal erfuhr, dass meine Mutter verlobt gewesen war, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Ihr Verlobter war zum Kampfpilot ausgebildet worden. In den letzten Wochen eines längst verlorenen Kriegs wurde er zur „Luftabwehrschlacht“ nach oben geschickt. Es war sein erster „Feindeinsatz“. Er wurde abgeschossen. Von Amerikanern. Den Verlobungsring, den man ihm zwischen den Wrackteilen abstreifte, brachten sie meiner Mutter.

Wenige Jahre später heirateten meine Eltern. Es war bald nach dem Krieg, man hatte nicht viel, also wurde der Verlobungsring zum Ehering meines Vaters. Es war pragmatisch. Und auch irgendwie logisch: Er war jetzt an der Stelle, die für den Flieger vorgesehen gewesen war.

Im Alter wurden die Finger meiner Eltern dicker, beiden wurde der Ring unbequem, meine Mutter legte ihn oft ab während der Hausarbeit. Mein Vater legte seinen irgendwann ganz ab.

Eines Tages streifte meine Mutter sich den abgelegten Ring meines Vaters über: Ihr passte er jetzt. So trug meine Mutter als ältere Frau wieder den Verlobungsring ihres Fliegers – als Ehering.

Als sie starb, wurde ihr bisschen Schmuck, viel war es nicht, an die drei Kinder aufgeteilt. Ich wollte den Ring. Manchmal ziehe ich die Schublade auf und streife ihn über: Er passt.

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11.01.2017, 01:00 Uhr

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