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Spuren des Lesens und Lebens

Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zeigt "bewegte Bücher"

Gelesene und zerlesene, vollgekritzelte und ausgeschlachtete Bände, Bibliotheken von Schriftstellern und aus Gefängnissen: Das Literaturmuseum der Moderne widmet sich vielgestaltig "bewegten Büchern".

05.11.2015

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Marbach - "Seien Sie darauf gefasst, dass Sie einige sehr schreckliche Dinge zu sehen bekommen." Mit ernster Miene empfängt Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, die Besucher. Dabei ist für "Bewegte Bücher", die sehenswerte Sonderausstellung im Literaturmuseum der Moderne (LiMo), wahrlich keine Warnung vonnöten.

Gewiss, es geht diesmal nicht um schöne Bücher. Nicht um Erst-, Pracht- und Vorzugsausgaben, sondern um gelesene, gebrauchte Exemplare. Warum aber "bewegte" Bücher? Nun, wen Literaturwissenschaftler einen Text als Raum begreifen, lassen sich Bücher ebenso als Räume verstehen, in denen und mit denen man etwas macht, wie Museumschefin und Kuratorin Heike Gfrereis erklärt.

Es klingt paradox: Lesen ist zwar meist eine stille, ruhige Tätigkeit, und doch bewegt man sich mit und in Büchern. Und man wird durch sie bewegt. Also erkundet die Schau das Buch als Raum mit allen seinen inneren und äußeren Bewegungsformen. Auch im Sinne Hans Magnus Enzensbergers, wenn er den Akt des Lesens dergestalt beschreibt: "Hin- und herzublättern, ganze Passagen zu überspringen, Sätze gegen den Strich zu lesen, Schlüsse aus dem Text zu ziehen, von denen der Text nichts weiß, und das Buch . . . zu einem beliebigen Zeitpunkt in die Ecke zu werfen." Energetisch, radikal, poetisch - für Ulrich Raulff wird das Lesen so gar zu einem Akt freier Liebe.

Die Schau präsentiert den Schriftsteller als Leser, aber als einen, der vom Schreiben nicht lassen kann: Davon zeugen Bücher voller Notizen, Malereien und Ausrisse; als Zettelkästen und Inspirationsquellen genutzte Bände. Von dritter Hand angestrichene und vollgekritzelte Romane liegen in den Vitrinen.

Bewegte Bücher, das wird in dieser Ausstellung sowohl konkret als auch metaphorisch gedacht. Man könnte ebenso manchmal von mitgenommenen Büchern sprechen - in jeglicher Hinsicht.

Zu sehen ist etwa Peter Handkes "Don Quijote"-Exemplar, das er 2000 als Wanderlektüre in Bosnien und Spanien dabei hatte: ein zweiter, handschriftlicher Text legt sich über das gedruckte Wort. Am weitesten gereist dürfte die dreibändige Miniaturausgabe des "Faust" sein, die der Kosmonaut Sigmund Jähn 1878 zur Soljut-Raumstation mitnahm. Zusammen mit dem Kommunistischen Manifest und einem Bildband über die DDR.

Das Buchwesen war natürlich stets selbst dynamischen Prozessen unterworfen. So geht es auch um Formen und Formate: vom Miniaturbändchen für unterwegs bis zu Arno Schmidt Kolossal-Ausgabe von "Zettels Traum". Wie das Taschenbuch Bewegung auf den Buchmarkt brachte, wird erläutert, der Groschenroman nicht vergessen. der Untergrund ebenso wenig: Zu sehen sind alle Raubdrucke der "Räuber".

Sebald, Rühmkorf, Celan, Heidegger, Benn: Als Herzstücke der Schau werden fünf Autorenbibliotheken auszugsweise präsentiert. Eingelegte Fotos, Tickets und getrocknete Blätter zwischen den Seiten lassen W. G. Sebalds Bücherschatz zu einer eigenen Lesens- und auch Lebens-Chronik werden. Paul Celan versah Gedichte anderer Autoren mit zusätzlichen Pausenzeichen wie Gedankenstriche, Kommata; er suchte Korrespondenzen mit sich selbst, verwendete Bücher als kreativen Resonanzraum.

Die Ausstellungswände zieren Abbildungen von Bibliotheksregalen, zudem gibt es Freihand-Räume: eine Lazarett-Bibliothek aus dem Jahr 1914, eine Leihbücherei aus dem 19. Jahrhundert und auch eine Gefängnisbücherei. Und in "Buchtauschzonen" sollen die Besucher Spuren hinterlassen. Ein Schatz ist die "Kathamandu Library": Seit Mai 2004 hatten Christian Kracht und Eckart Nickel als Redakteure von "Der Freund" in der nepalesischen Hauptstadt gelebt und jeden Tag ein gebrauchtes Buch gekauft, also etwas Vertrautes in der Fremde.

Von fernen zu fantastischen Orten: Eine letzte Installation feiert das Buch als Ort der Imagination. Der Besucher darf auf einem "Tisch der erfundenen Orte" - von Avalon bis Xanadu, von Bielefeld bis Lummerland - neue Bezüge herstellen.

Die Schau hat einen wunderbaren Nebeneffekt. Wo das Kulturgut Buch in Marbach durch Archiv- und Forschungstätigkeit sowie ambitionierte Ausstellungen unweigerlich etwas Auratisches, Erhabenes und Überhöhtes erhält, wird es in dieser Ausstellung zum Gebrauchsgegenstand zurückgeführt: profan, alltäglich und benutzt.

Das zeigt nicht zuletzt eine Fundbibliothek, die die Deutsche Bahn für die Ausstellung in drei Monaten zusammengetragen hat. Ein merkwürdiges Panoptikum: Nicht nur Taschenbücher füllen die Kisten, sondern auch Gesamtausgaben, Bildbände, eine hebräische Bibel und Gesetzbücher. Also nicht nur in Zügen verlorene und vergessene, sondern offenbar auch "ausgesetzte" Bücher, wie Raulff sagt. Daher findet er Aspekte der Schau "unendlich traurig". Es sei doch deprimierend, was Menschen mit ihren besten Gefährten und Freunden, nämlich Büchern, alles tun.

Ach, entgegnet da Heike Gfrereis, man könne solche Bücher doch wiederum adoptieren, ihnen eine neue Heimat geben.

Und so zelebriert die Marbacher Ausstellung letztlich eine ganz besondere Liebesgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen: eben die zwischen Mensch und Buch.

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"Bewegte Bücher" zeigt das Literaturmuseum der Moderne: ob in der gleichförmigen Gestalt einer Leihbücherei aus dem 19. Jahrhundert (großes Bild) oder einer Fundbibliothek der Deutschen Bahn (unten links). Oben links ist ein Buch-Attrappe von 1888 zu sehen, darunter Peter Handkes Wanderexemplar von "Don Quijote". Fotos: DLA, Magdi Aboul-Kheir

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Erstellt:
5. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. November 2015, 12:00 Uhr

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