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Stadtleben

Das Leben auf der Straße

Ein ehemaliger Obdachloser bietet eine besondere Stadtführung an. Er zeigt Besuchern keine Sehenswürdigkeiten, sondern Brennpunkte in Stuttgart.

12.03.2019

Von MELISSA SEITZ

Bei seinen Touren macht Thomas Schuler mit seinen Gruppen auch einen Stopp an der Leonhardskirche. Auf einer Bank hinter dem Gebäude begann sein Leben in der Landeshauptstadt. Foto: Ferdinando Iannone

Da lag er plötzlich, auf einer Bank hinter der Leonhardskirche. Er hatte nichts anderes bei sich als die Kleidung, die er am Leib trug, ein wenig Geld und seine Sucht, die Alkoholkrankheit. Vor 30 Jahren hat es Thomas Schuler nach Stuttgart verschlagen. Wie genau es dazu kam, daran kann er sich nicht genau erinnern. Was er noch weiß: Am Abend zuvor hatte er Stress mit seinem Chef. Er arbeitete als Koch in Freiburg, schmiss dann alles hin, hob sein Geld auf der Bank ab und setzte sich in eine Bar. Am nächsten Morgen wachte er in Stuttgart auf.

Schuler macht keinen Hehl daraus, dass bei ihm damals einiges schief gelaufen ist. Mit 13 Jahren hat er das erste Mal getrunken, auch sein Vater hatte mit der Sucht zu kämpfen. „Alkohol war mein kleiner, großer Begleiter“, sagt er – je nachdem, in welcher Lebenssituation er sich gerade befand. Inzwischen ist er trocken. „Mein Bauch kommt nicht mehr vom Alkohol, sondern vom guten Essen“, witzelt er.

Wohnzimmer: Paulinenbrücke

Das Leben auf Stuttgarters Straßen war für Schuler schwer, fünf Jahre war er obdachlos. Sein Wohnzimmer, wie er sagt, war zu dieser Zeit unter der Paulinenbrücke. Er kennt die Brennpunkte, weiß, wo sich Drogenabhängige und Gestrandete aufhalten. Er kennt die Geschichten, die in Stuttgart im Verbogenen bleiben, und er erzählt sie – in einer ganz besonderen Stadtführung. Seit elf Jahren zeigt er als hauptberuflicher Stadtführer im Auftrag der Straßenzeitung „Trott-war“ Interessierten die Seiten von Stuttgart, jenseits von schön und teuer.

Erster Stopp: Charlottenplatz. Gegenüber des Hotels Silber steht ein Litfaßsäulen-WC. „Wer kurz mal auf die Toilette muss, weiß diese Dinger zu schätzen“, sagt Schuler, „aber auch Heroinabhängige.“ Nicht weil sie dort ihre Notdurft verrichten können, sondern um sich zu spritzen. Doch inzwischen meiden sie das WC: „Wenn sich die Türe öffnet, drehen sich die Süchtigen seit neustem auf dem Absatz wieder um.“ Grund dafür ist die blaue Beleuchtung. Bei dem Licht finden sie keine Venen mehr.

Der Stadtführer hat selbst keine Erfahrungen mit Heroin gemacht – aber mit Alkohol. Vier Flaschen Wodka gehörten zu seinem Tagesbedarf. Was für andere der morgendliche Kaffee ist, war für ihn eine Flasche der hochprozentigen Spirituose. Doch auch wenn er nie in Berührung mit Heroin kam, kennt er die Stellen, an denen sich Süchtige spritzen. Unter dem Zehennagel, ins Auge, im Intimbereich – überall dort, wo es nicht auffällt, die Substanz aber schnell ins Blut kommt.

Keine Tiere, sondern Menschen

Schuler läuft weiter entlang der B 14 und macht Halt auf der gegenüberliegenden Seite der Leon- hardskirche. Warum er sich mit seiner Gruppe nicht vor dem Gebäude positioniert? Er möchte nicht, dass sich Bedürftige wie im Zoo fühlen. Also macht er eben dort Stopp, wo man genug Abstand hat, aber auch genug sieht. Mit der Leonhardskirche verbindet Schuler positive Erinnerungen. Während der Vesperkirchen-Zeit ging er in der Kirche essen, besuchte dort auch mal ein Hardrock-Konzert. „Pfarrer Fritz stand draußen und hatte Angst, dass durch die laute Musik das Dach einbricht“, erinnert sich der ehemalige Obdachlose.

Nur ein paar hundert Meter von der Kirche entfernt liegen das Café Strich-Punkt, eine Anlaufstelle für junge Männer und Transmenschen, die der Prostitution nachgehen, und das Pendant für Frauen, das Café La Strada. „Hier finden sie Beratung, Klamotten, aber auch Kondome, denn viele Heroinabhängige prostituieren sich.“ Laut dem Stadtführer brauchen die meisten 400 Euro am Tag an Drogengeldern. Freier würden für ein Treffen aber oft nur zehn Euro zahlen. „Sie können sich denken, dass man damit kaum 400 Euro zusammenbekommt“, sagt Schuler. Also tun sich die Süchtigen zusammen, man teile sich den Stoff, ohne auf einen hygienischen Konsum zu achten. Oder man greife zu der Zombie-Droge, wie er sie nennt. Der Name: Krokodil. „Das Zeug ist billig, frisst dich aber von innen auf.“ Nach dem ersten Konsum bleiben den meisten nur noch 14 Monate zum Leben.

Was Schuler erzählt, hinterlässt Eindruck bei der Gruppe. „Wieso leben so viele Menschen auf der Straße?“, fragt einer. Es gehe um Freiheit, viele wollen sich diese nicht nehmen lassen. Schuler erinnert sich an seine erste Nacht in einer Unterkunft nach fünf Jahren auf der Straße: „Als ich das erste Mal wieder in einem Bett lag, fühlte es sich wie in einer Schiffschaukel an.“ Er musste sich daran gewöhnen, ist aber froh, dass er den Schritt gewagt hat. Jetzt hat sein Leben eine Ordnung. Er hat eine Wohnung, ist seit 2015 Steuerzahler, trocken und hat ein geregeltes Einkommen.

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Erstellt:
12. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. März 2019, 06:00 Uhr

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